Lokales

Genie, Wahnsinn und Intrige

Landestheater Schwaben gastiert mit Dürrenmatts „Die Physiker“ in der Stadthalle

Kirchheim. Als Friedrich Dürrenmatt 1962 seine Tragikomödie in zwei Akten „Die Physiker“ herausbrachte, war deren einschlägige Thematik vor dem Hintergrund von

ernst kemmner

Mauerbau, wahnwitziger atomarer Aufrüstung, tobendem Kalten Krieg und starrer und unversöhnlicher Blockbildung der Supermächte brandaktuell. Auch heute, im Zeichen der politischen Entwicklung zum Beispiel im Iran, Pakistan oder Nordkorea und drohender atomarer Apokalypse durch größenwahnsinnig entrückte Staatenlenker, hat das Thema der grundlegenden Verantwortung des Naturwissenschaftlers gegenüber der Menschheit und deren und des Planeten Fortbestand immer noch starke Aktualität.

In Michael Seewalds sich in weiten Teilen wohltuend werktreu gestaltender Inszenierung kommt Dürrenmatts teils bizarr skurriles, ja groteskes Stück, in dem die aristotelische Einheit von Ort, Zeit und Handlung strikt gewahrt ist, in recht ansprechendem Gewand daher. Das Sanatorium „Les Cerisiers“ der leitenden Irrenärztin Dr. von Zahnd (Joséphine Weyers) erscheint als fast bürgerliches Interieur, mit gediegenen Fauteuils, drei schweren Eichentüren, einer Reihe von Wandleuchtern und einer Ahnengalerie der Vorfahren der Anstaltsleiterin an der Wand. Von Zahnd ist ihrem Selbstbild nach eine „hoffnungslos romantische Philanthropin“, widerlegt dies aber schnell durch eigene Aussagen: „Für wen sich meine Patienten halten, bestimme ich . . . Wenn hier einer versagt, dann die Medizin, nicht ich.“ Schwester Monikas Tod ist für sie nur ein verschmerzbarer Kollateralschaden: „Ihr Tod ist nicht einmal das Schlimmste – mein medizinischer Ruf ist dahin.“

In krassem Gegensatz zur gutbürgerlichen Fassade dann die Spannung schaffende Eingangsszene: Kriminalinspektor Voß (Dino Nolting) ermittelt vor Ort wegen des Mordes an der Krankenschwester Irene, für den offensichtlich der Anstaltsinsasse Ernesti, genannt „Einstein“ (Peter Höschler), verantwortlich ist. Juristische Konsequenzen ergeben sich daraus für den in Endlosschleife Beethovens Kreutzer-Sonate und Bachs Partiten fiedelnden und immer schlaftrunkenen „Einstein“ indessen nicht, ist er doch offensichtlich genauso verwirrt wie der irdischen Genüssen nicht abholde, in schwerem Morgenmantel und mit Louis XIV-Perücke umherstolzierende Beutler, alias „Newton“ (André Stuchlik), der ebenfalls bereits Krankenschwester Dorothea auf dem Gewissen hat.

Beim dritten, seit vierzehn Jahren internierten „Irren“, der sich später als der echte Einstein herausstellt, handelt es sich um den angeblichen Physiker Möbius (Klaus Teigel), dem in Visionen regelmäßig der biblische König Salomo erscheint. Als er von seiner früheren Frau Lina (Anke Fonferek), ihrem neuen Mann, Missionar Rose (Fridtjof Stolzenwald), und den Söhnen besucht wird, inszeniert Möbius einen Tobsuchtsanfall, schreit den makabren „Psalm Salomos, den Weltraumfahrern zu singen“ geradezu heraus und schlägt, von ihm wohl kalkuliert, seine Ex-Familie in panische Flucht. Als dann Schwester Monika (Katharina Puchner) ihre Liebe zu ihm gesteht und dabei erklärt, sie wisse längst, dass er geistig völlig gesund sei, erdrosselt er sie. Für ihn ist das insofern folgerichtig, als er nun in der Anstalt verbleiben und sein für die Außenwelt gefährliches Wissen nicht in verantwortungslose Politikerhände fallen kann.

Im zweiten Akt nimmt die Spielhandlung gewaltig Fahrt auf und die Ereignisse überschlagen sich in atemberaubender Personalrochade geradezu. Beutler, der angebliche Newton, outet sich als Alec Kilton, Begründer der Entsprechungslehre und Westspion, Ernesti ist nicht etwa Einstein, sondern gibt sich als Joseph Eisler, Erfinder des Eisler-Effekts und für den Osten arbeitender Spion, zu erkennen. Beide sind sie hinter den umwälzenden, wissenschaftlichen Erkenntnissen von Einstein alias Möbius her, müssen sich aber mit der bitteren Wahrheit abfinden, dass dieser seine ganzen Unterlagen vernichtet hat. Nach zähem Ringen kann Möbius sie davon überzeugen, mit ihm im Irrenhaus zu bleiben, damit die Menschheit nicht in den Strudel der Vernichtung gerissen werde: „Nur im Irrenhaus sind wir noch frei, nur hier dürfen wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.“

Die drei Wissenschaftler haben ihre Rechnung jedoch ohne die Wirtin gemacht: In einem wahrhaften Theatercoup stellt sich die Leiterin von Zahnd als regelrecht durchgeknallte Teufelin heraus, die das entlarvende Gespräch der drei Physiker abgehört, Einsteins Unterlagen kopiert, einen weltumspannenden Trust gebildet hat und mithin im Begriff ist, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Dies wird in der Inszenierung durch eine beeindruckende Schlusseinstellung unterstrichen: von Zahnd in Feldherrinnenpose vor überlebensgroßem, eigenem Bildnis, dessen schiere Größe die Porträts ihrer Ahnen mickrig erscheinen lässt, umstrahlt von kaltem Neonlicht, während die drei Physiker als Opfer auf der Walstatt zurückbleiben.

Die Zuschauer fühlten sich von Seewalds Inszenierung von Dürrenmatts Kriminalgroteske mit weltanschaulichem Tiefgang insgesamt gut unterhalten und sparten am Schluss nicht mit anerkennendem Beifall. Aus dem Quartett der recht souverän agierenden Protagonisten ragte Teigel als Einstein/Möbius durch seine teils verhalten zurückgenommene, teils impulsiv urwüchsige Spielweise besonders heraus: grandios zum Beispiel sein veitstanzähnlicher Ausraster im Beisein seiner Ex-Familie und Schwester Monika.

Dagegen hätte Joséphine Weyers der Rolle der Irrenärztin durchaus etwas mehr eiskalt berechnende Dämonie und Schärfe verleihen können. Dass Michael Seewald in seiner Inszenierung, wohl im Hinblick auf die moderne elektronische Fußfessel, auf die von Friedrich Dürrenmatt zur Disziplinierung der drei „mörderischen“ Physiker vorgesehene brachiale Gewalt männlicher Pfleger verzichtete, mag dem Spardiktat, dem alle Landesbühnen unterliegen, geschuldet sein. Verglichen mit den Blutorgien und pornografischen Ausrutschern des modernen Regietheaters war auch Schwester Monikas bis an die Knöchel heruntergelassener Slip zum Ausdruck bedingungsloser Paarungsbereitschaft eher ein diskutabler Klacks, das in Newtons Fernrohr eingebaute Cognac-Depot dagegen ein echter „Schenkelklatscher“.

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