Lokales

Glocken auf dem Kelterplatz gegossen

Neidlingen hat wieder zwei bronzene, wohlklingende Rathausglocken. Am Wochenende konnten die Neidlinger Bürgerinnen und Bürger sowie zahlreiche Zuschauer ein außergewöhnliches Ereignis erleben. Auf dem Kelterplatz wurden die beiden neuen Glocken für das Rathaus nach historischer Handwerkskunst gegossen.

RENATE SCHATTEL

Anzeige

NEIDLINGEN Bruder Michael und sein Gehilfe Sven Schneider von der Benediktinerabtei Maria Laach waren mit den in der dortigen Glockengießerei hergestellten Formen nach Neidlingen gereist, um die Glocken vor Ort in die Formen zu gießen.

Das geschichtsträchtige Ereignis wurde durch den Einsatz aller Vereine würdig umrahmt. Die Vereine und Bürger von Neidlingen waren es auch, die durch Spenden den Austausch der wenig wohltönenden Nachkriegsglocken durch die neuen Bronzeglocken ermöglicht hatten. Bürgermeister Rolf Kammerlander hatte sich die Chance nicht entgehen lassen, dieses einmalige Ereignis in den Ort zu holen. Und die Neidlinger Handwerker waren es, die durch ihren fachmännischen Einsatz eine Katastrophe verhinderten, denn der Ölbrenner versagte mitten im Schmelzprozess plötzlich seinen Dienst. Erst ein Heizungsbauer konnte den vom Regen geschädigten Brenner wieder flott machen. Auf dem Kelterplatz standen in Lehm gebettet zwei große Behälter. In den Formenkasten gruben Bruder Michael und sein Gehilfe die in Maria Laach hergestellten Formen ein, um einen stabilen Guss zu erreichen. Im Schmelzofen erhitzten die Glockengießer funkenstiebend die Bronze-Zinn-Legierung auf 1150 Grad mittels des rasch reparierten Ölbrenners. Durch den technischen Defekt verzögerte sich der Schmelzprozess, ließ aber die Spannung auf das Ereignis umso mehr steigen. Immer wieder rührte der nicht aus der Ruhe zu bringende Bruder Michael im Schmelztiegel die aus 78 Teilen Kupfer und 22 Teilen Zinn bestehende Legierung und machte schließlich einen Probeguss. Um zu prüfen, ob die Metallmischung ausgewogen war, musste er die Probe zerbrechen und die Bruchstelle in Augenschein nehmen. Jetzt befand er Legierung und Temperatur im idealen Zustand für den Guss. Bürgermeister Kammerlander rezitierte nun in seiner Ansprache Auszüge aus dem Lied von der Glocke von Friedrich Schiller und wies auf die Bedeutung der Glocken hin. Das 1761 erbaute Rathaus mit seiner Uhr sei ein Baudenkmal der besonderen Art. Die ursprünglich dazugehörigen Glocken waren 1942 im Rahmen der Sammlung von Nichteisenmetallen abgenommen und eingeschmolzen worden. 1952 erhielt das Rathaus eine Stahlglocke, die zumindest das Schlagen der Uhr wieder erlaubte. Erst im Zuge der Rathaussanierung 2004/2005 sei es durch Spenden der Vereine und Bürgerinnen und Bürgern möglich geworden, mit neuen wohlklingenden Bronzeglocken die historische Uhr zu komplettieren.

"Glocken sind Zeugen der Zeit und der Menschen in der Zeit, in der sie entstanden sind", erklärte der Verwaltungschef. Für die Gemeinde sei die Inschrift wichtig. Die Worte: "Glaube, Liebe, Hoffnung, Frieden, Einigkeit, Recht und Freiheit", die auf der großen Glocke stehen, seien die tragenden Säulen der christlichen und bürgerlichen Gesellschaft. Die Inschrift: "Nutze den Tag" auf der kleinen Glocke mahne an, dass die Lebenszeit auf Erden gemessen an der Ewigkeit kurz sei. Bürgermeister Kammerlander wünschte, dass die Glocken vielen Generationen Leitbild für ein friedvolles Miteinander seien. Gerade das neue Geläut beweise, dass auch eine kleine Gemeinde viel erreichen könne, wenn alle mitwirkten.

Anschließend sprach Pfarrer Adam ein Gebet und leitete so die Stille ein, die die Glockengießer zur Konzentration brauchten. Sie entfernten die Abdeckung des Schmelzofens, stellten den Brenner ab und begannen die siedendheiße Bronzemasse in die Formen zu füllen. "Jetzt fällt ein erster Stein vom Herzen", bemerkte Bruder Michael nach dem Guss, "die Formen haben gehalten und es hat keine Explosion gegeben." Mit dem Kirchenlied "Großer Gott wir loben dich" gingen die Zuschauer auseinander, um die Glocken über Nacht auskühlen zu lassen.

Voller Spannung trafen Zuschauer, Stadtverwaltung, Vereine und die beiden Glockengießer am gestrigen Sonntag wieder am Kelterplatz ein. Bruder Michael selbst war sehr gespannt, ob der Guss gelungen war, denn das Risiko für Unwägbarkeiten, wie das Hochdrücken der Bronzemasse, sei sehr groß. Nicht umsonst lautete ein englisches Sprichwort, "der ist überrascht wie ein Glockengießer". Die Überraschung in Neidlingen war eine durchaus positive. Nachdem der Bagger den Stahlkasten mit dem Lehm entfernt hatte, klopften Sven Schneider und sein Meister den Mantel auf und hoben ihn von den Glocken ab. Nun sahen die Zuschauer zum ersten Mal die rundum perfekt gegossenen Glocken mit Inschriften und Ortswappen, allerdings in noch erheblich rußigem Zustand. "Eine Glocke zu enthüllen ist wie die Geburt eines Kindes, das muss man auch zuerst saubermachen", erklärte Bruder Michael. Nachdem der immer noch heiße Kern der Glocken, bestehend aus Ziegelsteinen und Lehm, herausgeschlagen worden war, hängte Helfer Schneider die beiden "neugeborenen" Glocken an die Baggerschaufel und der Posaunenchor stimmte musikalisch auf den zu erwartenden harmonischen Glockenklang ein.

Bürgermeister Kammerlander und Sohn versetzten daraufhin die beiden Glocken mit einer Holzlatte in Schwingungen und jedermann konnte den glockenreinen Klang vernehmen. Meister Michael war so weit zufrieden mit dem Ergebnis und Bürgermeister Kammerlander wünschte sich für die Ortsgemeinschaft eben soviel Harmonie wie das neue Glockengeläut aussendet.