Lokales

Gemeinsam den Absprung schaffen

Bundesweite Aktionswoche der Anonymen Alkoholiker – Gruppe in Kirchheim stellt sich vor

Anlässlich der bundesweiten Aktionswoche der Anonymen Alkoholiker hat die AA-Gruppe in Kirchheim ein offenes Meeting abgehalten. Sie wollen sich vorstellen und damit Aufklärung betreiben.

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Anna Haack

Kirchheim. In einem großen Raum sitzen sich rund 20 Männer und Frauen gegenüber. Die Atmosphäre wirkt seltsam vertraut und freundlich. Den einzigen Hinweis auf den Grund des Treffens geben die Kärtchen auf dem Tisch, die den Leser zum Stillschweigen über alles Gesehene und Gehörte auffordern. Mit einem fast schon rituellen Satz beginnt das Meeting: „Ich bin Karin und ich bin Alkoholikerin.“

Die folgenden zwei Stunden drehen sich nur um ein Thema. Alkoholismus ist eine weit verbreitete, alle Gesellschaftsschichten betreffende Krankheit. Bei Problemen, Ängsten und Krisen scheint Alkohol ein Anker auf „stürmischer See“ zu sein. Er gibt vorübergehend Halt, das Leben zu meistern und nicht unterzugehen. Er verhilft zu Mut, Selbstvertrauen oder einfach Betäubung. Aber nur zeitweise, denn Alkohol ist ein trügerischer Freund, gleich einem Klotz am Bein, der einen immer weiter runterzieht und der einen, einmal abhängig, ein Leben lang begleitet. Oft sind es nicht die Therapien, Psychologen und gut gemeinten Ratschläge, die Alkoholikern letztlich helfen, sich aus dem Sumpf zu ziehen, sondern eine Selbsthilfegruppe. Die Anonymen Alkoholiker sind eine internationale Organisation mit weltweit über 100 000 Gruppen. Viele haben durch sie den Absprung geschafft und „das Leben neu gelernt“.

Seit 1988 gibt es die Anonymen Alkoholiker auch in Kirchheim. Aber Selbsthilfegruppen sind noch immer mit vielen Klischees behaftet: „Als ich das erste Mal zu den Anonymen Alkoholikern gegangen bin, sind mir im Foyer zwei normal aussehende Menschen begegnet, die einen Kasten Sprudel getragen haben. Da hab ich mich auf dem Absatz umgedreht und bin wieder gegangen“, erinnert sich ein Teilnehmer. Bei den Anonymen Alkoholikern treffen sich in der Tat ganz normale Menschen aller sozialen Schichten, Religionen und Nationalitäten. In diesem Kreis geht es nicht darum, wer man ist und woher man kommt, sondern um das Trinkproblem, das alle gemeinsam haben.

Bis sich ein Alkoholiker jedoch einer Selbsthilfegruppe anschließt, muss oft sehr viel passieren. Viele Betroffene wollen lange Zeit nicht wahrhaben, dass sie krank sind. Wenn sie scheitern oder Misserfolge hinnehmen müssen, machen sie andere dafür verantwortlich. „Selbst als mir mein Arbeitgeber gekündigt hat, habe ich die Schuld nicht bei mir gesucht, sondern alle anderen für unfähig gehalten“, gibt jemand zu. Das Eingeständnis der Abhängigkeit und damit der persönlichen Niederlage kommt oft spät. Meistens erleben Alkoholiker einen persönlichen Tiefpunkt, an dem sie erkennen, dass ihr Leben mit Alkohol keine Zukunft hat. „Ich habe zu meiner Frau gesagt, dass ich mich umbringe. Sie hat mir zugestimmt, denn dann wäre ich einige Probleme los und sie und die Kinder auch. Da hat es bei mir Klick gemacht“, erzählt einer, der es geschafft hat. Andere sind einfach am Ende ihrer Kraft, kommen auch mit Alkohol keinen Schritt mehr weiter.

Nach der Selbsterkenntnis folgt der Entzug. Danach gilt es, trocken zu bleiben. Genau dabei wollen die Ano­nymen Alkoholiker sich gegenseitig unterstützen. Ziel ist es, das erste Glas nicht zu trinken, die kommenden 24 Stunden ohne Alkohol auszukommen und „im Heute zu leben“.

Warum das so gut funktioniert, hat mehrere Gründe. Zunächst ist die Teilnahme völlig freiwillig und mit keinerlei Pflichten oder Rechtfertigung verbunden. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Außerdem gibt es niemanden, der den Ton angibt, jeder hat das Recht sich zu äußern. Wenn einer redet, hören die anderen zu. Wichtig ist dabei, dass die Teilnehmer wissen, dass sie verstanden werden. Keiner wird belehrt oder mit Ratschlägen versorgt. Durch den gegenseitigen Austausch werden Erfahrungen geteilt und Gemeinsamkeiten gefunden. Das hilft, um an sich arbeiten zu können. Genauso wie die sogenannten zwölf Schritte und zwölf Traditionen. Diese 24 Regeln sollen Hilfestellung und Anregung sein, das Leben ohne Alkohol zu meistern. Sie haben sich im Laufe der Zeit durch die Erfahrungen anderer Alkoholiker bewährt. Es ist jedem freigestellt, das Programm auf eigene Art und Weise in den Alltag zu integrieren.

Aber die Selbsthilfegruppe erfüllt noch einen anderen Zweck: Die Betroffenen machen sich bei jedem Treffen wieder klar, dass sie krank sind. Das ist besonders wichtig, da die Krankheit sonst in den Hintergrund zu geraten droht und leichtsinnig werden lässt. Ein Betroffener bestätigt: „Wenn ich im Urlaub bin und drei Wochen nicht zu den Meetings kommen kann, merke ich das. Es tut einfach gut, hier zu sein.“

Die Teilnehmer sagen: „Ohne AA würde ich es nicht schaffen“. Die Gruppe gibt ihnen Halt und das Gefühl, nicht allein zu sein, auch wenn es jeder alleine schaffen muss, trocken zu bleiben. Zusätzlich erschwert wird die Situation dadurch, dass Außen­stehende die Problematik, in der sich Alkoholiker befinden, oft nicht verstehen können, besonders, wenn sie als Angehörige unter den Folgen leiden müssen. Sätze wie „Du kannst doch einfach aufhören“ sind leicht gesagt, lassen sich aber allein schwer in die Tat umsetzen.

Deswegen möchten die Anonymen Alkoholiker im Rahmen ihrer Aktionswoche vom 31. Oktober bis 8. November auf sich aufmerksam machen und über ihre Gruppe aufklären. Es geht ihnen darum, Betroffenen Mut zu machen, die sich nicht vorstellen können, dass sie es schaffen können, aufzuhören. „Jeder muss so oft von vorne anfangen wie es eben sein muss“, sagt einer der „Freunde“, wie sie sich gegenseitig nennen. Die Anonymen Alkoholiker wissen, dass sie ein Leben lang mit ihrer Krankheit zu kämpfen haben werden. Aber gemeinsam haben sie eine Möglichkeit gefunden, sie zum Stillstand zu bringen: „Gestern vor 21 Jahren habe ich mein letztes Bier getrunken.“ Erfolgserlebnisse wie dieses gibt es viele.

Die Anonymen Alkoholiker treffen sich jeden Montag von 19.30 bis 21.30 Uhr im Vogthaus in der Widerholtstraße 4 in Kirchheim. Vorabinformationen gibt es bei Ingrid unter der Telefonnummer 0 70 21/26 68 40.