Lokales

"Gemeinde ist ein Wechselspiel von Nehmen und Geben"

Die evangelische Petruskirchengemeinde in Jesingen hat einen neuen Pfarrer: Am gestrigen Sonntag setzte Dekan Hartmut Ellinger den 40-jährigen Roland Conzelmann im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes in sein Amt ein.

ANKE KIRSAMMER

Anzeige

KIRCHHEIM "Nur im Wechselspiel von Geben und Nehmen gestaltet sich Gemeindeleben", betonte Ellinger. Deshalb dürfe die Gemeinde nicht nur Erwartungen an den neuen Pfarrer richten, sondern auch er dürfe die eine oder andere Erwartung haben. "Wichtig ist die offene Begegnung", so Ellinger. Aufgabe des Pastors sei nicht, Berge zu versetzen, er müsse vielmehr immer wieder neu daran erinnern, was Grundlage des Glaubens ist. Auch gehöre das Mahnen und Trösten zu seinem Auftrag.

Roland Conzelmann nahm zur kurzweiligen Vorstellung seiner Vita einen Garderobenständer zu Hilfe. Stellvertretend für seinen Geburtsort Tailfingen, wo er 1966 als jüngstes von drei Kindern geboren wurde, hängte er eine braune Wollunterhose in Größe XXL an den Haken "weil dort alles in irgendeiner Verbindung zur Trikotindustrie steht und es da immer einen Kittel kälter ist". Dazu gesellte sich ein Friesennerz für eine Etappe in den Diensten des CVJM auf Hallig Hooge, eine Brille rief die Studentenzeit in Tübingen in Erinnerung und ein "Mozartkopf" ein Semester in Wien. Ein aus Hefeteig gebackener Crailsheimer "Horaff" symbolisierte den Abschnitt des Vikariats im Hohenlohischen und ein Mütschele das vergangene Jahrzehnt im Reutlinger Stadtteil Altenburg. Dort sammelte Roland Conzelmann auch seine ersten Erfahrungen als evangelischer Pfarrer.

Aus Altenburg war nicht nur die Zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats, Gudrun Topp, angereist, um dem ehemaligen Pfarrer an seiner neuen Wirkungsstätte alles Gute zu wünschen. Sie hatte auch eine ganze Reihe von "Schlachtenbummlern" im Schlepp, die Conzelmanns Wegzug bedauerten: "Am liebsten hätten wir ihn gar nicht gehen lassen", meinte eine Frau im Anschluss an den Gottesdienst.

In seiner Antritts-Predigt in der gut gefüllten Jesinger Petruskirche sprach Conzelmann über einen Paulusbrief an die Thessalonicher, in dem der Absender den Gemeindemitgliedern bescheinigte, "tolle Typen" Vorbilder zu sein. Was Conzelmann wie Paulus imponierte: "Die Thessalonicher hatten zu festem Glauben gefunden, der ihnen ermöglichte, gegen den Strom zu schwimmen." Angesichts der Bedrohung der Umwelt, von Kriegen und vielfältigem Leid in Deutschland und weltweit als Christ "Nein" zu sagen, lautete eine der Botschaften des evangelischen Geistlichen.

Bevor Dekan Ellinger beim anschließenden Stehempfang im Gemeindehaus Conzelmann die Ernennungsurkunde aushändigte, brachte der Zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats, Werner Klein, seine Freude über den frischen Wind zum Ausdruck, der voraussichtlich mit der sechsköpfigen Pfarrersfamilie in der Gemeinde Einzug halten wird. Von neuen Gottesdienstformen über Angebote für Jugendliche wie Lagerfeuerandachten sei viel Neues anvisiert. Eine vom 2. bis 5. November stattfindende Kinderbibelwoche unter dem Titel "Abenteuer am Nil. Unterwegs mit Joseph", bezeichnete Werner Klein als erste Herausforderung und gute Gelegenheit für den neuen Pfarrer, die Kinder und Mitarbeiter der Kirchengemeinde kennen zu lernen. Darüber hinaus ist Ende November eine ganztägige Klausurtagung zur mittel- und langfristigen Planung vorgesehen.

"Kirche und Politik sind aufeinander angewiesen", betonte Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Was in den kirchlichen Gemeinden angeschoben werde sei unverzichtbar auch für das Gelingen in der weltlichen Gemeinde. Sie machte Conzelmann Mut, auf Missstände hinzuweisen. "Darauf warte ich."

Ortsvorsteher Johannes Züfle bezeichnete es als gemeinsames Anliegen, dafür zu sorgen, dass es den Menschen in Jesingen gut geht, und Hans Gregor, Rektor der Grund- und Haupt- sowie Werkrealschule, freute sich über das Ende des "Diaspora-ähnlichen" Zustands der Schule. Die Klassen sieben bis zehn seien zuletzt nicht mehr in Religion unterrichtet worden. "Ein Pfarrer ist wichtig für den Schulbetrieb", unterstrich Gregor. Gehe es im Fach Religion doch um mehr als um die Vermittlung von Wissen. Beispielhaft nannte der Rektor die Bereiche Lebenshilfe, Gebet und Seelsorge. Zur Begrüßung des neuen Kollegen überreichte Gregor dem Pfarrer einen Schulschlüssel sowie seinen persönlichen Stundenplan.

Nach Musikstücken des Kirchenchors unter Leitung von Natalia Katsnelson sowie des Posaunenchors, dirigiert von Klaus Budczinski, hießen Pfarrer Winfried Hierlemann für die katholischen Kirchen und der evangelische Pfarrer Reimar Krauß für die Kollegen im Distrikt, den Neuen im Bunde willkommen. Im Namen der Mitarbeiter der evangelischen Kirchengemeinde Jesingen freute sich auch Erika Stolz auf eine gute Zusammenarbeit mit Conzelmann.