Lokales

Geburtshaus hat "noch ganz das alte Aussehen"

Kurz vor seinem 70. Geburtstag hat Max Eyth von Ulm aus einen mehrtägigen Ausflug nach Kirchheim unternommen. Am heutigen Mittwoch ist es genau hundert Jahre her, dass er die nebenstehende Skizze von seinem Geburtshaus angefertigt hat. Nur vier Monate später, am 25. August 1906, starb er in Ulm. Bei den folgenden Texten handelt es sich um Tagebuchaufzeichnungen Max Eyths.

KIRCHHEIM 1906 Dienstag, 24. April. Ulm Kirchheim. Briefe etc. Vorbereitungen für den 6ten Mai etc. Das allzu zweifelhafte Wetter hält mich ab, um 12 abzureisen. Gehe schliesslich um 3. Wütendes Schneegestöber bei Lohnsee u. Amstetten. Alles weiss. In Plochingen bessert sich das Wetter. Um 6.30 in Kirchheim. Post: fast wie vor 70 Jahren. Abendspaziergang. Mein Geburtshaus, Eschenmayers Wohnhaus, Bahnmayers Dekanatshaus. Das Schloss. Wehmütig dankbar und förmlich gerührt. Eine gute Stimmung.Mittwoch, 25. April. Kirchheim. Freundlicher, aber dunstiger und recht kühler Morgen. Um 7.30 mit der Post nach Weilheim, dann zu Fuss weiter und zwar Weilheim ab 8.50 Blick auf den Reussenstein. 9.20 Hepsisau 9.38 Ende des Dorfs 9.46 Waldschluchtweg. Turbinenanlage für Ochsenwang, Ochsenwang 10.55 Breitenstein um 11.30, ab 10.0. [!] Rauber (die 2te Ruine) an 1.20 ab 1.30. Sattelbogen 2.00. Teck an 3.02 ab 4.20 Owen an 5.30 ab 6.22 in Kirchheim gegen 7 Uhr.Abgesehen davon, dass man keine Fernsicht hatte, war der ganze Tag herrlich zum Marschieren u. die Tour ausserordentlich schön. Besonders der Weg von Hepsisau bis zum Rand des Gebirgs. Ochsenwang ein kleines, elendes Nestchen. Miniaturkirche Turm [Eyth gibt eine kleine Zeichnung] einfaches dreieckiges Ziegeldach. Lage in einer Mulde zwischen den einförmigen Hageln [?] Breitenstein ... und Biehl. Kein Wasser. 3 Quellen im Maar. Ziehbrunnen. Cisterne. Breitenstein. Herrliche Aussicht. Die Wiesensteiger Alb. Staufen und Rechberg. Asperg. Schwarzwald. Kniebis, über die Teck hinweg, Beurener Felsen. Neuffen, Achalm, Zollern, links die Neidlinger Teck, rechts das Bogensatteltal. Dann noch die Nagoldsburg [?], die Rauberruine. Prächtiges Bild der Teck Bogensattel reizend nach beiden Seiten (Bissingen, Lenningen). Gratwanderung grossartig. Gelber Fels. Teck. Herrliche Lage der wenigen Ruinenreste. Behagliches Schöppchen. Keine Fernsicht. Beim Abstieg herrliche Bilder nach oben und rückwärts. Owen reizend gelegen. Ziemlich müd; aber mehr durch die Schmerzen meines Fusses als durch den Marsch.Donnerstag, 26. April. Kirchheim. Geislingen. Ulm. Zweifelhaftes Wetter, doch gut genug für eine Skizze meines Geburtshauses, das noch ganz das alte Aussehen hat und noch immer die Lateinschule beherbergt. Um 10.45 ab. Gegen 11 Uhr 45 in Geislingen. Ein augenblickliches Aufhellen veranlasst mich, auszusteigen mit der Absicht über den Oedenturm nach Amstetten oder Eybach zu gehen. Komme bei Weiler auf die Kante des Gebirgs. Das Wetter wird so drohend, dass ich unter leichtem Regen nach Geislingen zurückgehe u. mit dem Zug 3.20 nach einem leichten Mittagessen in der "Sonne" nach Ulm fahre. Dort um 4 Uhr. Installier mich rasch. Allerhand Zeitungsnotizen über meinen Geburtstag. Die freisinnigen Politiker können mich nicht in Ruhe lassen.

Anzeige