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Gezieltes Stärken der eigenen Stärken

Jugendtreff und die Hauptschule Weilheim gehen neue Wege: Sämtliche Siebtklässler setzen sich im Rahmen der "Kompetenzwerkstatt" mit ihren Interessen, Stärken und Zielen auseinander. Geleitet wird das Projekt, das nicht zuletzt der beruflichen Orientierung dient, von Mitarbeitern des Kreisjugendrings.

ANKE KIRSAMMER

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WEILHEIM "Ausdauer, Sprachkenntnisse, Hilfsbereitschaft, Zielstrebigkeit, Verantwortung übernehmen können" nach ihren Stärken gefragt, fallen Nancy, Halil, Aydan, Evin und Jessica eine ganze Menge Eigenschaften ein, die sie an sich schätzen. Bewusst wurden ihnen ihre Fähigkeiten großteils allerdings erst im Rahmen der "Kompetenzwerkstatt", ein Projekt, das der Kreisjugendring Esslingen außer in Weilheim in den Jugendhäusern Wendlingen, Köngen, Plochingen, Oberesslingen und Ostfildern anbietet. "Ziel des KJR ist, dass aus jeder Einrichtung ein Mitarbeiter geschult ist", erklärt die Leiterin des Weilheimer Jugendtreffs, Evelyn Schmidt.

Entwickelt wurde die Methode vom Zukunftszentrum Tirol. Das transnationale Projekt wird von der Uni München und der Fachhochschule Esslingen betreut. Die Konstellation in der Limburgstadt ist bislang jedoch einmalig im Landkreis: Evelyn Schmidt und ihr Kollege Jens Coers statten den beiden siebten Klassen der Weilheimer Hauptschule seit Mitte Oktober immer dienstags in der vierten und fünften Schulstunde einen Besuch ab. Bis zu den Faschingsferien absolvierte jeweils die Hälfte der beiden Parallelklassen die "Kompetenzwerkstatt", in der kommenden Woche starten die anderen zwei Gruppen. "Das Projekt soll Jugendlichen helfen, sich auszuprobieren", sagt Evelyn Schmidt. Unter anderem sieht das Curriculum vor, in einen "Entwicklungsbaum" die individuellen Interessen, Stärken, Werte und Ziele einzutragen und mit den Voraussetzungen für den jeweiligen Wunschberuf abzugleichen. Nancy, die deutsch, englisch, französisch und italienisch spricht, träumt beispielsweise davon, Dolmetscherin zu werden, Ayden würde ihr Geld gerne als Designerin oder Friseurin verdienen. Halil und Evin streben die Selbstständigkeit an und Jessica könnte sich vorstellen, in einem Hotel zu arbeiten. Den Jugendlichen ist klar geworden, dass sich das Gros der Berufswünsche überhaupt nur erfüllen lässt, wenn sie nach der Hauptschule mindestens einen Realschulabschluss draufsatteln. "Was muss ich noch tun, um mein Ziel zu erreichen?", lautete denn auch die prompte Frage, mit der sich die Schüler beschäftigen sollten.

"Siebtklässler haben noch genügend Zeit, um sich Fähigkeiten anzueignen, die sie für ihren Wunschberuf benötigen", so Evelyn Schmidt. Das Thema Berufswahl zieht sich laut Rektor Christian Birzele-Unger in der Hauptschule wie ein roter Faden von der fünften bis zur neunten Klasse durch. Insbesondere für den "praktischen Berufswahlunterricht" in der achten Klasse sei der Jahrgang dann gut vorbereitet. Große Hoffnungen setzt Konrektorin Elke Amend-Gebühr auch auf die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler durch die Teilnahme an der "Kompetenzwerkstatt", in der es gezielt darum gehe, Stärken zu stärken und Defizite zu beheben. "Starke Schüler lernen besser", weiß die Mitinitiatorin des Projekts an der Weilheimer Schule. Dass sich die Jugendlichen innerhalb der vergangenen vier Monate weiterentwickelt haben, konnte Birzele-Unger im Fachunterricht bereits feststellen: Die Teilnehmer der "Kompetenzwerkstatt" zeigten ein ganz anderes Auftreten als die übrige Klasse.

Neben der theoretischen Beschäftigung mit ihren jeweiligen Interessen und Stärken hatten die Schüler im Rahmen der "Kompetenzwerkstatt" auch Gelegenheit, ihr Können auszuprobieren. "Wir Jungs wollten einen Sporttag für Kindergartenkinder organisieren", sagt der begeisterte Fußballer Halil. Über die Talente der 13- bis 15-jährigen Jugendlichen staunte Evelyn Schmidt nicht schlecht: "Sie haben völlig selbstständig Projektpläne erstellt und überlegt, wer was bis wann erledigen muss." Genauso viel Lob hat die Jugendtreffleiterin für die Mädchen übrig, die einen Nachmittag mit Kreativangeboten für Sprösslinge eines Weilheimer Kindergartens auf die Beine stellten.

Positiv bewerten auch die Siebtklässler das Projekt. Den Nachmittag im Kindergarten Bahnhofstraße fanden alle besonders schön "auch wenn er ziemlich anstrengend war", wie Jessica sagt. Ob Sport, Backen, das Bemalen von T-Shirts oder die Anfertigung von Haarschmuck "an den Aktionstagen hat alles völlig reibungslos funktioniert", betont Evelyn Schmidt. Anerkennung gab's auch von Seiten der Erzieherinnen und nicht zuletzt durch strahlende Kinderaugen. "Die Jugendlichen haben erlebt: Was sie können, hat einen Platz in der Gesellschaft, und sie können etwas bewirken", so die Jugendtreffleiterin. Noten bekommen die Teilnehmer nicht. Stattdessen gibt es Zertifikate vom Zukunftszentrum Tirol und vom KJR. Zudem haben die Schüler am 18. Februar im Jugendzentrum Plochingen Gelegenheit, ihre Projekte zu präsentieren.

"Mit der Einbindung der Kompetenzwerkstatt in den Unterricht wollen wir die Ernsthaftigkeit unserer Partnerschaft mit dem Jugendtreff demonstrieren", sagt Birzele-Unger. Zusammengearbeitet wird auch in anderen Bereichen, so kommt beispielsweise das Mittagessen während des derzeitigen Probelaufs zur Ganztagesschule in den Räumen des Jugendtreffs auf den Tisch. Die KJR-Mitarbeiter fungieren dabei nicht als Servicepersonal, sondern stehen für die Kinder als Ansprechpartner zur Verfügung.

Der Klassenlehrer der 7a, Gerhard Böhm, begrüßt ebenfalls "Impulse von außen" für die Schule. Und er macht keinen Hehl daraus, dass auch sein Unterricht von dem parallel laufenden Projekt profitiert: "Ich kann damit einmal in der Woche einen zweistündigen intensiven Deutschunterricht anbieten." Böhm nutzt die zwölfköpfige Kleingruppe, um sprachliche Defizite aufzufangen und um ausgiebige Literaturarbeit mit den Schülern zu betreiben.