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"Glauben ist etwas Lebendiges, das reifen will . . ."

KIRCHHEIM "Ich kannte Kirchheim zuvor nicht. Die Ausschreibung der Thomaskirche jedoch hat mich sehr angesprochen." Anne Christine Fischer, die mit Bedacht und sehr behutsam ihre Antworten

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RICHARD UMSTADT

formuliert, gerät ins Schwärmen, wenn sie den Grund ihrer Bewerbung erzählt. Hier, an der Kirchheimer evangelischen Thomaskirche, habe sich in den letzten 20 Jahren eine ganz besondere Art der Gemeindearbeit entwickelt, initiiert durch Wilfried Krause, den Vorgänger der neuen Pfarrerin, der viel zu früh im vergangenen Jahr im Alter von 57 Jahren starb.

"Die Kirchengemeinde ist sehr fortschrittlich." Vor allem gefällt Anne Christine Fischer die starke liturgische Orientierung. Sehr viele Gemeindeglieder gestalten aktiv den Gottesdienst mit und der Kirchengemeinderat habe gelernt, sehr selbstständig und mit Weitblick zu arbeiten. Jeder der Kirchengemeinderäte hat einen eigenen Bereich voll verantwortlich übernommen. Hier werde das Stichwort vom "Priestertum der Gläubigen" mit Leben gefüllt, Kirche nicht von oben verordnet, sondern von der Basis aus gelebt, lobt die neue Pfarrerin die vorbildliche Gemeinschaft der Thomaskirchengemeinde.

Ihren Vorstellungen kommt ein solchermaßen gelebtes Christsein sehr entgegen: "Ich fühl mich wohl, wenn ich merke, dass sich viele ganz mit ihren Gaben einbringen und miteinander auf dem Weg sind," will Anne Christine Fischer dieses Engagement unterstützen und koordinieren. Ihre Aufgabe als Pfarrerin sieht sie in der Seelsorge, in der Gremienarbeit, in der Begleitung von Mitarbeitern und im Hinzugewinnen von neuen Mitstreitern sowie im Religions- und Konfirmationsunterricht. Zu ihrer Arbeit gehört auch die seelsorgerische Betreuung der Menschen in zwei Altersheimen und Sonderaufgaben. Begleitete sie in Neckarsulm als "ständige Pfarrerin" eine 50-Prozent-Stelle, so ist Anne Christine Fischer 100-prozentig für die Thomaskirchengemeinde und die Altenheime da. "Das ist eine neue Herausforderung, auf die ich mich freue."

Anne Christine Fischer wurde in Nordhorn, Grafschaft Bendheim, in eine Pfarrersfamilie hineingeboren. Ihr Vater war Seelsorger. Ihr Abitur absolvierte sie in einem neusprachlichen Gymnasium in Stadthagen. "Ich hatte sehr viele offene Fragen", erinnert sie sich an ihre Motivation, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Um diese Fragen für sich zu klären, studierte sie Theologie in Erlangen und Tübingen. Zuvor hatte sie in Bethel dafür die Voraussetzung geschaffen und Latein, griechisch und hebräisch gebüffelt.

"Tübingen hat mir gut gefallen." So blieb die Theologin aus Norddeutschland im Schwäbischen hängen und war zunächst in Backnang Vikarin, bevor sie, ebenfalls als Vikarin, nach Heilbronn-Frankenbach ging. Dort wurde sie schließlich zur Pfarrerin zur Anstellung berufen. Während ihrer achtjährigen Familienphase gab Anne Christine Fischer in Öhringen Religionsunterricht. Inzwischen sind ihr Sohn und ihre Tochter "flügge" und sie kann sich nun ganz der Thomaskirchengemeinde widmen. Auf diesen intensiven Kontakt mit Menschen, die mit ihr den Weg der Suche nach Antworten gemeinsam weitergehen wollen, freut sie sich. "Es ist ein ständiges Geben und Nehmen," ist die Pfarrerin überzeugt, und "Glauben ist nichts Statisches, sondern etwas Veränderliches, Lebendiges, das reifen will" wie ein Samenkorn oder der Weinstock, der in Anne Christine Fischers Konfirmationsspruch vorkommt: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt viele Frucht; . . ." (Johannes, 15, 5).

Vergangene Woche fuhr am Pfarrhaus der Thomaskirche der Möbelwagen vor. Nun will die Pfarrerin erst einmal in ihre Gemeinde hineinfinden und die Menschen kennen lernen. Auf ihre Ziele angesprochen, meint sie: "Mein Wunsch wäre es, die ansprechende Struktur des Gemeindelebens hier ebenso zu fördern wie die Gemeinschaft der Thomaskirchengemeinde." Die wird sie sicher bei der feierlichen Einführung in ihr Amt als Gemeindepfarrerin am Sonntag, 11. Juni, um 10 Uhr in der Thomaskirche erleben dürfen. Die Investitur wird in einem Gottesdienst mit anschließendem Empfang im Gemeindezentrum gefeiert.