Lokales

Gericht verurteilt 21-Jährigen zu sechs Jahren Jugendstrafe

Wegen "Körperverletzung mit Todesfolge" wurde ein 21-Jähriger, der im November vergangenen Jahres in Kirchheim seine 18-jährige Schwester mit einem Billardstock erschlagen hatte, zu sechs Jahren Jugendstrafe verurteilt.

BERND S. WINCKLER

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KIRCHHEIM Den Tatbestand eines vollendeten Totschlags konnten die Richter der Stuttgarter Strafkammer nicht nachweisen. Es fehle vor allem der Nachweis, dass der Angeklagte mit bewusster Tötungsabsicht oder zumindest mit Tötungsbilligung auf die Schwester eingeschlagen habe.

Die Richter stellten aber fest, dass das Mädchen schon lange vor diesem 17. November letzten Jahres vom Vater und möglicherweise anderen Familienangehörigen immer wieder "brutal und rücksichtslos" (Gericht) geschlagen worden war. Sie hatte eine Art Martyrium erdulden müssen, durfte mit keinen anderen Schülerinnen sprechen und stand unter strengster Kontrolle durch den Bruder, der die Rolle des Familienoberhauptes übernahm. Oft kam sie mit blauen Flecken am ganzen Körper in die Schule. Freundinnen kümmerten sich rührend um sie, doch lehnte sie jegliche Hilfe ab, um zu Hause nicht deshalb erneut misshandelt zu werden. Eigens dafür hatte nämlich die Familie dickes Kabel zu einem Schlagwerkzeug geflochten.

An jenem 17. November hatte es Streit mit dem Bruder gegeben, weil sie das mit ihm geteilte Zimmer nicht aufgeräumt hatte. Es setzte eine Ohrfeige und Schläge. Dann nahm der Angeklagte den hölzernen Billardstock und schlug mindestens 35 bis 40 Mal auf das wehrlose Mädchen ein. Er traf sämtliche Körperteile. Er seien "keine normalen Schläge" gewesen, sagte der Richter gestern in der Urteilsbegründung, sondern "mit voller Kraft ausgeführte Hiebe", bis der Billardstock zerbrach. Die bereits tödlich Verletzte konnte sich noch in ihr Zimmer begeben, brach dort aber zusammen. Der Notarzt konnte die 18-Jährige nicht mehr retten.

Das Gericht stellte fest, dass der Bruder noch mindestens sieben bis acht Mal auf sie einschlug, als sie bereits am Boden lag und zu keiner Abwehr mehr fähig war. Trotzdem konnten die Juristen eine Tötungsbilligung nicht nachweisen und stellten eine "Körperverletzung mit Todesfolge" fest. Noch im Laufe des Prozesses hatte die Strafkammer den Tatbestand von Totschlag auf Körperverletzung mit Todesfolge abgeändert. Und Oberstaatsanwalt Blessing forderte dafür sechs Jahre Jugendstrafe. Obwohl der Angeklagte zur Tatzeit knapp unter 21 Jahre alt war, sollte noch Jugendstrafrecht angewendet werden, hatte ein Sachverständiger empfohlen. Wäre Erwachsenenstrafrecht anzuwenden, dann ginge der Strafrahmen bis zu 15 Jahre. Bei Jugendstrafrecht endet dieser Rahmen mit zehn Jahren. Der Verteidiger allerdings plädierte auf zwei Jahre mit Bewährung. Dem konnte die Strafkammer nicht entsprechen und verurteilte den 21-Jährigen zu der beantragten Jugendstrafe von sechs Jahren. Bei guter Führung kann er bereits nach drei Jahren wieder in Freiheit kommen.