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Geschichte in Kindersprache übersetztInfo

KJR-Jugendaustausch: Polnische Archäologen wollen deutsche Museumspädagogik kennenlernen

Der Kreisjugendring (KJR) Esslingen will den 1967 begonnenen Jugendaustausch mit Polen erweitern. Seit 2008 kooperiert das Kirchheimer Mehrgenerationenhaus Linde mit dem Archäologischen Museum Pruszków. Eine Delegation von dort informiert sich zurzeit über Kinder- und Jugendarbeit sowie Museumspädagogik im Landkreis Esslingen.

Am Linde-Baum der Begegnung (v.l.n.r.): Dorota Slowinska, Kurt Spätling, Marzena Kazimierczak und Matthias Altwasser.Foto: Jean-
Am Linde-Baum der Begegnung (v.l.n.r.): Dorota Slowinska, Kurt Spätling, Marzena Kazimierczak und Matthias Altwasser.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Das Spielverhalten von Kindern ist universal“, weiß der Leiter des Kircheimer Mehrgenerationenhauses Linde, Matthias Altwasser, seit er vor fünf Jahren am Kin­derferienprogramm des Archäologischen Museums Pruszków teilnahm. Damals hatte der Kreisjugendring Esslingen den seit 1967 bestehenden Jugendaustausch auf neue Beine gestellt. Wie es der Zufall wollte, war Dorota Slowinska, die vor acht Jahren ein sechsmonatiges Praktikum im Jugendhaus „Penthouse“ in Neuhausen absolviert hatte, in ­Pruszków zur Leiterin des Archäologischen Museums aufgestiegen. KJR-Geschäftsführer Kurt Spätling stellte für Matthias Altwasser die Verbindung zu Dorota Slowinska her. Einer Kooperation zwischen dem Kirchheimer Mehrgenerationenhaus und dem Archäologischen Museum in der polnischen Partnerstadt des Landkreises Esslingen stand nichts mehr im Wege.

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Rasch stellten die ungleichen Einrichtungen einen gemeinsamen Nenner fest – das Thema „Kinder“. So wurde 2008 die Idee geboren, ein Kinderferienprogramm in Pruszków zu veranstalten. Zuvor hatten fünf Mitarbeiter des Archäologischen Museums die „Kinderspielstadt“ in der Linde kennengelernt. Anschließend reisten fünf Sozialpädagogen des Kirchheimer Mehrgenerationenhauses nach Polen, um dort beim ersten Kifepro für rund 50 polnische Kinder mitzumachen. Es wurde für beide Seiten ein voller Erfolg. Erstaunt stellte das Linde-Team fest, wie einfach Kinder trotz der Sprachbarrieren kommunizieren können. Schnell lernten die Buben und Mädchen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren jonglieren, Körbe flechten und mittelalterliche Spiele. „Überrascht waren wir auch, mit welcher Authentizität die polnischen Museumsarchäologen zu Werke gehen“, sagt Matthias Altwasser. Andererseits brachten die Linde-Mitarbeiter in Pruszków ihr Wissen ein, Kinder spielerisch für ein Thema zu begeistern, denn in Polen gibt es den Begriff der Freizeitpädagogik nicht. „Wir haben hierin Pionierarbeit geleistet“, sagt Dorota Slowinska. „Seit 2008 sind die Kifepros innerhalb weniger Stunden bei uns ausgebucht“, berichtet die Museumsleiterin.

In dieser Woche nun lernt eine sechsköpfige Delegation von Archäologen und Pädagogen des Museums in Pruszków Museen und Jugendeinrichtungen in Baden-Württemberg kennen und tauscht sich dabei mit ihren deutschen Kollegen über Fragen der Museumspädagogik aus. So stehen neben dem Freilichtmuseum der Besuch des Löwentor-Museums in Stuttgart, das Haus des Waldes in Degerloch, das Limesmuseum in Aalen, das Römermuseum in Köngen sowie die Kinderaktivwerkstatt in der Kinder- und Jugendförderung Ostfildern auf dem Programm. „Für uns ist es interessant, zu sehen, wie Geschichte in Kindersprache übersetzt werden kann“, sagt Dorota Slowinska. Je besser dies gelingt, umso mehr profitiert das Museum davon, denn Kinder sind Multiplikatoren, wie sie nach dem Kifepro in Pruszków erfreut an den Besucherzahlen feststellen durfte.

Knüpfte der Kreisjugendring Esslingen 1967 die ersten Kontakte zu Polen unter dem Versöhnungsgedanken, so geht es heute in der Regel darum, Vorurteile abzubauen. „Mit dem Sühnegedanken können die deutschen Jugendlichen nichts mehr anfangen“, weiß Kurt Spätling. Doch seien über keinen deutschen Nachbarn die Vorurteile so groß und das Wissen so gering wie über Polen. „Das ist uns Verpflichtung, die internationale Begegnung zu intensivieren“, sagt der scheidende KJR-Geschäftsführer. Dabei ist er sich der Mitarbeit der Kinder- und Jugendförderung Ostfildern sicher, deren Leiter Ralph Rieck ist, Kurt Spätlings Nachfolger als Geschäftsführer. In Ostfildern arbeitet auch Marzena Kazimierczak, die fließend deutsch spricht und die Begegnungen unterstützen wird. So ist an einen Theatergruppen- und Rockband-Austausch mit Pruszków gedacht.

Bis zum Ende des Kalten Kriegs und dem Fall der Mauer unterhielt der KJR mit dem kommunistischen Studentenverband der Technischen Universität Warschau einen Jugendaustausch. Danach trat die Stadt Pruszków 1990 als Partnerin an die Stelle des Studentenverbands.