Lokales

„Gemeinschaft lebt nicht von stillen Bürgern“

Ehrenamtspreis 2010 „Starke Helfer“: Landrat Heinz Eininger setzt auf die Helden des Alltags

Noch bis zum 10. Juli läuft die aktuelle Ausschreibung des Ehrenamtspreises „Starke Helfer“ des Teckboten und der Stiftung der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen zum Thema „Retten, helfen, Chancen schenken“. Warum ist es so wichtig, ehrenamtliches Engagement in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken, und welche Bedeutung hat der freiwillige Einsatz von Bürgern für das Gemeinwohl im Landkreis? Über diese und andere Fragen unterhielt sich Christian Dörmann mit Landrat Heinz Eininger, Schirmherr des Ehrenamtspreises und Kreissparkassen-Verwaltungsratsvorsitzender.

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Herr Eininger, als Schirmherr des Ehrenamtspreises engagieren Sie sich seit 2003 für Bürger, die sich in ihrer Freizeit freiwillig für andere Menschen einsetzen. Warum ist es für Sie so wichtig, das Thema Ehrenamt immer wieder in die Öffentlichkeit zu tragen?

Heinz Eininger: Bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt sind Ausdruck gelebter örtlicher Gemeinschaft und eines ausgeprägten Zusammenhalts in unseren Städten und Gemeinden. Die öffentliche Hand kann Rahmenbedingungen schaffen; Kirchen, Vereine, Institutionen und private Initiativen müssen sie mit Leben erfüllen. Unsere Gemeinschaft lebt nicht von den stillen Bürgern, sondern vielmehr von denjenigen, die nicht lange fragen und mehr tun als man eigentlich müsste. Erfolgreich sind wir deshalb, weil wir in der Werbung dafür nicht nachlassen – und dies in allen gesellschaftlich wichtigen Bereichen.

„Retten, helfen, Chancen schenken“: Da fallen einem zuerst die vielen Rettungs- und Notdienste im Landkreis ein, die schon immer von ehrenamtlichem Engagement geprägt sind. Warum sollen sich noch mehr Menschen beteiligen?

Eininger: In den Medien wird nahezu täglich über Unfälle, Katastrophen und ähnliche Ereignisse berichtet. Neben den hauptamtlichen Einsatz- und Rettungskräften, die hierbei helfen, sind vorwiegend ehrenamtlich Tätige im Einsatz, zum Beispiel bei der Feuerwehr, dem Roten Kreuz, Malteser Hilfsdienst, Johanniter Unfallhilfe, Technischen Hilfswerk, DLRG, Bergwacht und anderen. Diese Menschen bringen ihre Freizeit ein und begeben sich teilweise in Gefahren für ihr eigenes Leben, um das anderer zu retten. Diese Hilfsbereitschaft rund um die Uhr ist aber nur möglich, wenn genügend Freiwillige bereit sind, den Dienst auf sich zu nehmen. Nur durch die Bereitschaft des Einzelnen, sich in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, sich auszubilden und weiterzubilden, sind sie in der Lage, die vielfältigen Anforderungen zu bewältigen. Das ist unbezahlbar.

Für andere Menschen eintreten, die sich in schwierigen Situationen nicht selbst helfen können: Das hat auch etwas mit Zivilcourage zu tun. Ist der Ehrenamtspreis das richtige Instrument, um auch solche Bürger zu würdigen, die mutig für andere Partei ergreifen?

Eininger: Auf jeden Fall: Wir müssen in der Zivilgesellschaft Leitbilder schaffen, die zu einem guten Zusammenleben beitragen. Gute Beispiele wirken an der Schaffung solcher Leitbilder mit. Mut tut Not – das zeigen nicht zuletzt viele Zeitungsüberschriften. Zivilcourage heißt für mich, dass der mündige Bürger die Grundwerte unserer Gesellschaft kennt und die daraus gewonnenen Überzeugungen mutig und selbstbewusst vertritt. Dabei geht es auch um den Einsatz für schutzbedürftige Dritte oder gegen Unrecht, Armut und Gewalt. Das Entscheidende bei der Zivilcourage ist, dass sich jemand für den Schutz und die Würde des anderen einsetzt. Der Ehrenamtspreis soll deshalb an den ausgezeichneten Beispielen zeigen, dass Zivilcourage bei uns im täglichen Leben und in den verschiedensten Situationen gefragt ist und gelebt werden kann.

Was kann der Landkreis tun, um Zivilcourage im richtig verstandenen Sinne zu fördern?

Eininger: Indem wir die guten Beispiele öffentlich machen, indem wir die handelnden Personen auszeichnen und indem wir damit andere auffordern, es ihnen gleichzutun. Die menschliche Grundhaltung und Leistung hinter diesen Beispielen ist einfach grandios und wert, gezeigt zu werden. Diese Menschen stehen für Ideale, und sie leben diese Ideale. Sie sind Vorbilder und in vielen Fällen Helden des Alltags.

Benachteiligten helfen und ihnen Chancen schenken: Das geschieht täglich und freiwillig in vielfältiger Weise und in vielen Organisationen im Kreis Esslingen. Was täten wir ohne diese „Starken Helfer“?

Eininger: Die Gesellschaft wäre von einer großen sozialen Armut bedroht. Wir brauchen natürlich eine gute Existenzsicherung für alle Menschen – aber Chancen werden auch durch zwischenmenschliches Engagement eröffnet. Das ist unabdingbar nötig für ein solidarisches Miteinander – und eine gute Zukunft. Die gesellschaftliche Temperatur kann sehr gut am ehrenamtlichen Engagement abgelesen werden. Eine Gesellschaft, in der wir untereinander nicht bereit sind zu helfen, verkümmert zum Torso. Und nebenbei bemerkt: Aus politischer Sicht könnten wir dieses Engagement niemals bezahlen.

Große und starke Organisationen, in denen auch ehrenamtliche Arbeit geleistet wird, sind wichtig. Aber sind es nicht manchmal gerade auch die kleinen Gesten von Menschen, die lieber im Verborgenen arbeiten, die als Beispiele für vorbildliches ehrenamtliches Engagement stehen?

Eininger: Anerkennung ist die Währungseinheit für bürgerschaftliches Engagement. Ich gestehe gerne zu, dass es Menschen gibt, denen die Dankbarkeit, die ihnen entgegengebracht wird, eine ausreichende Gegenleistung ist. Aber vielen tut auch eine öffentliche Wertschätzung gut – und uns allen tut es gut, wenn diesen Menschen auch einmal ganze Zeitungsseiten gewidmet werden.

Die öffentliche Hand – auch der Landkreis – muss an allen Ecken und Enden sparen. Leistungen für die Bürger werden zurückgefahren, weil die Finanzmittel immer knapper werden. Muss sich das Ehrenamt da nicht zunehmend wie eine Ersatzmannschaft vorkommen, die das auffängt, was die öffentliche Hand nicht mehr leisten kann?

Eininger: Ich glaube, dass man das bei uns im Landkreis nicht sagen kann. Ehrenämtler können keine Ausfallbürgen für die öffentliche Hand sein. In den Kommunen und im Landkreis haben wir uns früh, etwa über die Volunteers-Grundsätze, darauf verständigt, dass bürgerschaftliches Engagement Rahmenbedingungen braucht, die von der öffentlichen Hand zu stellen sind. Menschen engagieren sich nicht, weil die öffentliche Hand das von ihnen fordert, sondern weil sie darin eine Notwendigkeit und einen Sinn sehen. Die Tradition gründet im 19. Jahrhundert – und es ist sicher ein Irrtum, davon auszugehen, der Staat könne alles richten.

Wie beurteilen Sie die Kultur des Ehrenamtes hier im Landkreis?

Eininger: Wir sind da sicher ein glücklicher Landkreis. Die politisch Verantwortlichen wissen: Bürgerschaftliches Engagement ist das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Unsere Volunteers-Grundsätze geben seit 1995 Rahmenbedingungen vor, mit denen sich Menschen gewinnen lassen. In Hunderten von Vereinen, Verbänden, Kirchen und Organisationen wird hervorragende Arbeit geleistet. Die Menschen nehmen ihre Arbeit dort ernst, setzen sich für ihre Belange ein, engagieren sich für ihre Überzeugungen und verrichten vielfältige Dienste an Menschen: von jung bis alt, von nah und von fern, von top-fit bis hilfsbedürftig, von beschaulich bis gefährlich. Dafür sage ich allen einen großen und herzlichen Dank.