Lokales

Geschichte im Treppenhaus

Neue Dauerausstellung befasst sich mit der Medizin und der Industrie in Kirchheim

Mit dem Begriff „Ärztezentrum“ verbinden die meisten Menschen wohl erst einmal Krankheiten. Beim Kirchheimer Ärztezentrum an der Ecke Stuttgarter Straße/ Steingaustraße gibt es jetzt allerdings einen guten Grund, ohne Terminabsprache einfach so vorbeizugehen und das Treppenhaus anzuschauen: Dort ist eine Dauerausstellung zur Geschichte der Medizin in Kirchheim und zum Standort am ehemaligen Kolb & Schüle-Areal zu sehen.

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Andreas Volz

Kirchheim. Für den Geschäftsführer Dr. Friedrich Fink hat die Dauerausstellung im Treppenhaus einen praktischen Nutzen – die Überbrückung von Wartezeiten – sowie einen ästhetischen Zweck: das „kahle weiße Treppenhaus“ farblich zu gestalten. Außerdem freut es ihn, dass inhaltlich die Verknüpfung des Standorts mit der Medizingeschichte Kirchheims gelungen sei.

Für die Inhalte waren vier Autoren der Kirchheimer Stadtgeschichte zuständig: Rolf Götz, Rainer Kilian, Rosemarie Reichelt und Sabine Widmer-Butz. Die Idee bestand darin, die umfangreiche Vorarbeit nutzen zu können, die die Autoren bereits für die Stadtgeschichte geleistet hatten. Das ließ sich aber nur zum Teil so verwirklichen, wie Rosemarie Reichelt im Nachhinein berichtet: „Ich hätte gedacht, dass es schneller geht.“ Insgesamt seien es immerhin „vier Monate intensives Arbeiten an Inhalten gewesen“, wie Sabine Widmer-Butz betont. Sie erzählt auch von einem ganz neuen Problem, das sie bei der Arbeit an der Stadtgeschichte nicht in dem Maße hatte: „Es ist gar nicht so einfach, kurze Texte zu schreiben.“

Grafikdesignerin Cornelia Frank aus Nabern, die für das Layout der Tafeln verantwortlich war, lobt die Kürze der Texte ausdrücklich: „Lange Texte sind der Tod jeder Ausstellung.“ Ihre Idee war es auch, die Ausstellung in zwei unterschiedliche grafische Teile zu trennen: Die eigentlichen Ausstellungstafeln sind jeweils an den Treppenabsätzen zu sehen. Dort gibt es zum einen genügend Platz, und zum anderen ist der Boden waagrecht. „In die Schräge wollte ich keine Rahmen hängen“, erklärt Cornelia Frank. Dass die Wände aber nicht weiß bleiben mussten, dafür sorgen Zitate zu den jeweiligen Themen.

Meist haben diese Zitate einen lokalen Bezug, etwa zur Geschichte des einstigen Industrieareals. So heißt es in einem Text von 1820 über Kirchheim: „. . . in hiesiger Stadt [ist] wegen des vielen Feldbaus kein Gedeihen von Fabriken zu erwarten.“ Ein medizinisches Zitat aus einem lateinischen Text des 13. Jahrhunderts scheint besonders gut ins Schwäbische zu passen: „Der Most fördert den Harn, schnell löst er und bläht.“ Ein wichtiger Kirchheimer Text ist das Eidbuch der Stadt, das von 1554 bis 1806 in Gebrauch war. Über die Hebamme steht in diesem Buch, sie solle „von rechtem Glauben, verschwiegen, nicht sehr abscheulich und ohngestalt, sondern freundlichen Gesichts und geschickt“ sein.

Die Geburtshilfe ist nur ein Bestandteil der Medizingeschichte. Es geht außerdem um die Geschichte der Kirchheimer Ärzte, der Apotheken und sogar der Badstuben. Wie zeitlos aktuell gerade diese Badstuben waren, zeigt der Untertitel „Wellness-Studios im Mittelalter“.

Im 19. Jahrhundert beginnt die Geschichte des Krankenhauses und der Krankenversicherungen. An dieser Stelle kommt es gar zu einer Verbindung der Medizingeschichte und der Historie des Standorts, hatte die Firma Kolb & Schüle doch eine eigene ­Fabrikkrankenkasse. Was die Industrie beflügelte, das war die Eisenbahn, die 1864 unter Mitwirkung führender Kirchheimer Fabrikanten – allen voran Rudolf Schüle – als Privatbahn Kirchheim mit Unterboihingen verband. Der Bahnhof stand bis 1975 auf dem Gelände des heutigen Teck­centers. Eine Verbindung von Indus­trie- und Medizingeschichte wiede­rum ergab sich im Ersten Weltkrieg, als Fabrikant Otto Ficker einen Fabriksaal als Lazarett zur Verfügung stellte.

Die Ausstellung, die mit Jahreszahlen von 960 bis 2008 aufwartet, ist unter anderem am Samstag, 20. Dezember, beim Tag der offenen Tür von 14 bis 18 Uhr im Ärztezentrum zu sehen.