Lokales

„Gazakrieg bald zu Ende“

Givatayim nimmt Bürger aus Ashkelon auf – Kreisbesuch weiter im Blick

In Israel wird damit gerechnet, dass die Militäroffensive innerhalb der nächsten zwei Wochen beendet sein wird. Dies hat Reuven Ben-Shachar, Oberbürgermeister von Givatayim, der Partnerstadt des Landkreises Esslingen, mitgeteilt. In Givatayim laufen die Vorbereitungen für den Besuch einer Kreistagsdelegation und von Schülern aus dem Kreis weiter.

richard umstadt

Kreis Esslingen. In den letzten Wochen stehen die Telefone im Rathaus von Givatayim, der israelischen Partnerstadt des Landkreises Esslingen, nicht still. „Wir stehen in ständigem Kontakt mit unseren Ansprechpartnern in der Stadt Givatayim“, sagt Landratsamts-Pressesprecher Peter Keck. Der rund 55 000 Einwohner zählende Trabant von Tel Aviv ist nicht direkt bedroht. „Dazu reicht die Reichweite der Kassam-Raketen nicht“, teilt Givatayims Oberbürgermeister Reuven Ben-Shachar mit. Die israelische Stadt konzentriere sich darauf, den Menschen zu helfen, die von den Raketenangriffen betroffen sind. So werde täglich eine Gruppe von Kindern mit ihren Mütter aus dem Gaza nahen Ashkelon in Givatayim verpflegt und betreut. Außerdem werden zeitlich beschränkt Familien aufgenommen, die nicht im Grenzgebiet zum Gazastreifen bleiben können oder wollen.Oberbürgermeister Ben-Shachar geht davon aus, dass innerhalb der nächsten zwei Wochen die israelische Militäroffensive beendet sein wird. „Die Raketenangriffe lassen bereits nach. Die Hamas stehen unter einem gewaltigen Druck.“ Givatayims Stadtoberhaupt hofft, dass die internationalen Bemühungen um einen baldigen Waffenstillstand Erfolg haben werden.

Wie Reuven Ben-Shachar auf Anfrage des Teckboten informiert, laufen die Vorbereitungen der für Ende April geplanten Besuche einer Kreistagsdelegation sowie von Schülern der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule und der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule weiter. Diese regelmäßigen Schülerbegegnungen zwischen den beiden Kirchheimer beziehungsweise Nürtinger Schulen einerseits und dem ORT-Technikum sowie der Ben-Zvi-Schule in Givatayim andererseits prägen die partnerschaftlichen Beziehungen seit Jahrzehnten. Deshalb verfolgen auch die Schulleiter der beiden Landkreisschulen besorgt den Gazakrieg und stehen in Kontakt mit Gila Shalev, die in Givatayim den Schüleraustausch koordiniert. Von ihr erhielt Marianne Erd­rich-Sommer, die Schulleiterin der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule, ein Mail mit einem Zitat Golda Meirs, dem ersten weiblichen Premierminister Israels: „Wir können den Arabern vergeben, wenn sie unsere Kinder töten. Wir können ihnen nicht vergeben, wenn sie uns keine andere Wahl lassen, als ihre Kinder zu töten. Wir werden nur dann Frieden mit den Arabern haben, wenn sie ihre Kinder mehr lieben als sie uns hassen.“ Diese Einschätzung passt zu den Meldungen, dass die Hamas auf ihre eigene Bevölkerung keine Rücksicht nimmt und auch aus Schulen heraus operiert beziehungsweise in Kellern der Schulen ihre Raketen bastelt.“ Ich halte die Hamas für ein Unrechtsregime, das über Leichen geht“, meint denn auch Marianne Erdrich-Sommer. Allerdings ist sie sich über die Verhältnismäßigkeit des israelischen Angriffs nicht sicher. Darüber fehlt ihr die Diskussion mit den Partnern in Israel. „Vielleicht hätten die Politiker rechtzeitig mit der Hamas in Verhandlungen treten sollen?“

Martin Lempp, der von 1999 bis 2002 als Länderbeauftragter der Aktion Sühnezeichen, Friedensdienste (ASF) in Jerusalem arbeitete, telefoniert regelmäßig mit seinen israelischen Freunden und unterhält viele Kontakte zur israelischen Friedensbewegung. So berichtete ihm eine Palästinenserin aus dem Großraum Jerusalem von ihrer Sorge, ihre Kinder könnten sich durch den Einmarsch der israelischen Armee in den Gazastreifen radikalisieren. Die Frau selbst sei sehr um Verständigung bemüht. Eine andere Freundin in Jerusalem, eine 90-jährige Jüdin aus Berlin, sei hin und her gerissen zwischen Zustimmung und Protest. „Was soll unser Staat tun, wenn er dauernd angegriffen wird?“ fragt sich die alte Dame. Auf der anderen Seite sagt sie: „So habe ich mir diesen Staat nicht vorgestellt.“

„Nicht zufällig gewählt“ worden sei der Zeitpunkt der Militäroffensive Ende Dezember, meinte Lempps Freund Amos Gwirtz, der im Kibbuz Shfajim lebt. Das sei von langer Hand vorbereitet worden, habe der israelische Pazifist erzählt. Zum einen stünden auf der palästinensischen Seite Wahlen an. Deshalb sei es ganz im Interesse Israels und George W. Bush gelegen, die Hamas zu schwächen, damit die gemäßigte Fatah von Präsident Abbas die Oberhand gewinnt. Auch in Israel werde demnächst gewählt. Da kommt ein starkes Auftreten des Noch-Regierungschefs Ehud Olmert und seiner möglichen Nachfolgerin Zipi Livni ihrer Kadima-Partei gerade recht. Sie will mit dem Einmarsch beweisen, dass sie genauso scharf sein kann wie ihr politischer Gegner von der Likud-Partei, Benjamin Netanjahu. Der dritte Grund für das Agieren der israelischen Armee zum jetzigen Zeitpunkt sei das Machtvakuum in Washington. „Bush kann nicht mehr und Obama darf noch nicht.“ Es gibt Stimmen in Israel, die sagen, bevor Barak Obama eingesetzt wird, ist der Gazakrieg vorbei.

„Über das seltsam verhaltene Vorgehen der arabischen Nachbarstaaten Israels“ wundert sich Martin Lempp nicht. „Die Hamas wird vom Iran finanziert. Die arabischen Staaten wollen aber keine iranische Exklave in Israel.“ Lempp sagt von sich selbst, er sei alles andere als ein ­Hamas-Freund. „Doch was im Gazastreifen vorgeht, kann man nicht gut heißen. Das ist alles andere als menschlich. Da läuft sehr viel gegen das Kriegs- und Völkerrecht.“

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