Lokales

"Geburtshilfe" für die bedrohten Schwarzpappeln

Die Schwarzpappel ist zum Baum des Jahres 2006 erkoren worden. Nur noch wenige Exemplare des vom Aussterben bedrohten Baumes sind in der Region zu finden. Für den Erhalt der Art setzt sich der Arbeitskreis "Lebendiger Neckar" ein: Dank seines Engagements konnten in diesem Monat rund 100 Jungbäume ausgepflanzt werden.

KREIS ESSLINGEN Vor über drei Jahren begann der Arbeitskreis "Lebendiger Neckar", die Uferregionen rund um Nürtingen genauer zu beobachten. Dabei stießen seine Mitglieder auf das Problem mit den Schwarzpappelm: Schon damals stand die Unterart Neckar-Schwarzpappel kurz vor dem endgültigen Verschwinden.

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Dabei handelt es sich um eine äußert wertvolle Baumart. Das Holz ist zäh und leicht, es wurde zum Beispiel für Holzschuhe verwendet. Seit der Eiszeit hat sich der Baum hier angepasst und beherbergt eine ähnlich Fülle an Insekten wie die Eiche. Dazu ist die Schwerzpappel von hohem medizinischen Nutzen, wie eine Jahrtausende lang benutzte entzündungshemmende Salbe bezeugt.

Durch Untersuchungen des Arbeitskreises stellte sich heraus, welch ein Zufall es war, der zum Erhalt des letzten Dutzend Altbäume beitrug. Ein Vergleich der heutigen Uferlinien mit denen vor 200 Jahren ergab, dass sie sich an den Stellen deckten, an denen die Pappeln noch standen. Man hatte bei einem Kahlschlag vor rund 100 Jahren zwar nicht bewusst die Pappeln verschont, sondern sie waren zufällig bei der Neckarkanalisierung nicht im Wege.

Überall dort, wo Veränderungen stattfanden, wurde der Bestand ausgelöscht. Durch die Flussbegradigungen, die Kanalisierung und industrielle Entwicklung sind die Auen verschwunden. Damit wurde die Schwarzpappel zwischen 1910 und 1920 in den meisten Flussgebieten ausgerottet. Damals entstanden die letzten, noch heute vorhandenen Bäume durch Samenflug.

In Stuttgart gibt es noch vier artreine Schwarzpappeln, in Unterensingen fünf und in Nürtingen vier. Sie sind allesamt 80 bis 100 Jahre alt. In Neckartenzlingen wurden zudem sieben Schwarzpappeln gefunden, deren Artreinheit in Kürze überprüft wird. Eventuell steht auch noch im Raum Owen ein weiterer Baum er wird ebenfalls geprüft.

Der Owener Baum ist besonders interessant, da er neben der einzigen Stuttgarter Schwarzpappel, die sich am Neckar befindet, männlichen Geschlechts ist. Die Schwarzpappel an der Owener Hütte ist der einzige Baum, bei dem sich die Entstehungsgeschichte zurückverfolgen lässt. Die Besitzerin des Ackers ist 77 Jahre alt. Ihre Erinnereungen an den Baum reichen bis in Kindertage zurück. Ihren Auskünften nach blieb die Pappel stehen, weil sie die sumpfige Stelle entwässerte und gleichzeitig die Grenze der Fluren anzeigte.

Eine natürliche Vermehrung der zweihäusigen Schwarzpappel konnte nicht mehr stattfinden, seit die meisten Exemplare abgeholzt wurden die männliche Schwarzpappel steht etliche Kilometer entfernt von den nächsten weiblichen Bäumen. Als Notmaßnahme gibt es die Stecklingsvermehrung eine dauerhafte Arterhaltung ist jedoch nur durch die genetische Vermehrung über Samenbildung sinnvoll, da dadurch auch eine Anpassung an die Umweltbedingungen erfolgt. Diese Anpassung hat mittlerweile eine Lücke von ungefähr 100 Jahren und kann erhebliche Probleme verursachen.

Der Arbeitskreis hat im Frühjahr einen ersten Bestäubungsversuch im Gewächshaus durchgeführt. Sämtliche Sämlinge waren jedoch eingegangen. Viel bessere Karten dagegen hatte eine parallele Aktion: Der Arbeitkreis bat Nürtinger Bürger darum, Patenschaften für Stecklinge der Schwarzpappel zu übernehmen. Ungefähr tausend Stecklinge wurden so in Pflege gegeben und in Gärten und auf Balkonen großgezogen. Da die betagten Elternbäume nicht mehr allzu vital waren, wurde mit einer hohen Ausfallquote gerechnet. Ein Treffen der Stecklingspaten in diesem Monat jedoch offenbarte ein erfreuliches Ergebnis: Über hundert Bäumchen von über einem Meter Höhe können ausgepflanzt werden. Weitere Bäume gedeihen noch.

Einige der jungen Bäume wurden der Stadt Esslingen für das neue Naturschutzgebiet Altbach/Zell zur Verfügung gestellt. Dort steht inzwischen das erste Schwarzpappelwäldchen mit beiden Geschlechtern. Rund zwanzig Setzlinge wurden zudem an verschiedenen Orten im Bereich Nürtingen ausgepflanzt und sind teilweise schon gut angewachsen. Weitere Baumgruppen im Raum Nürtingen sollen folgen und zum Erhalt eines sehr individuellen Baumes beitragen.

khf

INFODer Arbeitskreis "Lebendiger Neckar" ist von Institutionen und Umweltverbänden gegründet worden, die mit Wasser und Natur zu tun haben. Er strebt an, Verbesserungen an den Gewässern einzuleiten.