Lokales

Gelebte Gemeinsamkeit im gemeinsamen Gebet für den Frieden

Mit Musik aus Anatolien, gespielt auf dem aus Mittelasien stammenden und einheimischen Teilnehmern der Feierstunde wohl eher unbekannten Saiteninstrument "Saz", stimmte Savas Erdal die vielen Besucher im großen Sitzungssaal des Kirchheimer Rathauses gelungen auf die harmonische Begegnung von Vertretern unterschiedlicher Kulturen ein.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM " . . . und es kamen Menschen" ist die von Stadt und Integrationsausschuss gemeinsam initiierte Ausstellung im Kirchheimer Rathaus überschrieben, die am vergangenen Samstag feierlich eröffnet wurde und noch bis zum 9. Dezember Gelegenheit bietet, sich intensiv mit den vielfältigen Facetten des bewusst provokativ formulierten Themas "50 Jahre ,Gastarbeiter' in Kirchheim unter Teck" wahrgenommen werden kann.

"Wir riefen Arbeiter und es kamen Menschen", zitierte Erdogan Budak in seinem Grußwort für den Integrationsausschuss der Stadt den berühmten Satz von Max Frisch, der damit ein wichtiges Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ungemein treffsicher und prägnant auf den Punkt gebracht hatte: Deutschland in seiner bislang ungewohnten Rolle als Einwanderungsland.

Erfreulich viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten fanden sich bei der eindrucksvollen Auftaktveranstaltung im Kirchheimer Rathaus zusammen, bei der mit Gebeten und Deklarationen verschiedener Religionen unter dem Motto "Gemeinsam für den Frieden" gelebtes Miteinander glaubhaft demonstriert und ein in dieser Intensität noch nie dagewesenes Zeichen gesetzt wurde.

Gemäß der von Pfarrer i. R. Walter Gölz mit " . . . es kamen Menschen mit einer Religion" formulierten Modifizierung des Ausstellungsmottos, kamen an diesem Tag im großen Sitzungssaal des Kirchheimer Rathauses erstmals Vertreter aller Religionen zu einem gemeinsamen Friedensgebet zusammen. Nach Reinhold Jochim von der Katholischen Kirchengemeinde sprachen Vertreter des Türkisch-Islamischen Kulturvereins, der Griechisch-Orthodoxen Christen, Christen aus Portugal, Vertreter der Alevitischen Gemeinde und schließlich Wolf-Peter Bonnet für die Evangelische Kirchengemeinde. Im Blick auf sich verstärkende Ängste und Vorurteile war sich die Versammlung einig, dass Einheimische und Zugezogene alles tun sollen, was ihnen möglich ist, "um einander als Menschen wahrzunehmen".

Dass die Frage der Bereitschaft, Menschen ausländischer Herkunft aufzunehmen, schon so alt sei wie die Menschheit, hatte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker zuvor betont und daran erinnert, welch immense Integrationsleistung in der Zeit zwischen 1945 und 1947 in Kirchheim erbracht wurde. Rund 6 000 Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten wurden hier in der Stadt aufgenommen und fanden nicht nur Zuflucht, sondern auch eine neue Heimat.

Ab Mitte der 50er-Jahre stand dann eine weitere Herausforderung an die Aufnahmebereitschaft der hier lebenden Menschen an, zeigte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker auf und sprach im Blick auf eine "völlig falsch angelegte" Suche nach "Gästen auf Zeit" ganz bewusst von der Anwerbung von "Gastarbeitern", die schließlich selbst ebenfalls nie an einen lebenslangen Aufenthalt in Deutschland gedacht hätten. "Es bedurfte einer gewissen Zeit, bis beide Seiten erkannten, dass eine Aufnahme in die deutsche Gesellschaft notwendig werden muss", erinnerte die Oberbürgermeisterin an die frühen Stationen eines inzwischen immerhin schon fünf Jahrzehnte währenden Integrationsprozesses.

Dass diese Erkenntnis an der ersten ausländischen Arbeitergeneration nahezu spurlos vorübergegangen sei, merkte Angelika Matt-Heidecker an und bedauerte, dass diese Menschen "oftmals völlig ohne Sprachkenntnisse und ohne Kenntnisse der deutschen Gesellschaft ein Schattendasein" führten. Schon frühzeitig hätten sozial engagierte Menschen erkannt, dass ausländische Mitbürger sich ohne entsprechende Unterstützung nur schwer zurechtfinden können. Die Probleme, denen sich der schon 1971 gegründete "Arbeitskreis ausländischer Arbeitnehmer" widmete wie etwa Sprachprobleme der Kinder, Wohnungs-, Arbeitsplatz- und Qualifizierungsprobleme haben nach Einschätzung der Oberbürgermeisterin trotz fünf Jahrzehnten Integrationsarbeit "leider nichts an Aktualität verloren."

Ihr Dank galt allen, die sich über die Jahre unermüdlich dafür eingesetzt haben, in Aktivgruppen wie "Hausaufgabenhilfe" oder "Sprachhilfe im Kindergarten" mit dazu beizutragen, Kindern ausländischer Herkunft die Schlüsselqualifikation Sprache näher zu bringen. Integration im Sinne von gleichberechtigtem Zusammenleben unter Achtung der Grundwerte der Gesellschaft und der jeweiligen kulturellen Identität sieht Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker als Daueraufgabe an.

Überzeugt zeigte sie sich davon, dass die Stadt auf dem richtigen Weg sei "mit dem konsequenten Bemühen, die Türen in die deutsche Gesellschaft offen zu halten, die Menschen hereinzubitten und ihnen im Dialog die Hand zu reichen". Da der notwendige Dialog nicht einseitig geführt werden könne, freute sie sich ganz besonders über die "spürbare neue Offenheit in den türkischen Vereinen" und über den Dialog mit Migrantenjugendlichen.

Dass Sprache eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung für Integration sei, war Erdogan Budak wichtig. "Worauf es wirklich ankommt, ist die Bereitschaft des einen auf den anderen als gleichberechtigten Menschen zuzugehen und zwar ohne Vorurteile". Ganz wichtig wäre es, aktiv aufeinander zuzugehen und zu kommunizieren, statt die Haltung zu vertreten "Du bist zwar nett, aber ich möchte trotzdem nichts mit dir zu tun haben". Neben Sprache sei Bildung eine unverzichtbare Voraussetzung der Integration, stellte Erdogan Budak fest und bestätigte, dass Kirchheim im Vergleich mit anderen Städten dieser Größe "eine Vorreiterrolle spielt, wenn es um Integration geht." Mit einem türkischen Sprichwort beendete er seinen Appell an ein noch intensiveres Bemühen um Integration, für das jeder einzelne Bürger seinen eigenen Beitrag leisten muss. "Die Einladung zu einem Kaffee enthält mindestens eine 40-jährige Freundschaftsschuld", lautet dieses Sprichwort, "Warum," so fragte Erdogan Budak abschließend die versammelten Besucher der Ausstellungseröffnung, "soll man diese Schuld nicht auf sich nehmen?"