Lokales

Generationenüberschreitende Verständigung

"Starke Helfer" müssen sie schon deshalb sein, weil sie sich in einer Ecke der Stadt engagieren, in der es lange Zeit alles andere als konfliktfrei zugegangen ist. Dass sich das schon etwas geändert hat und hoffentlich weiter ändern wird, ist einem starken Team zu verdanken, das sich uneigennützig in den Dienst einer zweifellos guten Sache stellt.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

KIRCHHEIM Angefangen hat alles im kleinsten "Familienkreis". Svenja lernte "Wowo" kennen und mit ihm zugleich auch die Probleme einer ganzen Clique Jugendlicher, die als Russlanddeutsche in Kirchheim einen neuen Wohnort bekommen haben, aber keinen Platz, an dem sie sich treffen können und an dem sie tatsächlich willkommen sind. In der kalten Jahreszeit fanden untereinander befreundete Kirchheimer Jugendliche aus dem fernen Russland dann im privaten Partykeller der Familie Gölz einen Unterschlupf, was ihnen zeigte, dass sie zumindest hier wirklich gerne gesehene Gäste sind.

Am Rande des Rambouillet-Platzes, der durch seine Namensgebung mehr als jede andere Stelle der Stadt dafür prädestiniert ist, an die Qualität einer Freundschaft zu erinnern, die durch die langjährige Partnerschaft zweier Städte längst einstige Kriegsgegner zu Freunden hat werden lassen, wurde inzwischen ein Pavillon errichtet. Grundsätzlich als harmonischer informeller Treffpunkt gedacht, sorgten vielfältige Probleme dafür, dass die einstige Konzeption immer wieder neu überdacht werden musste.

Mit hohem finanziellen Aufwand der Stadt und viel in den Bau für den Treff investierten Eigenleistungen durch engagierte Jugendliche, wurde der Pavillon Anfang Juni seiner Bestimmung und damit einer zunächst ungewissen Zukunft übergeben.

Der von Insidern auf "Rambo" verkürzte Rambouillet-Platz hatte schließlich immer wieder seinem missverständlichen Kurz-Namen alle Ehre gemacht, denn statt friedlicher Völkerverständigung symbolisierte er plötzlich für viele Menschen handfeste Gewalt, Anfeindungen und nachbarschaftliche Streitigkeiten. Das vorherrschende Gegen- statt eines Miteinander schien unüberbrückbar und auch die Polizei zeigte bei ihren Streifen immer wieder Präsenz.

Ihren Höhepunkt erreichten die Aggressionen, als angesichts der immer größer werdenden Probleme durch unterschiedlichste ungerufene Akteure der offene Treff endgültig verriegelt und ein neuer Weg gesucht werden musste. Mit einer außerplanmäßigen Finanzspritze gab der Gemeinderat dem über Jahre verfolgten und dann doch wieder höchst gefährdeten Projekt dann doch noch die Chance zu einem sich inzwischen ankündigenden Erfolg.

Mit fest vorgeschriebenen Öffnungszeiten operierend die das Pavillon-Team und die "Pavi"-Besucher liebend gerne ausdehnen würden soll hier in letzter Konsequenz ein generationsübergreifend und allen Nationalitäten zur Verfügung stehender Treffpunkt für unterschiedlichste Aktivitäten zur Verfügung stehen.

"Schlüsselgewalt" für den aufwändig errichteten aber von einer optimalen Ausstattung noch meilenweit entfernten Pavillon haben derzeit neben Angelika Gölz, die einst ihren Partykeller öffnete, Niko Steinhauer, Sergej Maisner, Waldemar Kolomiez und Marina Katnelson. Durch das ehrenamtliche Engagement der Erwachsenen und der gleichberechtigt mit ihr zusammenarbeitenden und mit entscheidenden Jugendlichen konnten schon viele wichtige Schritte gewagt und viele erste kleine Erfolge gefeiert werden.

Professionelle Unterstützung erhält die für zunehmende Akzeptanz auch unter den Anliegern sorgende Initiative etwa aus der engen Kooperation mit dem Kommunikationszentrum für interkulturelle Zusammenarbeit (KIZ), dem Verein Brückenhaus oder der Initiative Go-JEG der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde. Unterstützt wird das Projekt auch vom Migrationsdienst und nicht zuletzt auch vom Sozialen Dienst der Stadt.

Das Pavillon-Team organisierte schon einige Möbel für die noch sehr spartanische Erstausstattung, die möglichst bis zur offiziellen Einweihung des Treffs am 8. Oktober durch eine noch zu installierende Küche und eine selbst zu bauende Theke ergänzt werden soll.

Die jugendlichen "starken Helfer" verkaufen alkoholfreie Getränke, denken sich möglichst abwechslungsreiche Spiel- und Programmangebote aus, bereiten Grillfeste vor und kümmern sich darum, dass der Treffpunkt in einem ordentlichen Zustand ist. Allein dadurch dass sie da sind, konnten sie unaufgeregt und unauffällig aber Erfolg versprechend dafür sorgen, dass in einem einst von Konflikten gekennzeichneten Umfeld allmählich Normalität eingekehrt ist. Jugendliche unterschiedlichster Nationalitäten beginnen, die ihnen am Pavillon am Rambouilletplatz sich öffnende Chance zu nutzen, sich zu treffen, Freunden zu begegnen und hoffentlich endgültig überwundenen Feindschaften keinen Raum mehr zu geben.

Die einzige Erwachsene im Team, die von den sozialpädagogisch geschulten Fachkräften der verschiedenen mit dem Projekt kooperierenden Einrichtungen unterstützt wird, will sich dabei möglichst weit zurückziehen und den Weg dafür ebnen, dass die Jugendlichen gemeinsam und ohne allzu viel Einfluss von außen ihren Treff mit Leben erfüllen können. Sie hofft sehr, dass die vielen zusätzlich angedachten Nutzungsmöglichkeiten nicht zu Konkurrenz und Konflikten, sondern zu noch mehr Gemeinsamkeiten und "Wir-Gefühl" führen kann. Eine gute Idee haben die sich für ihren "Pavi" engagierenden jungen Leute dabei schon entwickelt: Sie haben vor, den dann hoffentlich weiter fortgeschrittenen Innenausbau dazu zu nutzen, um gemeinsam mit älteren Bewohnern aus der Nachbarschaft in ihrem neuen Zuhause Weihnachten zu feiern.