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Gemeindepolitik einmal anders: "türkischer Basar" im Notzinger Gremium

Ungläubiges Staunen, scharfe Kommentare und eine gute Portion Galgenhumor alldies war bei der jüngsten Sitzung des Notzinger Gemeinderates zu erleben. Der Grund: Recht fragwürdige Nachtragsangebote für die Gemeindehalle, für die sowohl Ingenieur- als auch Architekturbüro schlussendlich die Verantwortung tragen.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN "Seit ich Bürgermeister in Notzingen bin, habe ich so etwas noch nicht erlebt." Dieser Kommentar von Jochen Flogaus steht wohl für sich. Einige Gemeinderäte drückten ihre Meinung weit konkreter aus und Emiliana Montero-Rodriguez hielt es einige Male beinahe nicht mehr auf ihrem Stuhl.

Extra geladen waren die Verantwortlichen eines Stuttgarter Ingenieurbüros samt Architekt, um drei Nachtragsangebote näher zu erläutern, die sich auf die stolze Summe von rund 25 000 Euro beliefen. Dabei handelte es sich um die Beschallungsanlage samt Regietisch und um die Beleuchtungssteuerung. Schlecht vorbereitet waren die Vertreter des Ingenieurbüros in der Sitzung erschienen, konkrete Nachfragen konnten teilweise nur unzureichend beantwortet werden und das entsprechende Leistungsverzeichnis musste der Schultes gar selbst aus seinem Büro holen.

Das Fass zum Überlaufen brachte jedoch eine weitere Hiobsbotschaft des Ingenieursbüros, als es den Notzinger Gemeinderat davon unterrichtete, dass auch bei der Beleuchtungsanlage vieles schiefgelaufen war diesen Schuh dürfte sich jedoch auch der Architekt mit überziehen, denn schließlich hat er die Planungsaufsicht. Sämtliche Beleuchtungen für Kernzeit-Räume, Foyer und Saal waren vergessen worden und erste Berechnungen beliefen sich auf weitere 34 000 Euro für ein Nachtragsangebot. "Bei dieser Summe hat mich fast der Schlag getroffen", gab der Geschäftsführer des Ingenieurbüros zu. Das Büro hat daraufhin selbst nach einer abgespeckten Lösung gesucht. Der Betrag konnte sich aber trotzdem sehen lassen: 18 000 Euro sollte die Gemeinde Notzingen für Lampen, Dimmer und weiteres Beleuchtungszubehör bezahlen. Doch damit nicht genug: die Löcher für die Lampen waren schon gebohrt, als festgestellt wurde, dass es dafür gar keine serienmäßige Leuchten gibt, sondern nur teure Sonderanfertigungen. Auch größere Lampen, die aus der Decke herausragen sind nicht möglich, denn sonst könnte man in den Räumen der Kernzeitbetreuung keine Fenster öffnen vom ästhetischen Gesichtspunkt in Foyer und Halle gar nicht zu sprechen.

Bei all diesen "planerischen Leistungen" durften sich die Verantwortlichen einige Kommentare seitens der Gemeinderäte anhören, zumal das übliche Geschäftsgebahren seitens des Büros nicht eingehalten wurde. Aufträge wurden erteilt, ohne, dass der Gemeinderat davon unterrichtet wurde, geschweige denn sein Okay dafür gab. "Wir haben uns über nichts so intensiv unterhalten wie über die Beschallungsanlage und jetzt das", ereiferte sich Erhard Reichle. Ganz offensichtlich war an die Verkabelung bei der Ausschreibung nicht gedacht worden. "Immer wieder wurde etwas vergessen, was laufend für Nachträge sorgt und als Einzelposten teurer bezahlt werden muss", ärgerte sich Herbert Hiller. Als einen Schlag ins Gesicht empfand Emiliana Montero-Rodriguez die ganze Angelegenheit.

"Wenn die Nachträge aus unvorhergesehen Umbaumaßnahmen resultieren würden, täten wir uns leichter dies sind jedoch Planungfehler", stellte Rudolf Kiltz klar. "Dies alles macht mich sprachlos. Das Vorgehen in der Halle stellt das System auf den Kopf, denn es zeigt, dass die bauausführende Firma mehr Kompetenz hat wie das Ingenieurbüro", erklärte Günter Barz. Irgendwann hatte die Elektrofirma bemerkt, dass die Kabel für die Beschallungsanlage fehlen und das Büro da-rauf aufmerksam gemacht. "Das ist gewisser Dilletantismus", so das Urteil von Günter Barz.

Wenig Professionalität hat der für Notzingen zuständige Ingenieur, der mittlerweile nicht mehr für das Stuttgarter Büro tätig ist, auch bei der Weiterleitung der Nachträge an die Gemeinde bewiesen: Erst im November war beispielsweise ein Schreiben eingegangen, obwohl es vom 7. April datiert. "Was bieten Sie uns?", lautete die direkte Frage von Wolfgang Schäfer an den Geschäftsführer. Zunächst versuchte sich dieser in vagen Formulierung, dass beispielsweise der fünfte Lautsprecher vom Büro zurückgenommen wird. Da sich der Notzinger Gemeinderat jedoch im Klaren war, nicht an der Beschallungsanlage zu sparen, wurde Herbert Hiller konkreter: Er verlangte in diesem Punkt einen Kompromiss. Einstimmig einigte sich das Gremium darauf, dass die Gemeinde den fünften Lautsprecher in Höhe von rund 3000 Euro zahlt, die Kosten für die Verkabelung von ebenfalls rund 3000 Euro jedoch vom Ingenieurbüro oder der Elektrofirma zu tragen sind.

Auch beim Nachtrag des Regietischs war der Gemeinderat nicht bereit, die ganze Summe von knapp 5600 Euro zu zahlen. Hier wurde ebenfalls das Büro in Höhe von 3200 Euro mit zur Kasse gebeten.

"Jetzt sind wir sowieso schon auf dem türkischen Basar. Bei der Beleuchtung sollte noch etwas passieren", erklärte Bürgermeister Flogaus, als die Diskussion um den 18 000-Euro-Posten in vollem Gange war. Zunächst hatte der Geschäftsführer 10 000 Euro angeboten, erhöhte seinen Eigenanteil aber schließlich auf 14 000 Euro, sodass die Gemeinde Notzingen für die Beleuchtung noch 4000 Euro zu bezahlen hat.

Schlussendlich schieden die Parteien in friedlichem Einvernehmen. Dem Geschäftsführer waren die gehäuften Problemfälle sichtlich peinlich: "Seit 1967 bin ich in dieser Firma. In einer derartigen Situation war ich noch nie", beteuerte er.

Die ärgerlichen Nachträge waren mit der "Entlassung" der Ingenieure jedoch immer noch nicht abgeschlossen. Einstimmig vom Gemeinderat abgelehnt wurden die Mehrkosten von rund 1300 Euro für einen Kunstharzputz, der auch bei niedrigen Temperaturen klebt. "Wochenlang hat die Firma Zeit gehabt, bei normalen Temperturen zu arbeiten", sagte Erhard Reichle. Architekt Hermann erklärte daraufhin, dass eine Firma gleich zwei Mal die falschen Fensterbänke geliefert hat, weshalb es zu der Verzögerung gekommen sei. "Dann bezahlen die das", so der Kommentar von Herbert Hiller, dem sich der Gemeinderat anschloss.