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Geballte Kraft hinter barocker Hülle

BRUCKEN Es gibt für eine Kirchengemeinde wohl kaum eine größere und weiterreichende Entscheidung, als die des Baus einer neuen Orgel. Zu diesem Schritt hat sich vor mehr als einem Jahrzehnt der evangelische Kirchengemeinderat Bru-

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THOMAS KUTTLER

cken entschlossen. Nach intensivem Abwägen der verschiedenen Alternativen und Besichtigung zahlreicher Orgeln in der Region, fiel die Wahl schließlich auf den französischen Orgelbaumeister Bernard Aubertin und seinen Entwurf einer Barockorgel, die mittig auf der Empore platziert werden sollte. Damit war die ebenfalls in Betracht gezogene Variante einer elektronischen Orgel endgültig vom Tisch.

Schon bei der Einweihung des neuen Instruments konnte dies niemand ernsthaft bereuen und das bestätigte sich auch beim Konzert, mit dem das zehnjährige Bestehen gefeiert wurde aufs Neue. Obwohl die Orgel bereits solistisch sehr kraftvoll zur Geltung kommt, wie bei der "7. Toccata" von Girolamo Frescobaldi deutlich wurde, durften die Besucher dieses Konzerts auch in den Genuss eines herausragenden Blechbläser-ensembles kommen. Diese Kombination stellte sich gleich zu Beginn mit einem Marsch von Georg Philipp Telemann für Bläser und Orgel als äußerst gelungen und keineswegs überladen heraus.

Hans-Peter Buck und Johannes Knoblauch (beide Trompete), sowie Arno Hermann und Eberhard Budziat (beide Posaune) harmonierten hierbei in Ausdruck und Interpretation auf ideale Weise mit dem in Brucken wohnenden Organisten Jens Wollenschläger. Diese Fähigkeit stellten die Künstler auch bei der Sinfonia "La Bolognese" des Italieners Ludovico da Viadana eindrucksvoll unter Beweis. Das gegenseitige Hin- und Herwerfen der Melodieführung zwischen Bläsern und Orgel erfolgte mit schlüssiger Dynamik und rhythmischer Präzision.

Letztgenannte war auch für Giovanni Gabrielis "Canzon Noni Toni" unerlässlich, als sich das Ensemble von der Empore herab in den Chorraum begab und damit die Entfernung zur Orgel erheblich vergrößerte. Diese auf den ersten Blick ungewöhnliche Aufstellung entspricht ganz der barocken Aufführungspraxis, nach der sich die beiden musizierenden Gruppen räumlich getrennt gegenüberstehen. Sie wird jedoch heute kaum noch praktiziert.

Das feine Gespür der Musiker für spannungsvolle Phrasierung kam in den Choralbearbeitungen von Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy besonders gut zur Geltung. Bestechend klar und mit der notwendigen Gelassenheit gelangen vor allem im Choral "Gott, wie groß ist deine Liebe" die Bassdurchläufe der Posaune.

Ein Glanzlicht des Abends setzte ohne Zweifel Jan Pieterszoon Sweelincks "Ballo del Granduca" für Orgel solo. Jens Wollenschläger, hauptamtlicher Organist am Ulmer Münster, lotete mit seinem virtuosen und doch feinfühligen Spiel die gesamte Klangfülle der Aubertin-Orgel aus und zeigte eindrücklich, dass auch hinter einer einmanualigen Tastatur und der verhältnismäßig geringen Anzahl von Registern in diesem Instrument geballte Kraft verborgen liegt. Dabei blieb erstaunlicherweise selbst im obersten dynamischen Bereich die Tongebung noch durchsichtig und galant barock.

Im letzten Teil des Programms unternahm das Ensemble dann eine Reise in die Welt des Jazz, einem Genre, in dem sich die vier Bläser hörbar zu Hause fühlten. Mit sicherem Ansatz und in bester Brass-Band Manier musizierten sie die abwechslungsreich arrangierten Sätze von Eberhard Budziat und Lennie Niehaus. Das Konzert klang schließlich mit einem Rigaudon von André Campra aus und kehrte damit stilistisch zum Anfang zurück.

Vor dem Hintergrund, dass in den vergangenen zehn Jahren keine nennenswerten Reparaturen an der Orgel nötig wurden und sich die Intonation während dieser Zeit als sehr stabil erwiesen hat was leider eine Seltenheit bei Orgelneubauten ist kann der evangelischen Kirchengemeinde Brucken zu diesem Instrument mit seinem ansprechenden Prospekt nur gratuliert werden.