Lokales

GEW fordert eine „Schule für alle“

Heute um 19.30 Uhr beginnt in Wernau eine Diskussion über „zukunftsfähige Sekundarschulkonzepte“

Ein heißes Eisen der Schulpolitik greift der Kreisverband Esslingen-Nürtingen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am heutigen Dienstag in der Wernauer Stadthalle auf. Beginn der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung ist um 19.30 Uhr. Das Thema lautet „Aufbau statt Abriss – zukunftsfähige Sekundarschulkonzepte für Baden-Württemberg“. Dabei geht es unter anderem um die Alternative einer Gemeinschaftsschule.

Andreas Volz

Kreis Esslingen. Längst schon weisen die Hauptschulen in Baden-Württemberg Schülerzahlen auf, die dem Namen einer „Hauptschule“ alles andere als gerecht werden. Auch für den Kreis Esslingen sind diese Zahlen eindeutig: Wechselte zum Schuljahr 2000/2001 noch jeweils ein Drittel des Grundschuljahrgangs nach der vierten Klasse auf die Hauptschule, auf die Realschule beziehungsweise aufs Gymnasium, so haben sich diese Zahlen inzwischen drastisch geändert. Im laufenden Schuljahr ist es lediglich an den Realschulen im Landkreis Esslingen bei diesem Drittel geblieben: Von 32,7 Prozent haben die Realschulen innerhalb der vergangenen neun Jahre sogar leicht zugelegt, auf 34,1 Prozent. Die Gymnasien haben im gleichen Zeitraum nahezu zehn Prozentpunkte dazugewonnen: Zum Beginn des aktuellen Schuljahrs saßen bereits 42,4 Prozent der Fünftklässler im Kreis Esslingen in einem Gymnasium, statt 33,7 Prozent. Den umgekehrten Trend weist die Hauptschule auf: In diesem Fall sind es genau zehn Prozentpunkte, die verloren gingen. Die Übergangsquote auf Hauptschulen ist innerhalb von neun Jahren kontinuierlich gesunken – von 32,5 auf 22,5 Prozent.

Mag der Versuch des Kultusministeriums, die Hauptschulen zu Werkrealschulen aufzuwerten, oberflächlich betrachtet wie eine Rettung der Hauptschule wirken, so erreicht er nach Ansicht der GEW genau das Gegenteil. Die Landesvorsitzende Doro Moritz wird in einer GEW-Pressemitteilung folgendermaßen zitiert: „Die neuen Werkrealschulen sind kein Zukunftskonzept. Schon in fünf bis zehn Jahren wird selbst bei günstigen Übergangsquoten bereits die Hälfte der neuen Werkrealschulen geschlossen werden müssen. Die Werkrealschule ist eine bildungspolitische Sackgasse ohne pädagogische Verbesserung für die Schülerinnen und Schüler. Die einzigen, die von der neuen Schulart profitieren, sind die Busunternehmen im Land.“

Letzteres ist ein sarkastischer Hinweis auf die Tatsache, dass viele Werkrealschüler künftig weite Wege in Kauf nehmen müssen – sei es, um an Berufsschulen zu gelangen, mit denen die Werkrealschulen kooperieren, oder sei es, um in absehbarer Zeit überhaupt an eine der Werkrealschulen zu gelangen, die es dann noch geben wird. Die GEW prognostiziert nämlich in derselben Pressemitteilung für ganz Baden-Württemberg: „Die Hälfte der jetzt genehmigten 525 Werkrealschulen wird schon in wenigen Jahren so wenige Schüler haben, dass das Konzept nicht mehr umgesetzt werden kann.“

Im Kreis Esslingen gibt es derzeit 45 Hauptschulen, wie es der GEW-Kreisvorsitzende Hans Dörr anhand von Zahlen des Staatlichen Schulamts Nürtingen angibt. Davon sollen sechs Grund- und Hauptschulen nur noch als Grundschulen fortbestehen. Von den verbleibenden 39 Hauptschulen wird zum Schuljahresbeginn 2010/2011 mit 24 Schulen der Großteil zur Werkrealschule. 15 Schulen im Kreis bleiben kleine Hauptschulen. „Mittelfristig sind 24 Werkrealschulen und 15 Hauptschulen nicht zu halten“, prognostiziert Hans Dörr und belegt das anhand weiterer Zahlen: Nur etwa 6 000 Schüler würden diese 39 Schulen besuchen. Dagegen gebe es im Kreis Esslingen 22 Realschulen – für nahezu doppelt so viele Schüler, nämlich 11 800.

Schon jetzt konnte Hans Dörr feststellen: „Die Werkrealschule hat bis dato noch nicht den großen Run ausgelöst. Wer eine Realschulempfehlung kriegt, geht auf die ,richtige‘ Realschule, und nicht auf die Werkrealschule.“ An der Werkrealschule kritisiert er zudem, dass sie ihren Schülern innerhalb von zwei Schuljahren zwei Abschlussprüfungen zumutet. Durch die Prüfungsvorbereitung bleibe aber zu viel Zeit für wichtigere Lerninhalte auf der Strecke.

Ohnehin werde derzeit viel Zeit an den Schulen für Unnötiges verschwendet, sagt GEW-Kreisvorstandsmitglied Norbert Baur: „Wir sollten mehr Energie in das Fördern und Begleiten investieren als in das Sortieren und in das anschließende Reparieren.“ Damit spielt er auf die Auslese in der vierten Klasse an, die für die weitere Schullaufbahn entscheidend ist, aber auch auf die Tatsache, dass etliche Schüler nach der Grundschule falsch einsortiert und anschließend nach unten durchgereicht werden.

Was die GEW also statt des dreigliedrigen Schulsystems favorisiere, das sei eine „Schule für alle“, sagt Norbert Baur und betont, dass er sich mit einer solchen Empfehlung als „Dienstleister ohne ideologische Grabenkämpfe“ versteht. Auch für die Kommunen hätte eine integrierte Sekundarschule oder Gemeinschaftsschule entscheidende Vorteile: Sie könnten ihre Schulen behalten. So gut wie alle Schüler hätten die Möglichkeit, wohnortnah einen mittleren Bildungsabschluss zu erwerben.

Heute Abend stellt der Konstanzer Soziologe Tino Bargel in Wernau ein Gutachten zur Schulentwicklung in Baden-Württemberg vor. Die Kreis-GEW würde gerne auch für den gesamten Landkreis Esslingen ein fundiertes Gutachten erstellen lassen und hofft darauf, dass sich die Kommunen finanziell daran beteiligen – mit einmaligen Kosten, die je nach Einwohnerzahl zwischen 80 und 640 Euro liegen. Für die Städte und Gemeinden könnte dieses Gutachten immerhin wichtige Zahlen und Fakten liefern für die eigene Schulentwicklungsplanung.

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