Lokales

Gewalt und Islam gehören nicht zusammen

Muslime haben in Deutschland einen schweren Stand. Nicht erst seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wächst eine feindselige Einstellung gegenüber dem Islam. Begriffe wie "Fundamentalismus", "Gewalt" und "Irrationalität" werden mit dem religiösen Glaubensbekenntnis der rund vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben gleichgesetzt.

DANIELA HAUSSMANN

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KIRCHHEIM "Ein Trugschluss", wie Doktor Michael Blume, Vorsitzender der Christlich-Islamischen Gesellschaft Stuttgart, auf einer Veranstaltung der evangelischen Offenen Kirche in Kirchheim entschieden bemerkt. Lediglich ein bis zwei Prozent der Muslime in der Bundesrepublik würden zur militanten Strömung des Islam zählen.

Als ewiger Feind des "zivilisierten Westens" wird diese mehr als 1 000 Jahre alte Religion von vielen Bundesbürgern wahrgenommen. Sie empfinden sie als ein undefinierbares Gemisch aus Rückständigkeit und Aggression, das in Zusammenhang mit Bedrohungsszenarien steht und ein Integrationshindernis darstellt. "Die Angst vor der fremden Religion sitzt tief", bemerkt Murat Aslanoglu, Vorsitzender des Koordnierungsrates des christlich-islamischen Dialogs in Deutschland. Michael Blume wie auch Murat Aslanoglu versuchen im Gespräch das Bild vom Islam unter ihren deutschen Mitbürgern zu wandeln. Unter dem provokativen Motto "Dialog mit dem Islam naiv oder notwendig" wurde im Alten Pfarrhaus bei der evangelischen Martinskirche rege über muslimische und christliche Sichtweisen diskutiert.

Noch immer gilt der Islam als geschlossenes System, als Prototyp der geschlossenen traditionellen Gesellschaften ohne Fähigkeit zur Veränderung und als Störfaktor in den internationalen Beziehungen. Der Anschlag auf die New Yorker Zwillingstürme habe zwar, nach Ansicht von Michael Blume, das Informationsbedürfnis der Bundesbürger angefacht, dennoch sei das Bild des Islam im Großen und Ganzen negativ geblieben. Gerade dieses Festhalten am klassischen Orientbild schürt nach Meinung des Experten die Angst. Informationen, vor allem vermittelt über die Medien, würden damit nur selektiv aufgenommen und so zumeist ein bestehendes Klischee verstärkt. "Ebenso wie das Christentum hat der Islam unterschiedliche länderspezifische Ausprägungen", macht Michael Blume deutlich. "Sozialisationsbedingte Strukturen, die von einem Land zum anderen natürlicherweise variieren, haben Einfluss darauf, wie der Islam in Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur gelebt wird." Von Marokko bis Indonesien können Muslime in der Art, wie sie ihrem Glaubensbekenntnis nachgehen, daher nicht über einen Kamm geschert und unter den Generalverdacht, fundamentalistisch zu sein, gesetzt werden. "Mit dieser Haltung werden keine Lösungen geschaffen, sondern Feindbilder die zur Ausgrenzung beitragen, aber keinesfalls die Integration deutschstämmiger Muslime fördern," erklärt der Religionswissenschaftler Michael Blume. "An 20 niedersächsischen Schulen wird seit vier Jahren ein islamischer Religionsunterricht angeboten und das mit großem Erfolg. Dort ist es gelungen, in der dritten und vierten Generation von Muslimen, die nicht wie ihre Eltern in der Türkei oder einem anderen Land aufgewachsen sind, eine Kluft zu überwinden." Jene Brücke, die es dabei zwischen dem Traditionsbewusstsein von Vater und Mutter und der bundesrepublikanischen Lebenswelt, an der deutschstämmige Muslime teilhaben möchten, zu schlagen gilt, eröffnete einen Zugang, der bis in die Familien der Kinder hineinreicht. Und genau hier setzt für Murat Aslanoglu ein erfolgreiches Integrationsmodell an. Für ihn hat die islamische Präsenz in Europa bis auf eine Minderheit als Europäer integrierter Muslime eine Form von Enklaven angenommen, die sich in Europa befinden, jedoch nicht zur westlichen Zivilisation gehören. "Parallelgesellschaften, die es im Dialog bei der Begegnung zwischen Menschen islamischen und christlichen Glaubens allmählich aufzulösen gilt", wie Blume und Aslanoglu betonen. "Noch sind die Muslime in Deutschland weit davon entfernt, hauptamtliche Strukturen wie in der Jugend- und Sozialarbeit zu haben, doch diese Entwicklung ist auf dem Weg. Bislang ist es so, dass es keinen Zentralrat gibt, der mit einer einheitlichen Stimme die Sichtweise der muslimischen Gemeinschaft beispielsweise zu politischen Ereignissen in die deutsche Öffentlichkeit transportiert. Da es kein Oberhaupt gibt, das die vielen Strömungen in ihren Interessen zusammenbringt, wie das der Papst in der katholischen Kirche tut, können sich einzelne Muslime mit ihrer persönlichen Meinung zu Wort melden. Ein Beispiel ist der Kalif von Köln. Leider schaffen es immer nur diese Negativ-Beispiele, auf sich aufmerksam zu machen. Ihre Meinung ist die einer Minderheit, die die Mehrheit der Muslime ablehnen. Ihr Protest verhallt leider bislang kaum gehört und das muss sich ändern, denn Gewalt und Islam gehören nicht zusammen."