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Globalisierung rüttelt an den Obstbäumen

Vom Frosthauch der Globalisierung bleibt niemand verschont, nicht einmal die Obstanbauer. Das machte die Hauptversammlung des Kreisobstbauverbandes Nürtingen deutlich.

GÜNTER SCHMITT

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KOHLBERG Obst aus den entlegendsten Winkeln der Welt drückt hier zu Lande auf den Markt. So hat das heimische Obst einen schweren Stand. Bei Birnen sind die Probleme noch größer als bei den Äpfeln. Die Folgen sind alarmierend. Die Erlöse haben einen solchen Tiefstand erreicht, dass die Bäume von Streuobstwiesen mancherorts nicht mehr gepflegt werden und sich in einem miserablen Zustand befinden.

Der letzten Erhebung zufolge ist in Baden-Württemberg die Zahl der Obstbäume von 19 Millionen auf 11,4 Millionen zurückgegangen. Es sind Zahlen, die Bände sprechen. Dass die Obstanbauer trotzdem nicht die Flinte ins Korn werfen, machte das in der Jusihalle in Kohlberg abgehaltene Bilanzziehen deutlich.

Der Kreisobstbauverband, der den Altkreis Nürtingen umfasst, hat in 33 Ortsvereinen 4100 Mitglieder. Wolfgang Beck aus Nürtingen, der stellvertretende Kreisvorsitzende, der für den erkrankten Vorsitzenden Ulrich Rieker die Versammlung in Kohlberg leitete, machte mit Bedauern die Mitteilung, dass sich der Obst- und Gartenbauverein Balzholz aufgelöst hat.

Wolfgang Beck hieß besonders den Ehrenvorsitzenden Eugen Mühlhäuser aus Jesingen sowie Ortsvorsteher Karl Stiefel aus Kappishäusern willkommen. Die Kappishäuser Obstanbauer gehen Hand in Hand mit Kohlberg. Insgesamt blickt Beck optimistisch in die Zukunft, nach seinem Urteil wird in den einzelnen Vereinen überwiegend gute Arbeit geleistet. Er unterstrich die Bedeutung der Streuobstwiesen für "unsere Kulturlandschaft" und beklagte gleichzeitig die nach wie vor "sehr unbefriedigenden" Erlöse aus dem Obstanbau.

Die vielen Kilometer Albtrauf stellen nicht nur eine große landschaftliche Schönheit dar, der Albtrauf ist auch das größte Obstanbaugebiet in ganz Europa. Das stellte Markus Zehnder fest, Fachberater im Zollernalbkreis, der mit einem Lichtbildervortrag über die "Sortenvielfalt in Streuobstwiesen" informierte. Der Schwerpunkt seines Vortrags lag auf den Sorten, ohne deshalb die Ökologie zu vernachlässigen. Die Streuobstwiesen sind nach seiner Kenntnis "die artenreichsten Lebensräume, die wir kennen".

Markus Zehnder zeigte den Jahresablauf anhand der verschiedenen Gestalten eines Baumes. Gleichzeitig schärfte er den Blick dafür, was einem Baum gut tut und was ihm schadet. So zum Beispiel brach er eine Lanze für den Mäusebussard, denn nur der Bussard verhindere ein Überhandnehmen der schädlichen Wühlmäuse. Intensiv befasste er sich mit der bedrohten Sortenvielfalt. Die Bedrohung Nummer eins stellten die Baumaßnahmen dar. Anhand von verschiedenen alten Luftaufnahmen demonstrierte er, wie neue Ortsteile Streuobstwiesen verdrängen. Bereits jetzt seien viele alte Sorten verloren gegangen. Schon die Namen dieser Sorten sind Kosmos für sich. Da ging es um die "Gelbe Wadelbirne" oder die "Wilde Eierbirne", um den "Eisbruckenapfel" oder den "Rottenburger Sämling". Angesichts der schwierigen Absatzlage erhob sich für ihn die Frage: Was tun? Seine Antwort: "Das A und O ist der Most".

In den Grußworten wurde eine Reihe von Aspekten angesprochen. Kohlbergs Bürgermeister Frank Buß bekannte sich zu einem ausgeprägten "Stolz auf die Landschaft, die wir haben". Sie könne auch erhalten werden ohne überzogenen Landschaftsschutz. MdB Michael Hennrich würdigte die Obstanbauer in ihrer Eigenschaft als Landschaftspfleger. Landratsstellvertreter Matthias Berg unterstrich die Wichtigkeit der Fachwarteausbildung in einer immer komplizierter werdenden Welt. Willi Held, der Vorsitzende des Vereins von Kohlberg-Kappishäusern rief die Gründung seines Vereins im Jahre 1926 ins Gedächtnis.

Albrecht Schützinger, der Fachberater für den gesamten Kreis ist, erinnerte an das im letzten Jahr viel zu trockene Wetter und die Notwendigkeit, den Bäumen auch die ihnen gebührende Pflege angedeihen zu lassen. Bei den Pflanzenschutzmitteln sei es unerlässlich, sich ständig informiert zu halten. die Rechtsprechung erzwinge das.

Die mit jeder Hauptversammlung einher gehenden Regularien waren rasch abgehandelt. Schriftführerin Ursula Kerner aus Dettingen erinnerte an die Aktivitäten des vergangenen Jahres und an das Programm. Rechnerin Bärbel Weber aus Bissingen skizzierte die finanzielle Lage des Verbandes. Auf Antrag von Kassenprüfer Hermann Ludwig erfolgte die Entlastung der Rechnerin. Für die Entlastung des Gesamtvorstandes sorgte Herbert Müller vom Landesverband.

Der stellvertretende Vorsitzende Wolfgang Beck konnte eine Ehrung vornehmen: Die Landesverbandsehrennadel in Gold erhielt Rolf Übele aus Jesingen für über 30-jährige Tätigkeit als Schriftführer im Kreisobstbauverband. Wolfgang Beck war es auch, der das Schlusswort sprach, unter besonderer Anerkennung der Bewirtung durch den örtlichen Verein. Ort der nächsten Hauptversammlung des Kreisobstbauverbandes ist Bissingen.