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"Gedenken macht Leben unendlich"

Landrat Heinz Eininger eröffnete am Mittwochabend im Landratsamt Esslingen die Ausstellung "Ein schweres Jahr 1945 in den Kreisen Esslingen und Nürtingen". Kreisarchivar Manfred Waßner führte in die Ausstellung ein und schilderte anhand von Augenzeugenberichten und Dokumenten das Kriegsende im Gebiet des heutigen Landkreises Esslingen.

RICHARD UMSTADT

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ESSLINGEN Das Foto besitzt Symbolcharakter: Die in Trümmern liegende Autobahn bei Denkendorf, eine der Lebensadern des Hitler-Regimes, gesprengt von deutschen Soldaten, um den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten. April 1945, Deutschland zerbombt und ausgebrannt, "eine Zerstörung aus eigenem Verschulden", wie Landrat Heinz Eininger sagte. "Mehr als zwölf Jahre Nazi-Schreckensherrschaft führte das Land mitten in den Abgrund."

Und was kam danach? Zunächst "ein schweres Jahr 1945", wie es der damalige Landrat des Kreises Esslingen, der Augenarzt Dr. Fritz Landenberger, rückblickend feststellte. So stehen denn auch im Mittelpunkt der vom Kreisarchiv Esslingen erarbeiteten Ausstellung die ungeheuren Alltagsschwierigkeiten Hypotheken von Nationalsozialismus und Krieg vor dem Neuanfang.

Die Landratsämter waren nach dem Einmarsch der alliierten Truppen als einzige Behörden noch handlungsfähig. Sie hatten gemeinsam mit den funktionsfähigen Bürgermeisterämtern die Versorgung und Unterbringung der Bevölkerung sicherzustellen und zugleich die Vorgaben der Besatzer umzusetzen. Wohnraum war knapp und es fehlte an Nahrung und Heizmaterial.

Die Altkreise waren zunächst zwischen Amerikanern und Franzosen aufgeteilt. Im Juli 1945 wurden sie zusammen der amerikanischen Verwaltung unterstellt. Diese setzte die neuen Landräte ein, Dr. Landenberger in Esslingen und den Juristen Karl Eberhardt in Nürtingen.

"So groß die Aufgaben auch waren, die Landkreise haben sie mit Hilfe der Besatzer bewältigt", erinnerte Landrat Eininger. "Die Schwierigkeiten damals waren unmittelbarer und existenzieller als heute."

Der Kreisverwaltungschef sprach nicht nur den "Dank der Nachgeborenen" an die aus, die die Städte und Gemeinden sowie die Demokratie in diesem Land wieder aufbauten, sondern er wies auch der Ausstellung einen besonderen Stellenwert zu, weil sie Antwort gebe auf die Fragen, "wie geben wir das Erleben der Zeitzeugen weiter?" und, "wie verändert sich die Erinnerungskultur?" Letztere beantwortet eine Tafel, die unter anderem die berühmte Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 sowie die Rede des jetzigen Bundespräsidenten, Horst Köhler, dokumentiert.

Kriegsende und Zusammenbruch der Nazi-Diktatur bedeuteten aber auch in positivem Sinne das Ende eines Albtraums und die Befreiung vieler Menschen. Wer als Soldat überlebte, sah die Möglichkeit, zu seiner Familie zurückzukehren. "Andere mussten sich aufmachen in eine ungewisse Zukunft", sprach der Landrat Flüchtlingsschicksale an. Für die meisten Menschen sei das Kriegsende ein tiefer Einschnitt in ihrem Leben gewesen. "Auch ein Großteil der Kreisbevölkerung hatte Verluste zu beklagen." Für den Landkreis Anlass genug, 60 Jahre später an die damaligen Ereignisse zu erinnern, zumal noch Zeitzeugen leben. "Gedenken macht Leben unendlich", zitierte Heinz Eininger Friedrich Bethge, einen Freund des von den Nazis hingerichteten Pfarrers Dietrich Bonhoeffer. "Für die Jüngeren ist die Erinnerung für die persönliche Standortbestimmung wichtig", so der Landrat, der dazu aufrief, die demokratischen Errungenschaften zu verteidigen.

Kreisarchivar Manfred Waßner schilderte das Geschehen in den beiden Altkreisen ab dem 10. April 1945 vom Vormarsch der amerikanischen und französischen Truppen, den in Anbetracht der erdrückenden Übermacht unsinnigen Widerstandsaktionen einzelner SS-Nester sowie Volkssturmeinheiten und der verheerenden Folgen für die Menschen in den betroffenen Ortschaften, bis hin zur Besetzung der Landkreise Esslingen und Nürtingen. "Die Verunsicherung in der Bevölkerung war zunächst groß, man wusste nicht, was von den neuen Herren zu befürchten war", so Waßner. Doch statt Demontagen, wie in der französischen Zone, begann im Kreis Esslingen schon bald die amerikansiche Hilfe einzusetzen. Trotz größter Schwierigkeiten sei es erstaunlich schnell gelungen, den Alltag wieder in Gang zu bringen. "Das schwere Jahr 1945 endete so mit der Aussicht auf eine bessere Zukunft", sagte Manfred Waßner. "Der Wiederaufbau forderte alle."

Der Kreisarchivar wies auf einzelne Exponate der Ausstellung hin. Zu sehen sind unter anderem Plakate der Militärregierung, Notgeld aus dem Kreis Nürtingen, alte Straßenschilder sowie Zeitungen, ein Zünder zur Brückensprengung oder eine gut erhaltene 250 Pfund schwere Sprengbombe.

Die Ausstellung dauert bis 8. Juli.