Lokales

Gleich mehrfach nachts mit der Spraydose ausgerückt

Drei junge Leute, die alle noch in der Ausbildung stehen, mussten sich vor dem Nürtinger Amtsgericht wegen Sachbeschädigung, Beleidigung, gefährlicher Körperverletzung und Diebstahls verantworten. Mit ihren nächtlichen Sprühereien hatten sie Schäden für mehrere 100 000 Euro angerichtet.

GüNTER SCHMITT

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WENDLINGEN Zwei der Angeklagten stammten aus Wendlingen, der dritte aus einer Kreisgemeinde. Sieben dicke Aktenordner bargen die Unterlagen zur Verhandlung des Falles vor dem Jugendschöffengericht. Alleine die Verlesung der Anklagepunkte durch den Staatsanwalt nahm gut anderthalb Stunden in Anspruch. Für die Verhandlung waren drei Tage angesetzt, eine Zeitspanne, die sich durch die Geständigkeit der Angeklagten auf zwei Tage reduzieren ließ.

Schwerpunkte der nächtlichen Sprühaktivitäten waren Wendlingen, Nürtingen und die umliegenden Gemeinden. Mit den schwer zu entfernenden Farbsprays wurden Schulen heimgesucht, Bahneinrichtungen, Zigarettenautomaten, Verkehrsschilder und dergleichen mehr. Grundsätzlich schien jedes Gebäude geeignet, das eine freie Fläche aufwies und nicht direkt an einer stark befahrenen Straße lag.

Manchmal waren die Angeklagten einzeln unterwegs, manchmal in einer Zweier- oder Dreiergruppe. Man kannte einander und hielt Kontakt. Einem der jungen Leute wurde neben Sachbeschädigung auch gefährliche Körperverletzung vorgeworfen; er hatte einem Passanten, der ihn zur Rede stellte, einen Kopfstoß versetzt, dass ihm das Blut aus der Nase schoss. Zur Beleidigung war es gekommen, als die Polizei einen der Sprayer festnahm. Der Schüler beschimpfte die Beamten als Nazis, Hohlköpfe, Idioten und Staatstrottel. Überflüssig zu sagen, dass jenes Schimpfwort, das mit dem ersten Buchstaben im Alphabet beginnt, im Reigen der Schmähungen nicht fehlte. Wenn den Tätern danach war, ließen sie bei ihren nächtlichen Exkursionen per Fußtritt die Seitenspiegel von Autos in hohem Bogen durch die Luft fliegen. Die Gründe für die Zerstörungswut sind wohl in den Biografien der Angeklagten zu suchen. Die Ehen ihrer Eltern waren ausnahmslos in die Brüche gegangen, sie hatten Schwierigkeiten in der Schule, sie lagen auf Konfrontationskurs mit ihrer Umgebung und der sporadische Konsum von Rauschgift war ihnen nicht fremd.

Zwei der drei Angeklagten waren in ausgesprochen wohlsituierten Verhältnissen aufgewachsen. Es fehlte an nichts, wenn man davon absieht, dass vor allem die Väter kaum Zeit für sie hatten. Es waren denn auch diese Punkte, die vom Vertreter der Jugendgerichtshilfe sowie von der Sachverständigen als entlastende Momente angeführt wurden. Von einer behüteten Jugend konnte in keinem der drei Fälle die Rede sein.

Einer der Angeklagten lebte nach der Trennung seiner Eltern bei seiner Mutter. Er hatte die Art seines Vaters, das ewige Besserwissen und den Kommandoton, nicht mehr ertragen können. Er verließ das Gymnasium und machte in einer Realschule seinen Abschluss. Nach Absolvieren einer Lehre versuchte er zum Zeitpunkt der Verhandlung das Abitur nachzuholen, um anschließend ein Studium aufnehmen zu können. Zu seinem Vater hat er schon seit Jahren keinen Kontakt mehr. Ein weiterer Angeklagter, auch aus gutem Hause, war ebenfalls vom Gymnasium auf die Realschule gewechselt. Der anschließende Besuch eines Wirtschaftsgymnasiums endete mit einem Schulverweis wegen zu vieler Fehlzeiten, die er auf den Konsum von Betäubungsmitteln zurückführte. "Ich habe damals", sagte er, "extrem gekifft". Trotzdem gelang ihm das Erlangen der Fachhochschulreife. Nach Ableisten des Zivildienstes absolvierte er zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung ein Praktikum. Er wohnt mit seiner Freundin zusammen und unterzieht sich einer Therapie, um von den Betäubungsmitteln los zu kommen.

Der dritte Angeklagte hatte ebenfalls schon Jahre keinen Kontakt mehr zu seinem Vater. Hinzu kam, dass er mit dem zweiten Mann seiner Mutter auf gespanntem Fuße lebte. Nach Grund- und Hauptschule hatte er es auf einer Wirtschaftsschule versucht, aber den Besuch nach einem knappen Jahr abgebrochen. "Ich war total hinüber", sagte er vor Gericht. Schon mit 14 hatte seine Drogenkarriere begonnen. "Ich war völlig antriebslos und hing nur noch zu Hause herum." Eine Lehre als Einzelhandelskaufmann fand ihr vorzeitiges Ende mit dem Konkurs seines Lehrherrn. Jetzt verfiel er erst recht der Droge, es verging kein Tag ohne Marihuana oder Ecstasy. Nach einem halbjährigen Aufenthalt im Christophsbad in Göppingen, um seine Psyche wieder in Ordnung zu bringen, war er zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung nach eigenen Angaben seit fünf Monaten clean. Sein Taschengeld verdient er sich bei einem Möbelmarkt. Wohnen kann er bei seinem Bruder und dessen Freundin. Sobald er eine Stelle findet, will er eine Lehre antreten.

Die Marathonverhandlung vor dem Amtsgericht in Nürtingen endete mit einem Schuldspruch für alle drei Angeklagten. Das Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Richterin Astrid Hagen verurteilte die Angeklagten zu Bewährungsstrafen zwischen sechs und zehn Monaten, verbunden mit der Auflage, bestimmte Graffiti wieder zu beseitigen, gegebenenfalls in Zusammenarbeit mit Firmen, die dazu in der Lage sind.