Lokales

Gelebtes Europa auf allen Ebenen

Die Teilnehmer der jüngsten Bürgerbusfahrt nach Rambouillet wandelten auf historischen Spuren, sowohl beim touristischen Programm als auch beim kommunalpolitischen Höhepunkt der Reise. Am Samstag wurde in Rambouillet die rue Konrad Adenauer eingeweiht. Im Rahmen der Feierstunde gedachten die Redner der Gündungsväter der deutsch-französischen Freundschaft: Konrad Adenauer, Charles de Gaulle und Robert Schuman.

ANDREAS VOLZ

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RAMBOUILLET 60 Jahre nach Kriegsende stand am Wochenende in Rambouillet die gelungene Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland im Mittelpunkt. Rambouillets Bürgermeister Jean-Frédéric Poisson erinnerte an die schwierige Zeit, in der Konrad Adenauer die Geschicke der Bundesrepublik lenkte. Am Ende seiner 14-jährigen Regierungszeit legte er schließlich gemeinsam mit Charles de Gaulle den Grundstein zur deutsch-französischen Freundschaft und Kooperation, mit der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags am 22. Januar 1963.

Normalerweise sei es nicht die Aufgabe eines Bürgermeisters, solche staatstragenden Ereignisse zu würdigen. Zugleich gestand Poisson aber, was ihn persönlich besonders mit den Unterschriften der beiden großen "Männer des Friedens" verbindet: "Ich bin so alt, oder so jung, wie der Elysée-Vertrag.

"Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker schlug den Bogen zwischen der großen Politik und der lokalen Ebene: "Hier zeigt sich wieder einmal, dass die deutsch-französische Freundschaft genau da funktioniert, wo ihre Begründer sie sich wünschten: auf der verbindlichsten Ebene, zwischen den Kommunen, zwischen den Menschen." Genau eine Woche zuvor hatte Kirchheims Oberbürgermeisterin der Begründung einer weiteren Städtepartnerschaft Rambouillets beiwohnen können, mit der spanischen Stadt Zafra. Außer einer Kirchheimer Delegation waren dabei Vertreter der belgischen Partnerstadt Waterloo zugegen sowie Abgesandte aus der allerersten Jumelage-Gemeinde Rambouillets, aus Great Yarmouth in der englischen Grafschaft Norfolk.

Angelika Matt-Heidecker sprach rückblickend von einer "fantastischen Demonstration eines gelebten Europas". Trotz der Betonung des kommunalen Elements kam Kirchheims Oberbürgermeisterin auch auf die große Politik zu sprechen. Weil die "rue Konrad Adenauer" in Rambouillet auf eine Straße stößt, die Robert Schuman gewidmet ist, würdigte die Rednerin den ehemaligen französischen Außenminister, den sowohl die deutsche als auch die französische Kultur geprägt hatten, als den "Vater Europas". Schon in den 1920er-Jahren habe er, nachdem ihn der Vertrag von Versailles zum französischen Staatsbürger gemacht hatte, als Mitglied der Nationalversammlung auf eine Verständigung zwischen den Nachbarn gesetzt. 30 Jahre später hat er dann als Außenminister gesagt: "Die Vereinigung der europäischen Nationen fordert, dass der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird." Dazu trugen dann Konrad Adenauer und Charles de Gaulle bei, indem sie "ihr altes Bild vom einstigen Feind revidierten". De Gaulle habe an Adenauer besonders geschätzt, dass der erste Bundeskanzler kein Militarist, sondern ein den westlichen Idealen verpflichteter Staatsmann war und zudem allem Großmachtstreben fern stand, führte Angelika Matt-Heidecker weiter aus. Mit der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags habe sich Adenauer damals der großen Mehrheit im deutschen Bundestag widersetzt. De Gaulle habe den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag mit einem Rosengarten verglichen, da eine einzelne Rose verblüht, der Rosengarten dagegen Bestand habe, bei entsprechender Pflege.

Für die Pflege dieses Gartens sorgen vor allem die persönlichen Kontakte, zwischen den Staatsmännern ebenso wie zwischen der Bevölkerung. Lutz-Rüdiger Vogt, in Paris als deutscher Botschaftsrat für soziale Angelegenheiten tätig, erinnerte in diesem Zusammenhang an seine erste Reise nach Frankreich vor beinahe 50 Jahren. Obwohl er eine französische Großmutter hatte, sei ihm das Nachbarland damals bei weitem exotischer vorgekommen als irgendwelche asiatischen Länder, die er später in seinem Leben noch bereisen sollte. Er selbst bezeichnete sich als ein Kind der Epoche Adenauers. Für seine eigenen Kinder wiederum sei das Leben in Frankreich eine Selbstverständlichkeit geworden.

An die Bedeutung Rambouillets für den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag erinnerte Gérard Larcher, der frühere Bürgermeister von Kirchheims Partnerstadt und jetzige französische Arbeitsminister: "Es wurde in Rambouillet entschieden, dass der Vertrag zu Stande kommt." Das ist sicher nicht übertrieben, wenn man bedenkt, dass das Schloss in Rambouillet bis heute dem Präsidenten der Republik Frankreich dazu dient, ausländische Staatsgäste zu empfangen und zu beherbergen. So hatte auch schon Charles de Gaulle in Rambouillet Gespräche mit Konrad Adenauer geführt.

Einige Passagiere des Bürgerbusses hatten das altehrwürdige Schloss zuvor gemeinsam mit ihren französischen Gastgebern auf eigene Faust besichtigt. Das offizielle Tourismus-Programm dagegen, das das Partnerschaftskomitee in Rambouillet auf die Beine gestellt hatte, führte die Gäste aus dem 700 Kilometer entfernten Kirchheim diesmal nach Paris. Nach der Besichtigung des Montmartre fand die historische Erkundung der französischen Hauptstadt im Rahmen einer Seine-Rundfahrt ihren beeindruckenden Abschluss.

Den Galliern, die Paris zur Römerzeit gegründet hatten, waren die "Bürgerbusler" bereits auf der Anreise begegnet: In Chlons-en-Champagne (früher einmal Chlons-sur-Marne) hatte es eine Führung durch die Champagnerkellerei Joseph Perrier gegeben. Auch wenn die Firma "erst" 1825 gegründet wurde, sind die kühlen, drei Kilometer langen Kellergänge bereits an die 2 000 Jahre alt. Die Römer hatten die Stollenlabyrinthe einst als Untertage-Steinbruch in den Berg getrieben.

Zurück in die Gegenwart und in die Zukunft der völkerverbindenden Städtepartnerschaft ging es am Samstagabend für die Bürgerbus-Fahrer und ihre Gastgeber: Auf dem Programm stand der "Freundschaftsabend", der dafür sorgte, dass viele alte und neue Freundschaften vertieft werden konnten.