Lokales

Geschoben oder lieber geschüttelt?

Konsumorientiertes Flanieren in der Innenstadt und rasante Runden im Karussell auf dem Ziegelwasen

Kirchheim. Offene Ladentüren und vorwiegend gut gelaunte Menschen in der zum großen Biergarten und Straßencafé erklärten Fußgängerzone, hemdsärmlige Schausteller und sonnenbebrillte Karussellkunden auf dem Vergnügungspark am Ziegelwasen: Kirchheim zeigte sich beim gestrigen verkaufsoffenen Sonntag zweifellos von seiner allerbesten Seite.

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Besucher von auswärts mussten neidlos anerkennen, dass Kirchheim alles kann außer schlechtes Wetter. Litten die Schausteller bei den Aufbauarbeiten noch heftig unter sibirischen Temperaturen im zweistelligen Minusbereich, kletterte das Thermometer punktgenau zum meteorologischen Frühjahrsbeginn genauso unaufhaltsam in die andere Richtung und setzte eine in diesem Jahr noch nicht gefühlte Rekordmarke.

Cabrios und Motorräder schossen wie Pilze aus den Garagen und nicht nur in der Fußgängerzone, auch auf den schmalen „Einfallstraßen“ für Radfahrer und Fußgänger wurde es teilweise eng. Viele nutzten schließlich den überraschend intensiven Frühlingsbeginn, um zu Fuß, per Rad oder mit Inlineskates in die Märzenmarkt-Metropole zu kommen.

Schon vor den Toren der Stadt ging es daher teilweise etwas zähflüssig zu. Im Zentrum war von der berüchtigten „Einsamkeit der Städte“ absolut nichts zu spüren und von einer krisengeschürten Konsumfeindlichkeit konnte erst recht keine Rede sein. Manche Menschen zogen es wohl vor, lieber den über die Stadt hereingebrochenen Frühlingsgefühlen im Freien freien Lauf zu lassen, statt sich mit Kleiderbergen bepackt durch Umkleidekabinen zu kämpfen. Alle waren aber gern zum Bad in der Menge in die freundliche Einkaufsstadt gekommen, um für kommende Konsumorgien auf dem Laufenden zu sein und nach unverbindlichen Recherchen zu wissen, wo genau sich der Kaufrausch optimal stillen lässt.

In Massen belebten sie jedenfalls gestern die mit Bistrotischen und Bierbänken bewusst verbauten pulsierenden Einkaufsadern. Wo immer Verpflegungsstände vorbereitet waren, bildeten sich üppige Menschentrauben und alles, was sich geraume Zeit nicht mehr bewegt hatte, wurde sofort als willkommene Sitzgelegenheit fürs spontane Sonnenbad genutzt.

Wer dem Zentrum der verschwenderisch scheinenden Sonnenstrahlen noch näher sein wollte, konnte sich am Ziegelwasen ins Riesenrad setzen und 40 Meter über dem Boden von 10 000 Lampen umgeben die unverbaute Aussicht genießen und Höhenluft atmen.

Direkt nebenan oder auch direkt darunter ging es weniger geruhsam zu. Ein Blick auf die von Sonne und Himmel in den Farben der Stadt blaugelb eingefärbte Umgebung, war im Rundfahrgeschäft „Shake“ schlechterdings nicht möglich. Die Gelegenheit, sich rasend schnell im Kreis und um sich selbst zu drehen sowie gleichzeitig immer wieder Kopf zu stehen, wurde von vielen genutzt, um sich dann bleich aber glücklich der nächsten karusselltechnischen Herausforderung zu stellen.

Sehr gefragt waren auch die unaufgeregt sich auf nur einer Ebene abspielenden Kreisverkehr-Runden bei den jüngsten Kunden. Während ihre Väter und Mütter hier entspannt in der Sonne warteten, mussten Erziehungsberechtigte mit etwas älteren Kindern sich mit oft anzuzweifelnder Begeisterung mit ihren minderjährigen Kids solidarisch erklären und ihnen beim Herzenswunsch „Tropical Trip“ den erforderlichen Halt geben.

Ein Hauch von Großstadt verbreitete „Crazy Town“. Das „Laufgeschäft auf zwei Stockwerken“ war offensichtlich leichter zu betreten als wieder zu verlassen.

Geschick und Fingerspitzengefühl war beim Entchenangeln für die jüngsten Besucher angesagt, während Jugendliche und Erwachsene im Autoscooter völlig ungeniert gegen die Fahrtrichtung unterwegs waren und keinen Zusammenstoß ausließen. Höchst diszipliniert ging es im Vergleich dazu bei den „Mini Disco Cars“ zu, bei denen viele ihre frühkindlichen Karussellrunden-Erfahrungen konsequent mit anderen Mitteln fortsetzten. Sie schafften es tatsächlich, „unfallfrei“ über die Runden zu kommen – im Kreis und vor allem immer am Rand lang . . .

Fotos: Natalie Becker/Deniz Calagan

Text: Wolf-Dieter Truppat