Lokales

Geistliche in der Opposition gegen Staat, Partei und Reichskirche

Zum Abschluss der dreiteiligen Artikelserie über den Nationalsozialismus in und um Kirchheim befasst sich Stadtarchivar Rainer Kilian heute mit Pfarrern aus Weilheim, Schopfloch, Gutenberg und Schlierbach. In der Schlussbetrachtung fasst er die wesentlichen Aspekte zum Thema "Kirchheim im Dritten Reich" noch einmal zusammen.

RAINER KILIAN

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KIRCHHEIM Der württembergische Landesbischof Wurm begrüßte zunächst die autoritären neuen Machthaber und fand freundliche Worte für die so genannten "Deutschen Christen", die am 4. Januar 1933 in Württemberg gegründet wurden. Hauptanliegen der DC war die Schaffung einer Nationalkirche, die dem Staat untergeordnet und nach dem Führerprinzip in Gestalt eines Reichsbischofs aufgebaut werden sollte. Liberalismus, Marxismus, Antichristentum und Judentum wurden als Feinde angesehen.

Kreisleiter der DC in Kirchheim war der Ötlinger Pfarrer Schlipf, der einige Anhänger unter den Pfarrern gewann. Im Oktober 1934 hatte das NS-Regime Landesbischof Theophil Wurm unter Hausarrest gestellt. Grund war, dass die württembergische Landeskirche sich nicht in die von den Nationalsozialisten verordnete Reichskirche unter Reichsbischof Müller eingliedern lassen wollte. Am 8. September 1934 kam der Rechtsvertreter des Reichsbischofs, August Jäger, nach Stuttgart. Landesbischof Wurm und führende Persönlichkeiten der Landeskirche wurden mit fadenscheinigen Gründen "beurlaubt".

Auch der Landeskirchentag, wie die Landessynode damals hieß, wurde umgebildet. Eine nur noch aus 18 Mitgliedern bestehende Synode, deren Mitglieder den NS-hörigen "Deutschen Christen" angehörten, wurde auf den 9. Oktober 1934 einberufen. Einziger Zweck dieser Tagung war die Absetzung von Landesbischof Wurm, die mit einer einzigen Nein-Stimme beschlossen wurde. Wurm weigerte sich, diese Maßnahme anzuerkennen und wurde von der Polizei unter Hausarrest gestellt. Eine Reihe von Prälaten, Dekanen, Pfarrern und Vikaren, die sich für Wurm erklärten, wurden ihrer Ämter enthoben.

Pfarrverweser ElsässerIn Weilheim setzte sich Stadtpfarrverweser Gerhard Elsässer gegen die Vereinnahmung der Kirche durch das NS-Regime mutig zur Wehr. In einem "Bekenntnis-Gottesdienst" am 16. September 1934, wie er nach seinen Aufzeichnungen den Gottesdienst selbst nannte, informierte er die Gemeinde über die Geschehnisse in Stuttgart und die Absetzung dortiger Pfarrer. Nach diesem Gottesdienst ging eine Beschwerde beim nun schon NS-geprägten Oberkirchenrat in Stuttgart ein. Stadtpfarrverweser Elsässer wurde zum Rapport geladen, dem er aber nicht Folge leistete.

Im Gegenteil: Er verfasste eine Erklärung an den Oberkirchenrat, die 463 Gemeindeglieder unterschrieben. Darin heißt es unter anderem: "Wir bleiben um Gottes und des Gewissens willen der rechtmäßigen evangelischen Kirche unter der Führung von Landesbischof D. Wurm treu. Gehorsam gegen das Wort Gottes halten wir daran fest, dass geistliche Dinge geistlich entschieden werden müssen. Wir sind davon überzeugt, dass wir gerade auf diesem Weg unserem Volk und dem Staat Adolf Hitlers am besten dienen."

Im Gottesdienst am 23. September erregte Elsässer weiteren Anstoß, weil er die Beflaggung der Kirche, die aus Anlass der Einsetzung von Reichsbischof Müller in Berlin angeordnet war, anders erklärte: "Die Beflaggung der Kirche sei aus Anlass des Feuerschutztages geschehen und habe mit den Ereignissen in Berlin nichts zu tun." Im Gottesdienst am 7. Oktober verlas er dann einen Hirtenbrief des unter Arrest stehenden Landesbischofs und ließ direkt im Anschluss die Gemeinde stehend singen: "O, komm du Geist der Wahrheit".

Die Staatsanwaltschaft warf ihm darauf vor, dass "der ganze Gottesdienst nur auf den früheren Landesbischof Wurm zugeschnitten gewesen und mehr eine Opposition gegen den Reichsbischof sei." Als Folge der Weigerung Elsässers, der Ladung des Oberkirchenrates Folge zu leisten, und als Folge des Gottesdienstes vom 7. Oktober wurde er "mit sofortiger Wirkung außer Verwendung gesetzt und ihm jede weitere Ausübung des Amtes untersagt".

Als Ordnungsstrafe wurden "wegen Ungehorsams" 50 Reichsmark verhängt. Bürgermeister und Polizeibehörde hatten dies zu überwachen. Die Amtsenthebung war mit einer Gehaltskürzung verbunden. Am Abend des Sonntags, 21. Oktober, lud Elsässer dann Gemeindeglieder zu einer nicht-öffentlichen Versammlung in seine Wohnung im zweiten Pfarrhaus ein. Über 100 Personen kamen und saßen auf der Treppe vor dem Haus. Die Versammlung wurde jedoch von der Polizei aufgelöst.

Am 25. Oktober trafen sich Kirchengemeinderäte und Gemeindeglieder verbotenerweise erneut. Sie formulierten einen Brief an den Oberkirchenrat mit der Aufforderung, die Amtsenthebung von Stadtpfarrverweser Elsässer doch rückgängig zu machen, und einen Brief an Reichsstatthalter Murr, der sich gegen den Hausarrest des Landesbischofs wandte.

Es gelang Elsässer dazuhin, Dekan und Pfarrerschaft des Bezirks zur Unterschrift zu bewegen, auf keinen Fall für ihn die Gottesdienste in Weilheim zu halten, um so durch das Ausfallen des Gottesdienstes die NS-Behörden in Weilheim in Unruhe zu versetzen. Doch schon am 26. Oktober wurde der Hausarrest von Landesbischof Wurm wieder aufgehoben. Proteste von bis zu 7 000 Gemeindegliedern in Stuttgart am 24. Oktober 1934 vor seiner Wohnung hatten dies ermöglicht. Wieder im Amt, hob Bischof Wurm am 1. November die Amtsenthebung Elsässers durch die kommissarische Landeskirchenleitung auf und erließ ihm auch die 50 Reichsmark Ordnungsstrafe. Auch die durch die Kommissare schon erfolgte Bestellung von Stadtvikar Duncker von Nürtingen an Stelle von Stadtpfarrverweser Elsässer wurde rückgängig gemacht.

Ein spürbares Aufatmen ging danach durch die Gemeinde, zumal Pfarrer Finkbeiner wenige Wochen vor dem Ruhestand seinem "Mitbruder" keinerlei Unterstützung gewährt hatte. Ja, er warf ihm sogar vor, durch sein Verhalten seine Beurlaubung selbst herausgefordert zu haben. In den kirchlichen Nachrichten für Weilheim schrieb Pfarrer Finkbeiner demzufolge (es war zugleich sein Abschiedswort an die Gemeinde): "Aus dem kirchlichen Leben des Monats Oktober ist nichts Besonderes zu berichten". Gerhard Elsässer war bis 1936 Stadtpfarrverweser in Weilheim. Er wurde dann Pfarrer in Aufhausen.

Mildenberger und Groß Bei der kirchlichen Visitation im Jahre 1936 hielt der Kirchheimer Dekan Leube fest, dass der Gutenberger NSDAP-Stützpunktleiter Wilhelm Weick unter Mithilfe des Ötlinger Pfarrers Heinrich Schlipf eine Ortsgruppe der Deutschen Christen gegründet habe. Bei den DC engagierten sich nationalkirchlich-völkisch orientierte Pfarrer, die eine nach dem Führerprinzip ausgerichtete Nationalkirche mit einem Reichsbischof an der Spitze anstrebten. Leider enthalten die Visitationsprotokolle keine weiteren Hinweise auf die Entwicklung der Ortsgruppe der DC in Gutenberg.

Interessant ist aber ein anderer Hinweis des Dekans. Er berichtete nämlich über heftige Reibereien des Stützpunktleiters Weick mit den Pfarrern Eduard Mildenberger in Schopfloch und Max Groß in Gutenberg, die in einem Artikel des NS-Blattes "Flammenzeichen" ihren Niederschlag fanden. Unter der Überschrift "Die Eierkörbe im Gotteshaus" ist Folgendes ausgeführt:

Die Basler Mission ... scheint neuerdings einen ungewöhnlichen Bedarf an Eiern zu haben. Wozu würden sonst in den Kirchen einzelner Gemeinden für die Mission Eier gesammelt? In Gutenberg und Schopfloch hat sich solches ereignet. Dort wurden am Himmelfahrtstage eigene Eierkörbe aufgestellt & die frommen Gemeindeglieder, die früher wahrscheinlich eifrigst dicke Wollsocken für die armen Heidenkinder unter der Äquatorsonne gestrickt haben, säumten nicht, den Aufforderungen ihrer geistlichen Hirten zu folgen & die Körbe mit Eiern zu füllen.

Wozu der Eiersegen dienen soll, können wir nicht sagen. Wir glauben auch nicht, daß er für die Vorratskammer der Frau Pfarrer und der Frau Oberlehrer Bandle in Gutenberg bestimmt ist. Unseres Wissens ist eine Sammlung für die Kirchen nur am 13. & 14. Juni bewilligt. Wie kommt es da, daß diese Eiersammlungen in G. & Sch. durchgeführt werden konnten? Hat es eine besondere Erlaubnis gegeben? Oder hat man sich einfach über die bestehenden Bestimmungen hinweggesetzt?

Daraufhin untersuchte die Staatsanwaltschaft in Stuttgart den Sachverhalt und stellte einen Verstoß gegen das Sammlungsgesetz und das "Eierverkehrsgesetz" fest. Sie verfolgte die Angelegenheit jedoch nicht weiter, weil "weder eine vorsätzliche noch eine fahrlässige Zuwiderhandlung gegen die erwähnten Gesetze" festgestellt werden konnte. Die Staatsanwaltschaft verlangte vom Evangelischen Oberkirchenrat allerdings, die Pfarrer auf das Unzulässige einer solchen Sammelaktion hinzuweisen, und stellte im Wiederholungsfall eine Bestrafung in Aussicht.

Nach Kriegsende wurde dem ehemaligen Gutenberger Ortsgruppenleiter Weick anlässlich seiner Entnazifizierung bescheinigt, dass "er vor dem Eintritt in die NSDAP jederzeit die linksgerichteten Parteien" unterstützt habe! Von einer Rassenlehre habe er keine Ahnung gehabt, denn dazu "fehlten ihm die geistigen Voraussetzungen", außerdem habe er einen weichen Charakter, und an Gewaltmaßnahmen habe er sich nie beteiligt.

Pfarrer Walter FischerPfarrer Walter Fischer, der seit 1927 in Schlierbach amtierte, hatte keinen leichten Stand im Ort, da er unbeirrt und unerschrocken seinen vielfältigen Aktivitäten auf dem Gebiet des Gemeindelebens und der Jugendarbeit nachging. 1935 schrieb der Göppinger Dekan, dass Fischer gelegentlich durch "jugendliche Schroffheit und Mangel an Schmiegsamkeit" Schwierigkeiten mit den Ortsoberen habe. Damit war angesprochen, dass der 35-jährige Pfarrer ein entschiedener Gegner des früheren Schultheißen Lang war, dem er zum Beispiel Alkoholismus vorgeworfen hatte.

Nachdem Lang in den Ruhestand versetzt worden war, geriet der Pfarrer wegen seines mutigen Eintretens für die Belange der evangelischen Jugendarbeit gegenüber der Hitlerjugend in Konflikt mit den neuen Machthabern, die Fischer unter anderem vorwarfen, er habe anlässlich der Reichstagseröffnung am 21. März 1933 das Läuten der Kirchenglocken verhindert, als Leiter des Christlichen Volksdienstes die Redner der NSDAP bekämpft und die HJ als "Lausbuben" bezeichnet. Die Mehrzahl der Gemeindemitglieder akzeptierte die konsequente Haltung ihres Pfarrers, andererseits hatte Fischer eine entschlossene und einflussreiche Gegnerschaft.

Die Animositäten gipfelten schließlich in gegenseitigen Anzeigen beim Oberamt beziehungsweise beim Oberkirchenrat sowie beim Evangelischen Oberschulrat. Bei letzterem hatte sich Pfarrer Fischer über Oberlehrer Späth beschwert, der einflussreiches und aktives Mitglied der NSDAP war und der, wie das Dekanatamt Göppingen festhielt, sich "der politischen Gewalt bediene", um sich wegen einer Zurechtweisung zu rächen. Die Gegnerschaft zwischen Pfarrer und Lehrer ging auf das Jahr 1932 zurück, als Späth als Ergebnis diverser Querelen von seiner Aufsichtsbehörde angewiesen worden war, sich des Friedens zu befleißigen.

Schließlich schaltete sich der Göppinger Kreisleiter der NSDAP, Immanuel Baptist ein, der Fischer einen barschen Brief ins Pfarrhaus schickte. Obgleich sogar noch die Gauleitung der NSDAP beim Oberkirchenrat intervenierte und um Versetzung des Pfarrers bat, stärkte insbesondere der Göppinger Dekan Stahl Fischer den Rücken. Nach 1935 trat eine Art "Waffenstillstand" ein, bis schließlich der Landesbischof am 5. Mai 1939 Pfarrer Fischer die Stadtpfarrstelle in Lorch, Dekanat Welzheim, übertrug.

SchlussbetrachtungAdolf Hitler hatte vor der Machtergreifung unter anderem ausgeführt, dass "die Aufnahmemöglichkeit der großen Masse nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür die Vergesslichkeit groß" sei und hinzugefügt: "Jede wirkungsvolle Propaganda müsse sich auf sehr wenige Punkte beschränken, und diese schlagwortartig solange verwerten, bis auch der letzte das Gewollte sich vorzustellen vermag". Wie wir heute wissen, führten unter anderem diese holzschnittartigen Thesen die Nationalsozialisten an die Spitze des Staates. Dafür gab es Gründe: Die Folgen des verlorenen Krieges, eine starke Reserviertheit führender Bevölkerungsgruppen gegenüber der neuen Republik, die soziale Umschichtung infolge der Inflation von 1923 und die Wirtschaftskrise ab 1929 hatten breite Volksschichten für die Agitation der radikalen und antiparlamentarischen Parteien anfällig gemacht. Über parteitaktische Erwägungen und aus Scheu vor der Verantwortung unpopulärer Maßnahmen verloren die verfassungstreuen Parteien die Notwendigkeit aus dem Auge, dem Land eine arbeitsfähige Regierung zu sichern. Hinzu kam, dass ein Mehrheiten abträgliches Listenwahlsystem die Zersplitterung des Parteiwesens begünstigte. Die Nationalsozialisten nutzten die Hoffnungslosigkeit und Erstarrung. Hinzu trat die wirtschaftlich schwere Lage, über sechs Millionen Arbeitslose und das in der Bevölkerung vorhandene nationalistische und autoritätsgläubige Denken. Eine geschickte Propaganda redete den Menschen ein, Hitler werde für Brot und Arbeit sorgen und die öffentliche Sicherheit und Ordnung wieder herstellen. Sehr wirksam erwies sich der Propagandatrick, die Kommunisten hätten den Reichstag angezündet und die Nationalsozialisten wären in letzter Minute durch entschlossenes Handeln einem kommunistischem Umsturz zuvorgekommen. Diese Behauptung führte zudem viele an die Seite der neuen Machthaber, die schon immer etwas gegen die Linken hatten: die Bauern, den gewerblichen Mittelstand, Geschäftsleute, Haus- und Grundbesitzer und Teile der Beamtenschaft. Nach der Machtübernahme kamen bei vielen noch andere Motive hinzu: das Bestreben, dabei zu sein, wenn die Karten verteilt werden: Handwerker und Geschäftsleute im Interesse ihres Umsatzes, Beamte und Angestellte der Karriere wegen beziehungsweise um die Stellung zu halten. Sicher gab es auch Idealisten, die sich einer vermeintlich großen Sache zur Verfügung stellen wollten. Kirchheim war von 1922 bis zum Hitlerputsch im November 1923 ohne Zweifel eine Hochburg der Nationalsozialisten. Die als Anerkennung für die Kirchheimer Ortsgruppe auf dem Hörnle im Juni 1923 durchgeführte Sonnwendfeier der württembergischen Nationalsozialisten und der überaus hohe Mitgliederstand der Ortsgruppe von 174 Personen belegen diese Aussage. Nach der Gründerzeit sank die Mitgliederzahl der hiesigen Ortsgruppe der NSDAP bis Ende 1930 um etwa 75 Prozent. Bei den letzten Reichstagswahlen im November 1932 und März 1933 lag der nationalsozialistische Stimmenanteil in Kirchheim beachtlich über dem württembergischen Landesdurchschnitt: 42,9 Prozent (26,9) und 49,3 Prozent (35). Landesweit ist zu konstatieren, dass in überwiegend protestantischen Gebieten mit bäuerlicher und dem gewerblichen Mittelstand zuzurechnender Bevölkerung die NSDAP wesentlich besser abschnitt. Die Machtübernahme in Kirchheim verlief geräuschlos. Lediglich der offiziell geforderte und staatlich sanktionierte Antisemitismus trat deutlich und sichtbar zutage. Einige Kommunisten und Gewerkschafter kamen ins KZ Heuberg. Der Bürgermeister blieb im Amt; die Kommunalpolitik kam infolge der Gleichschaltungsmaßnahmen und durch Änderung der Gemeindeordnung einige Monate nach der Machtübernahme wie überall praktisch zum Erliegen. Für die "alten Kämpfer" war in Kirchheim der Gewinn mager. Einige wurden in der Verwaltung untergebracht, Karriere machte dort niemand. Im Rahmen der NSDAP und ihrer Organisationen brachte es der erste SA-Führer Kirchheims zum Obergruppenführer, was sicher eine steile Karriere war. Kreisleiter Wahler konnte lediglich 1938 durch den Zusammenschluss der Kreise Kirchheim und Nürtingen sein Einflussgebiet vergrößern und erhielt den Titel Oberbereichsleiter; eine Karriere war das wohl kaum. Die Monate März bis Mai 1933 versetzten die Bevölkerung durch zahllose Aufmärsche und Feiern in eine Art Aufbruchstimmung. Markige Reden, Fahnen, Horst-Wessel- und Deutschlandlied wie ein Ritual liefen die nationalsozialistischen Veranstaltungen ab. Die Ortsgruppe der NSDAP verzeichnete einen großen Zulauf neuer Mitglieder: Ob diese so genannten Märzgefallenen durchweg überzeugte Nazis waren, darf bezweifelt werden. Die Masse der Parteimitglieder werden Mitläufer, Jasager, Konjunkturritter und Idealisten gewesen sein.

Wir wissen heute, dass die Chancen eines Volkes, sich von einer einmal etablierten totalitären Herrschaft zu befreien, sehr schwierig sind. Deshalb darf die für unser politisches System lebensnotwendige kritische Beteiligung der Bürger an der Demokratie nicht dazu führen, die Demokratie weder von rechts noch von links als Regierungsform in Frage zu stellen. Aber nicht nur die Teilhabe der Bürger an der Demokratie ist wichtig. Unverzichtbar ist auch, dass die Politiker in unseren Tagen die Realitäten des Alltags bewusster wahrnehmen und ihr persönliches Verhalten gelegentlich überdenken.