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"Gestalten, wahrnehmen, staunen, begeistert sein"

"Es geht um unsere Landschaft." Ulrich Rieker brachte es in seiner Begrüßungsansprache schlüssig auf den Punkt. Bei dem Jubiläumsabend zum 75-jährigen Bestehen des Kreisverbandes der Obst- und Gartenbauvereine Nürtingen in der Dettinger Schlossberghalle betonte der Kreisvorsitzende, dass nachkommende Generationen ein "Anrecht auf ein gutes und lebendiges Erbe" hätten.

MANFRED GAISER

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DETTINGEN Der Blick von der Teck, dem Neuffen oder dem Reußenstein zeigt den Reiz der landschaftsprägenden Streuobstwiesen. Das farbenfrohe Obst-Arrangement stellte den Gästen der Veranstaltung auch anschaulich die köstlichen Erträge unter Beweis. Diese Vielfalt im Obstbau zu erhalten und zu pflegen steht mit im Vordergrund des Engagements der insgesamt 33 Mitgliedsvereine im Kreisverband.

Vor vielen Ehrengästen, darunter auch Mandatsträger aus Bund, Land und den Kommunen, konnte Ulrich Rieker denn auch eine stolze Leistungsbilanz mit breitem Spektrum präsentieren. Bei den beiden Gartenschauen im Landkreis in Plochingen und Ostfildern sei die Organisation vertreten gewesen. Aktionen im Freilichtmuseum Beuren hätten ebenso zum Programm gehört wie auch die Errichtung von Lehrpfaden. Und zur jahrelangen Routine zählten beim Verein logischerweise kostenlose Beratungsdienste, Anleitungen zum Pflanzenschutz, zur Baumpflege, Schnittkurse und in Fragen der Umwelt.

"Wir sind ein äußerst aktiver und lebendiger Verband", unterstrich der Obmann in der vollbesetzten Halle unter der Teck. Dass viele Gutwillige und Idealisten von Nöten seien, um im Albvorland dem Obstanbau seine wichtige und prägende Stellung zu sichern, stellte er außer Frage. Und auch die immense Bedeutung der Hausgärten sei nicht zu vernachlässigen.

Tagesaktuell verwies Ulrich Rieker diesbezüglich auch auf die Entscheidung des Nobelkomitees, den Friedensnobelpreis in diesem Jahr der Umweltschützerin Wangari Maathai aus Kenia zu verleihen: "Eine Auszeichnung, für eine nachhaltige Umweltpolitik mit Vorbildcharakter", meinte der Redner, schließlich habe die streitbare Frau mit ihrer Organisation in drei Jahrzehnten über 30 Millionen Bäume gepflanzt.

Landrat Heinz Eininger hat zwar nicht spontan in einen der ausgestellten, knackigen Äpfel gebissen, aber immerhin glaubhaft beteuert, dass ihm "das Herz aufgeht" beim Anblick der Sorten, die er noch aus seiner Jugendzeit kenne. Auch für den Kreischef war das Thema "Verantwortung für die Umwelt" im Bewusstsein tief verankert. Sein Dank galt daher den Leistungen des Vereins seit 75 Jahren. Wohlwissend, dass die Pflege und Gestaltung der Kulturlandschaft keine Selbstverständlichkeit mehr sei und oft Last und Sorge bereite. Die Zusammenarbeit des Verbandes mit dem Landkreis hob er als beispielhaft hervor: "Wir sind einfach Partner."

"Wahrnehmung hat immer etwas mit Wahrheit zu tun." Robert Luft, Präsident des Landesverbandes (LOGL) der über 96000 Mitglieder vertritt, legte bei seiner Rede das Augenmerk auch gezielt auf die Jugendarbeit. Junge Menschen für die Natur begeistern und fachlich begleiten stehe daher auch im Vordergrund der aktuellen Maßnahmen der Dachorganisation. Die Konsequenz brachte der Fachmann prägnant auf einen Nenner: "Gestalten, wahrnehmen, staunen, begeistert sein."

Genauso wie Michael Hennrich, Bundestagsabgeordneter der CDU, der auch im Namen der anwesenden Vertreter im Landtag Carla Bregenzer (SPD) und Dr. Ulrich Noll (FDP) sprach und die Arbeit würdigte, fasste sich der gastgebende Dettinger Bürgermeister Rainer Haußmann bewusst kurz. Das Engagement des Verbandes bezeichnete er als vorbildlich und belegte dies mit einem Beispiel im eigenen Dorf, wo ein Rentner seit Jahren ehrenamtlich die rund 44 000 Obstbäume katalogisiert. Leidvolle Erfahrungen könnte der Schultes allerdings aus den jährlichen Mostprämierungen gezogen haben. Lautet doch seine Formel: "50 Moste, einen Gaumen, gleich Körperverletzung."

Begleitet wurde die zweitägige Jubiläumsveranstaltung souverän locker moderiert von Wolfgang Beck von der Theatergruppe aus Raidwangen mit schwäbisch-deftigen Sketchen und den Högyen-Harmonists. Auch wenn das "f" am Klavier (mit Vorwarnung) hängen blieb, präsentierte das Team vom Nürtinger Hölderlin-Gymnasium herzerfrischende Gesangsunterhaltung im Stil der 20er-Jahre und in entsprechendem, eleganten Outfit. Mit kabarettistisch vorgebrachten Evergreens und soliden Persiflagen hatten die Jungs beim begeisterten Publikum sofort einen Stein im Brett. Ob "Zahnputzorgie" oder Rückgriff auf das JungleBuch; ein wahrhaftiger Ohren- und auch Augenschmaus. Nach tobendem Applaus überzeugte die Crew mit einem grandios inszenierten feinfühligen Gospel.

Für langjährige Verdienste wurden im Rahmen der Veranstaltung durch den Präsidenten Robert Luft Mitarbeiter geehrt. Die goldene Ehrennadel erhielten Alois Nost und Heinz Hekeler, beide aus Reudern. Die Landesverbandsnadel wurde Adolf Kern aus Neckarhausen überreicht und Ehrenmitglied des Kreisverbanders wurde Kurt Henzler aus Notzingen. Für seine Tätigkeit geehrt wurde auch der Vorsitzende Ulrich Rieker aus Neidlingen. Der ehemalige Bürgermeister der Kirschengemeinde amtiert seit dem Jahr 1992.