Lokales

Glocken als "kriegswichtiges Material" konfisziert

Es war ein bildhafter Streifzug durch Dettingens Geschichte im vergangenen Jahrhundert und ein virtueller Rundgang um die Sankt-Georgs-Kirche. Quasi als "Zweiteiler" war eine Veranstaltung des Vereins "Forum Altern" angelegt. Die Familie um Karl Oesterle und Mesnerin Eva Lauk skizzierten anschaulich Geschichte und Geschichten und ließen die Ortschronik aufschlussreich wieder erleben.

MANFRED GAISER

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DETTINGEN Karl Oesterle gilt in der Dettinger Umgebung als Hobbyhistoriker schlechthin. Der ehemalige Bauhandwerker hat sich seit den einprägsamen Kriegserlebnissen unter der Teck den geschichtlichen Begebenheiten seiner Heimat gewidmet und eine gewaltige Phalanx an Dokumenten aufgezeichnet und gesichert. Im Rahmen eines Dia-Vortrags beim Verein "Forum Altern" im Gemeindehaus "Im Pfarrgarten" konnte er daher Bildmaterial präsentieren, das zum überwiegenden Teil der Bevölkerung noch nie zugänglich war.

Der Bildervortrag umfasste im wesentlichen die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Aufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der 20. April 1945 war nun mal der Schicksalstag des Bauerndorfs: Durch den Fliegerangriff ab etwa 16 Uhr wurden über 100 Gebäude zerstört. Darunter das Rathaus, der ehemalige Adelssitz "Schlößle" und auch die Kirche. Schon im Ersten Weltkrieg, erzählte Karl Oesterle und belegte es beim Vortrag mit Bildmaterial, sei die "Große Glocke" aus dem Jahr 1515 zu Kriegszwecken deportiert und eingeschmolzen worden. Immerhin eine Rarität mit stolzen 35 Zentnern. Genauso seien die Zinnpfeifen der Orgel als "kriegswichtiges Material" konfisziert worden. Die Ersatzglocke wurde am 23. August 1926 und von Hand im Beisein des damaligen Schultheißen Gustav Kaltenbach in den Turm gehievt.

Doch der Friede war den Dettingern nur eine kurze Zeit vergönnt: Lediglich zwei Jagdbomber legten 1945 das halbe Dorf in Schutt und Asche. Auch die Kirche brannte lichterloh. Die Orgel von Hans Rüdiger aus Tübingen (1769), das Chorgestühl aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und die wertvolle Barockkanzel wurden ein Raub der Flammen. Pfarrer Eugen Marstaller wagte sich durch das brennende Kirchenschiff noch in die Sakristei und konnte wichtige Elemente des Tafelgeschirrs retten: Taufteller, Kanne, Hostienteller und den gotischen Abendmahlskelch.

Das Bildmaterial aus dem Archiv von Karl Oesterle zeigte die verheerenden Spuren des Angriffs auf Dettingen, bewies aber auch den unerschütterlichen Willen der Bürger, den Ort an der Lauter wieder aufzubauen. Das Rathaus war bereits seit dem 12. November 1948 neu erstellt, als am 19. Juni 1951 unter Beteiligung aller Vereine und Schulklassen das Richtfest des Kirchturms gefeiert wurde. Einen Tag später wurden die vier Glocken nachdem sie für eine Kollekte durch die gesamte Gemeinde kutschiert worden waren in die Turmstube gebracht. Zwei Glocken waren Neugüsse; die beiden anderen kamen vom so genannten "Glockenfriedhof" aus Hamburg. Requiriertes Kriegsmaterial oder eben "Leihglocken": Glogau war einst die Heimat der aus dem Jahre 1717 stammenden Glocke mit mehreren Stifternamen, und aus Gerbersdorf-Greifenhagen kam das kleinere Pendant mit Namen und Wappen.

Die Bildchronik zeigte auch den Turmhahn mit Ovalkugel, die vom Kupferschmied Albert Wall gestaltet wurde. In Pose stolz darauf der dreijährige Filius Hans-Jörg, der selbst 1988 den Turmaufsatz restaurieren durfte. Wer allerdings dem vergoldeten "Vieh" im Verlauf der Zeit einige Einschusslöcher mit größerem Kaliber verpasst hat, ist bis heute nicht geklärt.

Der Theorie folgte beim Verein "Forum Altern" die Praxis: Mit einem Ortstermin zwei Tage später ging es rund um den Kirchturm und in die Kirche. Neben Oesterle fachkundig dabei die Mesnerin der evangelischen Sankt-Georgs-Kirche, Eva Lauk. Dettingen hatte im Verlauf der Zeit vier Pfarrhäuser. Doch manche waren so marode, dass sie heute nicht mehr stehen. Klagte doch schon anno 1551 ein Geistlicher über den "schlechten Zustand" seines Domizils nördlich der Friedrichsstraße. Doch das Lamentieren hatte offensichtlich Tradition. Denn bereits ein Vorgänger quengelte im Jahr 1487 über einen anderen, 1454 errichteten Bau. Ein altes Pfarrhaus in der Kirchgasse aus dem 30-jährigen Krieg ist heute Wohnhaus. Im Eckbalken sind noch die Daten eingekerbt. Der Geistliche hatte sich aus Sicherheitsgründen seinerzeit nach Kirchheim abgesetzt.

Die Kirche selbst war einst eine Wehr- und Schutzkirche (um 1269/1295) mit einem Mauerdurchmesser im Turm von 1,75 Meter bei einer Schnittlänge von rund sechseinhalb Metern. Der Turm misst stattliche 48,30 Meter, und der "Finger in den Himmel" mit rheinischem Schiefer gedeckt beinhaltet seit dem Jahr 1444 die Glockenstube mit einem Geläut von rund drei Tonnen. 1465 wurden die Sakristei und der Chor angebaut.

Nach dem Bildmaterial war die Dettinger Kirche ein nobles Gotteshaus mit Barock-Interieur, einem gotischen Chor mit zeittypischem Kreuzrippengewölbe und geschichtlich wertvollen Grabplatten einiger Ortsadeliger am Außengemäuer. Reinhard von Bol (1316) oder Volmar Spet (1463) waren verewigt. Die Grabrelikte hatten den Feuersturm überstanden, wurden allerdings beim Wiederaufbau in Fahrlässigkeit zerschlagen.

Der Heilige Georg, Schutzpatron der Kirche und im Schlussstein im gotischen Chor verewigt, wurde nach dem Krieg durch das Lamm als Zeichen der Demut ersetzt. Doch der Drache, mit dem der Heilige zu tun hatte, ist nach wie vor in der Kirche verewigt: Als Holzschnitzerei ist er auf beiden Seiten der ersten Empore auszumachen.