Lokales

„Gegen Gleichgültigkeit und Voreingenommenheit“

Aus der Arbeit der Frauengeschichtswerkstatt: Frauen im Kirchheimer Gemeinderat 1919 – 2004

Kirchheim. Am 19. Januar 1919 gehen in Deutschland erstmalig Frauen zu den Wahlurnen. Die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung und zu den Reichstagen gelten als allgemein, gleich und unmittelbar. Dies bedeutet, dass auch Frauen endlich das aktive und

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Dr. Silvia Oberhauser

passive Wahlrecht erhalten haben. Die erste Gemeinderatswahl in Kirchheim, bei der Frauen ihre Stimme abgeben dürfen, folgt am 25. Mai 1919.

Von ihrem Recht zu wählen machen die Frauen regen Gebrauch – nicht so sehr aber von ihrem Recht, sich zur Wahl zu stellen. Unter 53 Kandidaten finden sich gerade einmal vier Frauen – gewählt wird keine davon. Bei den vier folgenden Kommunalwahlen von 1922 bis 1931 kandidiert überhaupt nur ein einziges Mal eine Frau. Noch ist der Wirkungskreis von Frauen in erster Linie auf Haus und Familie beschränkt. Auch nach dem Krieg zunächst kein anderes Bild. 1947 kandidieren quer durch alle Parteien sechs Frauen, und mit der stadtbekannten Hebamme Frieda Keppler wird erstmals eine Frau in den Gemeinderat von Kirchheim unter Teck gewählt. Die Gratwanderung zwischen der Rolle als Mutter und Hausfrau einerseits und politisch engagierter Frau andererseits fällt den Frauen schwer, selbst die SPD-Kandidatin für die Wahl 1951, Emmy Himmelreich, spricht in der Presse davon, dass die Aufgabe der Frau in der Politik bestenfalls „. . .die Vervollkommnung für die Arbeit des Mannes“ sei.

1953, nach dem Ausscheiden von Frieda Keppler aus dem Gremium, ist dieses wieder „frauenfrei“. Die einzige Frau, die sich 1956 zur Wahl stellt, Martha Siegl (CDU), wird auf Anhieb gewählt und wird damit die zweite Kirchheimer Gemeinderätin. Sie, die selbst aus dem Sudetenland stammt, hat starken Rückhalt unter den Heimatvertriebenen. Nach ihrem Ausscheiden 1962 sind die Männer im Kirchheimer Ratsrund dann wieder völlig unter sich.

Oberbürgermeister Kröning zumindest scheint das Ausscheiden von Martha Siegl zu bedauern. Im Teckboten liest sich dies folgendermaßen: „. . .bedauerte der OB auch gestern Abend wieder das Fehlen einer Frau im Stadtparlament. Der noble Ton, den immer eine Frau im Gremium bestimme, werde aber hoffentlich auch in einem reinen Männergremium erhalten bleiben.“

Die FWV stellt im Vorfeld der Wahl 1962 eine Kandidatenliste ganz ohne Frauen vor und lobt in der Presse ausdrücklich deren Ausgewogenheit – ohne dabei auf den geringsten Protest zu stoßen, auch nicht von Frauenseite. 1962 ist auch das Jahr, in dem die örtliche Presse als Ins­trument des Wahlkampfes entdeckt wird. Es erscheinen nun Kleinanzeigen wie folgende: „Bevor du gehst zum 5–Uhr–Tee, wähl selbstverständlich SPD.“

Endlich dann, am 6. November 1965, sind der Redaktion des Teckboten Frauen in der Politik erstmals ein paar Zeilen im Leitartikel wert: „Bedauerlich ist, daß keine Frau gewählt wurde. Das weibliche Element ist in den Kommunalparlamenten so wenig verfehlt wie im Landtag oder Bundestag.“

1968 befinden sich unter 48 Kandidaten lediglich zwei Frauen, darunter Lore Maier (SPD), die im zweiten Anlauf den Sprung ins Ratsrund schafft. Sie wird damit die dritte Gemeinderätin in der Kirchheimer Stadtgeschichte. Zur bevorstehenden Wahl am 24. Oktober 1971 kommt mit den erstmals in Kirchheim antretenden „Neuen“ etwas vom frischen Wind der 68er-Generation in Kirchheim an. Schon der Wahlkampf verläuft äußerst turbulent. Auch in das Thema Frauen kommt Schwung. Zwar sind von 60 Kandidaten noch immer nur etwa zehn Prozent weiblich, aber nahezu jede Partei thematisiert den Wert von Frauen auf ihren Listen.

Euphorisch feiert die FDP. in der lokalen Presse den Umstand, dass es ihr erstmalig, 52 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechtes, überhaupt gelungen ist, Kandidatinnen zu gewinnen. Themen der Kandidatinnen sind durchgängig noch Soziales, Jugend, Familie und Bildung. Aber auch 1971 wird keine Frau in den Kirchheimer Gemeinderat gewählt, und Lore Maier bleibt vorerst einzige Rätin dort.

1975 gelingt es CDU und FWV auf einer gemeinsamen Liste gerade zwei Frauen zu nominieren, Hannelore Bodamer und Sybille Köber – beide werden gewählt. Zusammen mit Lore Maier und der ebenfalls neu gewählten Ursula Schöllkopf von den Neuen sind sie nun zu viert unter 28 Männern im Gemeinderat. Die Zahl der Kandidatinnen entwickelt sich bei den folgenden Kommunalwahlen 1980 und 1984 allmählich nach oben, nicht aber der Anteil der Frauen im Kirchheimer Gemeinderat.

Im Vorfeld der Kommunalwahl 1989, bei der erstmals die Grünen auftauchen, und eine gemeinsame Liste mit den Neuen bilden, verändert sich die Berichterstattung in der Lokalpresse deutlich. Jetzt geht es gezielt um Inhalte einer Politik von Frauen und vor allem für Frauen. Die Junge Union fordert gar eine Frauenbeauftragte, Themen wie Frauenhaus und öffentliche Kinderbetreuung werden breit diskutiert. Alle Parteien streichen ihre Kompetenz zu Frauenfragen heraus.

Lapidare Erkenntnis der SPD in einer Wahlanzeige: „Die Menschheit besteht zur Hälfte aus Männern und Frauen. Warum nicht auch der Kirchheimer Gemeinderat.“

Gewählt werden schließlich wieder nur fünf Frauen. Zu den bisherigen Gemeinderätinnen Hannelore Bodamer (CDU) und Sybille Köber (FWV) kommen Marianne Gmelin und Angelika Matt-Heidecker (beide SPD) und Brigitte Gerstenberger (Grüne) hinzu. Redakteurin Barbara Ibsch kommentiert dies nach der Wahl dann so: „ . ..Das Wählervolk tut sich nach wie vor unheimlich schwer, mehr auf Frauen und deren kommunalpolitische Fähigkeiten zu setzen... Schade angesichts der tatsächlich vorhandenen Fähigkeiten.“

1994 nach einem spannungslosen Wahlkampf ohne inhaltliche Diskussion um Politik von Frauen oder für Frauen, ziehen dann sieben statt bisher fünf Frauen ins Stadtparlament ein. Eva Hochmann (CDU) und Irmtraud Böhme (Grüne) haben den Sprung dorthin geschafft. Wie im Teckboten vom 16. Juni 1994 zu lesen ist, äußert sich der damalige OB Peter Jakob wie folgt dazu: „…,daß statt 5 künftig 7 Frauen die Geschicke der Stadt mitbestimmen werden“, liegt für Jakob im Trend der Zeit: „wenn mehr Frauen kandidieren, kommen auch mehr rein, das ist ein ganz normaler Vorgang.“

Die folgenden Kommunalwahlen zeigen allerdings, wie sehr sich OB Jakob hier irrte. Der Anteil an Kandidatinnen steigert sich zwar bis 2004 auf 45 Prozent, nicht zuletzt auch durch die neu angetretene Frauenliste, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den Frauenanteil im Ratsgremium zu erhöhen. Die Zahl der Gemeinderätinnen stagniert allerdings bei sieben und sinkt dann auf sechs. Mit 17 Prozent Frauenanteil liegt Kirchheim damit unter dem Landesdurchschnitt. Ob die Zeit für die Frauen arbeitet, ist fraglich. Sollte es jedoch im bisherigen Tempo weitergehen, so wäre zu erwarten, dass der Kirchheimer Gemeinderat in etwa 122 Jahren zu gleichen Teilen mit Männern und Frauen besetzt wäre.