Lokales

Gespräche können Balsam für die Seele sein

Telefon-, Internet- oder Trauerseelsorge ist den meisten ein Begriff. Doch dass sich die evangelische Kirche seit 1994 auch eines gesellschaftlichen Tabuthemas annimmt, nämlich Aids, das wissen selbst viele Betroffene nicht. Ein Großteil findet den Weg ins Pfarramt über Ärzte oder die Aidshilfe.

DANIELA HAUSSMANN

Anzeige

KIRCHHEIM Seit rund eineinhalb Jahren wendet sich der Lindorfer Pastor Wolf Peter Bonnet Menschen zu, die durch ihre Erkrankung zu einer Randgruppe in der Gesellschaft geworden sind. Durch ihre Akademie in Bad Boll hat sich die evangelische Kirche gegenüber neuen Themen, die Einzelne betreffen und die Gesellschaft bewegen, weit geöffnet, begründet der Kirchenmann den Schritt zur Hilfe bei HIV und Aids. "Die Evangelische Landeskirche will im Bereich der Seelsorge, in Zeiten, in denen alle vom Sparen reden, die finanziellen Mittel nicht kürzen", sagt Wolf Peter Bonnet. "Vielmehr gilt es auch hier Impulse aufzufangen und zu integrieren, wie es bei Fragen die Immunschwächekrankheit betreffend geschehen ist. Wir nehmen unsere gesellschaftlichen Aufgaben wahr und die Menschen ernst."

Lange Zeit sei nichts mehr über Aids zu hören gewesen. Doch hält er es für einen fatalen Fehler, die Infektionskrankheit zu unterschätzen. Vor allem in der Zuwanderung aus osteuropäischen Staaten, in denen die Aidsaufklärung weniger nachhaltig vorangetrieben werde, sieht er einen wesentlichen Grund, sich über die Immunschwächekrankheit hierzulande mehr Gedanken zu machen.

Vieles von dem, was der 51-Jährige täglich im Kirchheimer Klinikum erlebt, findet er bei der Begleitung von HIV- und Aids-Infizierten wieder. "Der einzige Unterschied besteht darin, dass diese Krankheit in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema darstellt", erklärt der Gemeindepfarrer mit ruhiger Stimme. Häufig würden sich die Betroffenen selbst von der Außenwelt zurückziehen und nicht mehr aktiv am Leben teilnehmen. Infizierte könnten sich niemandem anvertrauen. Selbst im familiären Umfeld sei es ein immenser innerer Kraftakt, die Krankheit zu benennen. Gerade deshalb sähen sich diese Menschen mit einem Stigma belegt, dem sie ohnmächtig gegenüberstehen.

Gespräche mit dem Pfarrer sind mitunter Balsam für die Seele. "In meiner Arbeit beschönige ich nichts. Es geht darum, authentisch zu sein", gewährt der Seelsorger Einblick in die Tätigkeit. "Worüber gesprochen wird, das entscheidet jeder, der zu mir kommt, selbst. Genauso entscheidet er darüber, wie lange und wie oft ich ihn auf seinem Weg begleiten darf." Bonnet klärt darüber hinaus grundsätzliche Fragen, wie jene, ob sich der Betroffene bereits in Behandlung befindet, ob er Medikamente bekommt, bei der Aidshilfe oder einer Selbsthilfegruppe angeschlossen ist. Hier übernimmt er eine wichtige Vermittlerfunktion. Zentral ist für Wolf Peter Bonnet, dass sich die Hilfesuchenden angenommen fühlen. Einfach ist das nicht, denn die Verzweiflung über das Schicksal, dem das Unausweichliche folgt, ist groß.

Gerade wegen ihrer Geschichte als gesellschaftsgestaltende Instanz mit hoher Moral sieht er die Kirche im Vorteil. "Wir nehmen den Menschen an wie er ist. Wir achten seine Würde", macht der Familienvater deutlich. "Niemand muss sich erklären oder rechtfertigen. Die Kirche hat ihre Geschichte aufgearbeitet. Deshalb nimmt sie mit der Aidsseelsorge zentrale Aufgaben in der Gesellschaft wahr, ohne Moral zu predigen." Für einige Betroffene ist gerade das ein Trost, der ihnen die Kraft gibt, sich wieder für ihre Umwelt zu öffnen. "Sie vertrauen sich hier einer fremden Person an. Das kann sehr hilfreich sein, denn Außenstehende haben einen anderen Blick auf die Dinge als Angehörige oder direkt Betroffene", weiß der Seelsorger, der Menschen in den schwierigsten Momen-ten ihres Lebens begegnet.

Die Aidsseelsorge ist in der Bevölkerung wenig bekannt. Nicht viele Menschen wenden sich daher an Bonnet. Ein Grund ist seiner Ansicht nach die Anonymität, die Infizierte in ländlichen Regionen als nicht gewährleistet sehen und daher eher in die Großstädte ausweichen. Seine Kollegen in Stuttgart werden deshalb stärker angefragt. "Es ist nur eine Handvoll, die sich in Kirchheim und Umgebung aus diesem Grund an die ausgewiesenen Beratungsstellen wendet", bilanziert der Lindorfer, der betont, dass auch er an eine Schweigepflicht gebunden ist. "Das lässt aber, wie gesagt, nicht den Schluss zu, dass wir hier keine Aidsfälle haben."

Im Konfirmandenunterricht leistet der Pfarrer Aufklärungsarbeit. Es ist ihm ein Anliegen, den Jugendlichen einen verantwortungsvollen Umgang mit den Lebensbereichen Liebe und Sexualität nahe zu bringen. Ein Thema, das von den Konfirmanden rege angenommen wird und bei dem Bonnet mit zahlreichen Fragen konfrontiert wird, die von "Wie schütze ich mich" bis zu dem Satz reicht "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Die Verantwortung, die sich daraus für den Einzelnen gegenüber dem Partner oder der Partnerin ergibt, steht im Mittelpunkt. "Gewalt, Alkohol und Drogen sind Punkte, die im Schulunterricht behandelt werden. Aids dagegen ist im Religionsunterricht kein Thema, das auf dem Lehrplan steht", kritisiert Bonnet, der auch als Lehrer in die Schulen geht. "Ein Punkt, dem stärkere Aufmerksamkeit beigemessen werden sollte."