Lokales

Gleiches Wasser für alle nach langem Zögern

Eine Ära ist zu Ende gegangen. Nach über 100 Jahren gibt es kein Wellinger Wasser mehr. Ganz ohne Emotionen ist dieser Beschluss seitens des Gemeinderats nicht gefallen, entscheidend waren jedoch sachliche Gründe. Am morgigen Samstag wird nun um 14 Uhr offiziell die neue Wasserversorgung Wellingen eingeweiht.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN Lange war um die Entscheidung gerungen worden, denn Geschichte lässt sich so schnell nicht ausradieren. Im August 1905 gab es ein Wasserfest in Wellingen, die Einweihung der Pumpstation wurde mit entsprechenden Feiern, unter anderem auch mit einem Festumzug, gewürdigt. Das eigene Wasser wollten die "alten" Wellinger nach so langer Zeit nur schweren Herzens aufgeben, auch wenn es immer wieder Probleme mit den Grenzwerten gab, und einem morgens nicht selten beim Zähneputzen als allererstes scharfer Chlorgeruch beim Wasseraufdrehen in die Nase stieg.

Anfang der Siebzigerjahre wurde zwar ein Wasserschutzgebiet ausgewiesen, weil sich ein großes Einzugsgebiet auf Markung Roßwälden und somit im Landkreis Göppingen befand, wurden auftretende Missachtungen jedoch nicht mit dem nötigen Nachdruck verfolgt. Immer wieder gab es Probleme mit ungewünschten chemischen Stoffen im Wasser. Ab Mitte der Achtzigerjahre wurden an der Pumpstation laufend Geräte zur Verbesserung der Wasserqualität eingebaut, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Grenzwerte zum Schutz der Verbraucher immer wieder angehoben wurden. Als der Köhlerbach 1994 Hochwasser führte, mussten die Pumpen rund einen Tag lang ruhen.

Im April 2001 forderte das Gesundheitsamt die Gemeinde auf, alle technischen Möglichkeiten zur Verbesserung der Trinkwasseraufbereitung zu prüfen, gleichzeitig empfahl es, einen Anschluss an die Landeswasserversorgung zu prüfen. Dies übernahm das Büro WAVE und legte sein Ergebnis im März 2002 dem Gemeinderat vor. Die Marschrichtung war eigentlich hier schon vorgegeben, denn nicht nur die Qualität ließ nach modernen Maßstäben zu wünschen übrig, sondern auch die Schüttung der Quellen war wegen des ständig steigenden Bedarfs am Limit. Doch erst im Dezember 2003 rang sich der Gemeinderat zu einer Entscheidung durch. Die Versorgungssicherheit und die Kosten waren hier ausschlaggebend. Dass dieser Beschluss bei aller Sentimentalität richtig war, wurde spätestens ein knappes Jahr später deutlich. Über Tage hinweg mussten die Wellinger ihr Wasser abkochen, weil bei Proben eine organische Belastung festgestellt wurde. Alles deutete auf eine Güllebelastung hin, bewiesen werden konnte jedoch nichts.

Dies gehört nun der Vergangenheit an. Seit vergangenem Freitagmittag gibt es für Notzingen und Wellingen ein und dasselbe Wasser. Statt vom Pumphäusle am Köhlerbach kommt das kühle Nass auch für die Wellinger aus Langenau. Dem Vertrag mit der Landeswasserversorgung hat der Notzinger Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung zugestimmt. Vom Kirchheimer Wasserturm wird über das Hohenreisach in der neuen Leitung das Wasser in den zweikammerigen Hochbehälter in Wellingen geführt. Insgesamt kostet die Maßnahme rund 800 000 Euro, wobei es Zuschüsse von 174 000 Euro gibt. Mit den Arbeiten begonnen wurde im Juli vergangenen Jahres. Somit hat Notzingen nun eine doppelte Sicherheit, was die Versorgung mit Trinkwasser anbelangt. Müsste aus irgendeinem Grund die Leitung in der Kirchheimer Straße abgestellt werden, ist nun eine Versorgung des gesamten Ortes über Wellingen problemlos möglich, es müssten an zwei Stellen lediglich 15 Meter mit Schläuchen überbrückt werden. Mit Wellinger Wasser wäre dies nicht möglich gewesen, da dazu schlichtweg die Menge zu gering gewesen wäre.

Der alte Wellinger Hochbehälter bleibt bestehen, erste Anfragen zwecks einer Nutzung des Gebäudes gibt es schon vom Kirchlesverein. Die Pumpstation am Köhlerbach wird im Ist-Zustand konserviert. Auf Strom muss in absehbar jedoch verzichtet werden, denn die hölzernen Leitungsmasten sind morsch geworden. Der Energieversorger will sie in nächster Zeit abbauen. "Sollten wir dort unten aus irgendwelchen Gründen auch immer Strom brauchen, wird dies über ein Aggregat erfolgen", sagt Bürgermeister Flogaus.

Ähnliche Zeiten hat das alte Häusle damals noch ein reiner Flachdachbau schon erlebt. Am 23. April 1945 wurde es bei einem Angriff der Amerikaner getroffen und die Pumpen fielen aus. Weil sich die feindlichen Streitkräfte noch einige Tage im angrenzenden Wald aufhielten, fuhren die Wellinger unter dem Schutz einer weißen Fahne mit einem Kramer-Traktor in den Köhler. Sie schlugen ein Loch in das Gebäude und trieben die Pumpen mithilfe eines Riemens an, der am Traktor befestigt war. Dies geschah morgens und abends.

Diese und andere Geschichten rund um die Wellinger Eigenwasserversorgung können die Besucher auf Stellwänden erfahren. So standen 1905 gerade einmal 65 Häuser in Wellingen, in denen 306 Menschen lebten. Heute zählt der Notzinger Teilort 908 Bewohner. Zu sehen sind auch der Originalplan und alle Wassermeister.

Um 14 Uhr beginnt am neuen Hochbehälter die kleine Einweihungsfeier. Jochen Flogaus wird eine kurze Ansprache halten, für die musikalische Unterhaltung sorgt der Musikverein Notzingen-Wellingen und der Förderkreis Wellinger Kirchle hat die Bewirtung übernommen.