Lokales

Geschichten rund ums stille Örtchen

LENA KAZMAIER

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BEUREN Heute wird der Film, der offen und mit Witz die Entwicklung der Hygiene von 1955 bis heute erzählt, von 19.15 bis 19.45 Uhr im Südwestfernsehen gezeigt. Felicitas Wehnert, Redaktionsleiterin Landesfeature des SWR, empfindet Freilichtmuseen als "reine Schatzkästchen, weil sie Einblicke in das frühere Leben bieten und sich so der Wandel von früher bis heute demonstrieren lässt".

Der Film der Reihe "Landesschau unterwegs" erinnert die Zuschauer gleich zu Beginn daran, dass jeder Mensch mehr als ein Jahr seines Lebens auf der Toilette verbringt. Und diese Zeit ist in den letzten Jahrzehnten immer angenehmer geworden, wenn man bedenkt, dass es vor einigen Jahrzehnten noch keine Klospülung gab. Das Plumpsklo befand sich oft sogar neben der Küche. Das Abwasser versickerte neben dem Haus. Die Geruchsentwicklung war unvorstellbar. Besser ging es damals den Adligen, wie eine ehemalige Haushälterin des Schlosses Fachsenfeld berichtet. Die Qualität des Wassers war trotzdem fraglich. Das Baden in Seen und Flüssen war beliebt. So erzählt ein Förster von der Körperpflege in der Donau.

"Entscheidend waren im Film jedoch Lieselotte und Kurt Deile, die so nett über ihre Vergangenheit plauderten. Sie führen wie ein roter Faden durch den Film", erklärte der Autor Dr. Lothar Zimmermann. Die Familie Deile besucht in der Dokumentation ihre ehemalige Dienstwohnung im Rathaus Walddorfhäslach wieder, das sich jetzt im Freilichtmuseum Beuren befindet. Sie lebten dort von 1955 bis 1964. Als die Deiles ein Waschbecken haben wollten, mussten sie sich das erst vom Gemeinderat erkämpfen. Das originale Waschbecken der Familie und ein Plumpsklo aus Holz können Besucher heute in den Beurener Herbstwiesen anschauen.

Ein weiteres wiederkehrendes Element sind Werbefilme aus vergangegen Zeiten, die aus dem größten privaten Werbefilm-Archiv Deutschlands von Inge und Heinz Buschko stammen. Darin wurden neue Errungenschaften wie das Klopapier in der Hakle-Werbung angepriesen und der Weiße Riese warb für saubere, reine Wäsche. Bevor es Klopapier gab, schnitten die Menschen Zeitungen in Stücke. Die Kleidung wurde aufwendig auf dem Waschbrett gewaschen und zum Stärken verwendete man Kartoffeln. Das Waschen mit der Drehflügelwaschmaschine war damals schon eine große Errungenschaft, wie im Film im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck nachgespielt wurde. Axel Graf Douglas vom Schloss Langenstein stellt im Film seine aufschlussreiche Nachttopfsammlung vor.

Im Anschluss an die Vorabpremiere beantwortete Autor Dr. Lothar Zimmermann im Dialog mit Dieter Pahlke, der den Film redaktionell betreut hat, einige wichtige Fragen. Viele interessierte, wie man denn auf die Idee kommt, einen Film rund ums stille Örtchen zu machen. "Ich verbringe auch nicht mehr Zeit auf der Toilette als andere. Aber es ist ein Thema, das alle betrifft. Als ich Freunde und Bekannte darauf ansprach, konnte jeder eine Anekdote dazu erzählen. Außerdem wissen wir gar nicht, wie gut es uns heute in dieser Hinsicht geht", sagte Zimmermann. Ganz besonders freut es ihn, die Reaktionen der Menschen während des Film zu sehen. Die Lacher des Publikums beweisen, dass sich die ganze Mühe gelohnt hat. Drei Monate Recherche, zehn Dreh- und zehn Schnitttage stecken hinter so einer Produktion. "Ein Drehtag wird im Film oft auf eine halbe Minute zusammengekürzt", erzählte Zimmermann und erinnerte sich an eine besonders langwierige Szene, in der die Kamera aus einem Klo heraus filmt. Die Dokumentation macht auch deutlich, wie sich

das Verständnis von Sauberkeit grundlegend geändert hat, seitdem Keime mit Abstrich und Agarplatten nachzuweisen sind. "Keime sind bei normaler Reinigung kein Problem, sie können jedoch vom Stuhl ins Essen gelangen, wenn man sich nicht nach dem Gang zur Toilette die Hände mit Seife wäscht. Und nur etwa 50 Prozent der Menschen tun dies", berichtete Zimmermann über die wenig ästhetische Vorstellung, vor allem wenn man ans Händeschütteln denkt. Auch die Zuschauer konnten eigene Fragen stellen oder von Erinnerungen erzählen, wie zum Beispiel der, dass das Badewasser früher oft mehrmals verwendet wurde. Erst für den Vater, dann für die Mutter und schließlich auch noch für die Kinder. "In Bädern und Toiletten stecken unendlich viele Geschichten und es ist schade, wenn sie verschüttet werden", weiß der Autor.

Zum Abschluss erzählte er von einer neuen High-Tech-Toilette, die auch im Film zu sehen war. Klopapier wird hier überflüssig, ein Wasserstrahl, der aus der Kloschüssel kommt, sorgt für die Reinigung, und ein Föhn sogar für die Trocknung. "Mein Kamera- und Tonmann haben es ausprobiert. Ich hab mich dann aber doch nicht getraut", gestand Zimmermann mit einem Schmunzeln.