Lokales

"Gewerbegebiet bedroht unsere Existenz"

Das geplante Gewerbegebiet Großer Forst sorgt derzeit in Nürtingen für viel Gesprächsstoff. Noch ist nicht offiziell bekannt, welcher Investor sich für das Gelände zwischen der Metzinger Straße und der Bahnlinie interessiert. Die betroffenen Landwirte, die momentan die Ackerflächen im Großen Forst bewirtschaften, sind jedenfalls vom Vorgehen der Stadt Nürtingen enttäuscht.

SYLVIA GIERLICHS

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NÜRTINGEN 17 Hektar "bestes Ackerland" hat Bernd Single im Großen Forst gepachtet. Weizen, Gerste und Mais baut er dort an. Zudem hält er auf dem Hof 85 Bullen für die Fleischgewinnung. Falle das Ackerland dem Gewerbegebiet zum Opfer, habe er nicht mehr die Möglichkeit, das Futter für die Bullen selbst anzubauen. "Wo ich dann die Gülle ausbringen soll, die durch die Bullenmast anfällt, weiß ich auch nicht", sagt er. Auf einem Katasterauszug hat er die Umrisse des geplanten Gewerbegebiets rot eingezeichnet. Der Große Forst reicht fast bis an seine Hofgrenze.

Sein Nachbar Dirk Schaal betreibt neben dem Ackerbau auch noch einen großen Pferdehof. Auch er baut das Futter für die Tiere selbst an. Ob sich sein Betrieb noch rechnet, weiß er nicht. Zum anderen nutzt er das nach der Ernte anfallende Stroh als Einstreu. Und auch er kann den Pferdemist als Dünger wieder auf seine Felder ausbringen. Schaal fürchtet: "Wenn das Gewerbegebiet kommt, bedroht das unsere Existenz." Schaal hat erst kürzlich 300 000 Euro investiert, um seinen Betrieb zu modernisieren. Für ihn ist klar, dass mit den Industriegebäuden das Ende der Fahnenstange in Sachen Flächenverbrauch noch nicht erreicht ist. Schließlich müssten die 200 Menschen, die im Großen Forst arbeiten sollen, auch ihre Autos parken.

Bernd Single, Dirk Schaal und Gerhard Bauknecht sind die drei Landwirte, die ihre Höfe an der Grenze zum künftigen Gewerbegebiet haben. Obwohl für sie die Erschließung deutliche Beeinträchtigungen bringe, habe die Stadt sich mit ihnen seither nicht in Verbindung gesetzt, beklagen sie. "Wir haben im April 2007 aus der Zeitung davon erfahren", sagt Bernd Single, der bereits für das Wohngebiet im Gänslesgrund im Enzenhardt 50 Ar Ackerfläche hergeben musste. Weitere 60 Ar seiner Anbauflächen sind für den Ausbau der B 313 geopfert worden.

Auch wenn sie nicht die Eigentümer der Flächen seien, hätten sie es begrüßt, wenn auch mit ihnen über die Pläne gesprochen worden wäre, so die drei Landwirte. Sie wollen wissen, was auf sie zukommt, sollte der Große Forst als Gewerbegebiet erschlossen werden. Nürtingens OB Heirich nennt den Interessenten, der dort eine Ansiedlung prüfe, bislang nicht.

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgen sie daher die Vorgänge in Metzingen-Neuhausen, wo derzeit ebenfalls ein Bebauungsplanverfahren eingeleitet wurde, um einem großen ortsansässigen Investor eine Gewerbeansiedlung zu ermöglichen. Gerhard Bauknecht hat vergangene Woche eine Sitzung des Neuhäuser Ortschaftsrats besucht und erfahren, dass unter anderem die Hugo Boss AG die Absicht angemeldet habe, dort auf 16,5 Hektar Fläche ein Lager zu bauen. Es soll eine Länge von 230 Metern und eine Breite von 180 Metern haben. Bis zu 20 Meter hoch soll das Gebäude werden.

Die drei Landwirte halten es für möglich, dass der Textilhersteller auch in Nürtingen diesbezüglich seine Fühler ausgestreckt haben könnte und bei der Suche zweigleisig fährt. Einen 20 Meter hohen Bau direkt vor ihren Höfen empfinden sie als keine besonders angenehme Aussicht. "Wir können nicht einfach unser Sack und Pack unter den Arm klemmen und woanders anfangen. Wir sind auf die Grundstücke angewiesen", verdeutlicht Dirk Schaal die Situation der drei Familien.

Er hat zwar Verständnis dafür, dass sich die Stadt um die Ansiedlung von Betrieben bemüht, die Arbeitsplätze in Nürtingen schaffen wollen. Jedoch hält er kleinere Betriebe für überlebensfähiger und für eine Stadt wie Nürtingen auch kompatibler.

Die Sorge um die Lebensmittelproduktion treibt dagegen Bernd Singles Vater Emil um: "Wenn die Landwirtschaft immer weiter zurückgedrängt wird, wovon ernähren sich die Menschen dann in einigen Jahren?" Die drei Nürtinger Landwirte, deren Familien schon seit mehreren Generationen im Breiten Löhle ansässig sind, befürchten, dass die Stadt aktiv auf der Suche nach einem Investor für den Großen Forst ist. "Wenn es mit dem derzeitigen Interessenten nicht klappt, ist für uns die Gefahr nicht gebannt", sagt Emil Single.