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"Genügend Gründe, die Mauer des Gehorsams zu durchbrechen"

Militär, Gewalt, Manipulation gehören seit dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 zum israelischen Alltagsbild. Darüber hat Ruti Kantor in ihrem Vortrag im katholischen Gemeindehaus Sankt Ulrich berichtet. Als Mitglied der Organisation "New Profile" hat sie von der täglichen Militärpräsenz des israelischen Staates und ihrer Arbeit mit Kriegsdienstverweigerern erzählt.

KATHRIN WALDOW

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KIRCHHEIM Der israelische Unabhängigkeitskrieg von 1948 schuf nach Meinung von Ruti Kantor einen Teufelskreis. Einen militärischen Teufelskreis, aus dem der Staat Israel keinen Ausweg findet, oder schlichtweg keinen Ausweg finden will, meint sie. An diesem Abend sprach die Referentin aus dem Heiligen Land unter dem Motto: "Israel: Stimmen für Frieden und Verständigung Kriegsdienstverweigerer und Antikriegsarbeit". Ruti Kantor ist eine von drei Vertretern von "New Profile", die derzeit bundesweit unterwegs sind, um die Organisation publik zu machen. Für die Aktivisten bildet die konstante Bedrohung des Staates Israel den Ausgangspunkt für die Militarisierung des Landes.

So bemängelt Ruti Kantor, dass die Staatsmacht Konflikte stets nur auf militärischer Ebene lösen will. Diese Haltung mache sich im Alltag der Israelis seit altersher durch militärische Unterwanderung und subtile Manipulation der Bevölkerung bemerkbar. Dazu erzählt die Friedensaktivistin, neben dem in Israel weit verbreiteten und beliebten Militärradio, seien Straßennamen, die nach Kriegen, Offizieren oder Truppen benannt wurden, Gang und Gäbe. Uniformierte Väter, die ihre Kinder zur Schule bringen, gehören ebenso zum Straßenbild wie ein Militärjet, der als Kriegsdenkmal mitten in einem Wohngebiet platziert wurde. "Das Militär ist stets präsent," so Ruti Kantor.

Die studierte Grafikdesignerin und Fachfrau in Sachen Werbung ist seit sechs Jahren für die israelische Friedensorganisation "New Profile" aktiv. Sie beschäftigt sich mit militärischen Inhalten in den israelischen Medien und Schulen. So hat Kantor an diesem Abend ausreichend Anschauungsmaterial nach Kirchheim mitgebracht, um den interessierten Zuhörern zu illustrieren, was sie mit dem Begriff der militärischen "Unterwanderung" und der subtilen Manipulation meint. Die Meinungsbildner hätten längst erkannt, dass militärische Inhalte in der Werbung äußerst effektiv sind und bei der Bevölkerung gut ankommen. Was dagegen nicht mehr gut ankommt, ist die allgemeine Wehrpflicht, weiß Kantor. Nach israelischem Gesetz sind Männer nach der Schule zu drei, Frauen zu zwei Jahren Militärdienst verpflichtet. Ausnahmen gäbe es keine.

Zwar müssten nicht alle Eingezogenen den "Militärdienst an der Waffe" absolvieren, es gäbe auch eine Art zivilen Dienst, wie ihn die "New Profile"-Aktivistin zu ihrer Zeit ausführte, doch das sei schließlich auch eine Art Unterstützung für den Militärstaat.

Wer den Kriegsdienst als gesunder Staatsbürger in Israel verweigert, verstößt gegen das Gesetz. Seither wurden laut "New Profile" insgesamt 300 Kriegsdienstverweigerer inhaftiert. Zurzeit säßen zwei Israelis aus diesem Grund im Gefängnis. Dass sich junge Männer und Frauen im Land des "Friedensfürsten" weigern, den Kriegsdienst zu absolvieren, sei immer noch eine Seltenheit, obwohl es genügend Gründe gäbe, "die Mauer des Gehorsams zu durchbrechen", wie ein Kriegsdienstverweigerer in dem zu Beginn der Veranstaltung gezeigten Film berichtet. Andere Kriegsdienstverweigerer erzählen darin, warum sie den Militärdienst nicht absolvieren wollen: Zum einen spielt Pazifismus eine große Rolle, andererseits sind unter den Befragten auch einige "Drusen", arabisch-israelische Bürger, die im Falle eines Einsatzes im Libanon gegen ihre "eigenen Landsleute" kämpfen müssten. Ein junges Mädchen dagegen verweigert den Kriegsdienst, weil sie in der feindseligen Atmosphäre des Militärs sexuelle Übergriffe fürchtet und die militärischen Hierarchien als frauenfeindlich ansieht.

Diese jungen Menschen sowie auch die feministische Organisation "New Profile" werden von der Mehrheit der israelischen Gesellschaft verurteilt. Dies liegt nach Auffassung von Ruti Kantor an der tiefen Verankerung des Militarismus im Bewusstsein der israelischen Bevölkerung.

Daher sieht es "New Profile" als ihre besondere Aufgabe an, den jungen Leuten, die keine Waffe in die Hand nehmen wollen, Hilfe anzubieten. So gewährt die Organisation inhaftierten Kriegsdienstverweigerern Rechtsbeistand, finanzielle Hilfe und psychologische Unterstützung. Außerdem veranstaltet sie alljährlich ein "Summer Camp", in dem Jugendlichen die Militärproblematik erläutert und mit möglichen Verweigerern über Entscheidungshilfen und Unterstützungsangebote gesprochen wird.

Anschließend an ihren Vortrag beantwortete Ruti Kantor Fragen aus dem Publikum. Darunter auch die Frage, inwiefern "New Profile" politisch aktiv sei. Hierzu erzählte sie, dass die Organisation politische Ziele, wie die Legalisierung der Kriegsdienstverweigerung anstrebe. Außerdem trete sie für die zwei Staaten-Lösung und die Demilitarisierung Israels ein. Jedoch sei der Organisationsgrad aller Friedensbewegungen in Israel nicht für die politische Dimension geeignet, so auch nicht "New Profile". Die Aktivitäten richteten sich daher vorwiegend an die israelische Gesellschaft. Hauptziele der Organisation seien, kritisches Gedankengut gegen die Militarisierung in der Bevölkerung zu verbreiten sowie die Kriegsdienstverweigerer zu unterstützen. Zu diesem Zweck arbeitet "New Profile" auch mit palästinensischen Frauenbewegungen zusammen.

Die Veranstaltung am Abend sowie auch ihr Besuch im Kirchheimer Schlossgymnasium waren für die Israelin mit deutschen Vorfahren äußerst emotionale Angelegenheiten, wie sie abschließend erzählte. In ihrem Heimatland werde sie zum Teil übel beschimpft und als Verräterin angesehen, daher freue sie sich besonders über das ihr entgegengebrachte Interesse, was für sie, ihre Arbeit und "New Profile" nicht selbstverständlich sei. Die Organisation zählt derzeit etwa 100 aktive Mitglieder.

Die Veranstaltung fand im Rahmen einer Vortragsreihe des Offenbacher Vereins "Connection" statt. Die örtlichen Veranstalter waren Amnesty International, Arbeitskreis Asyl, Ortsverband Bündnis 90/Die Grünen, Deutsche Friedensgesellschaft- Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK) Neckar-Fils, Friedensinitiative Kirchheim (FINK), GEW Kreisverband Esslingen-Nürtingen und Pax Christi.