Lokales

Gottesdienst auf dem Rummelplatz

Zum zehnten Mal erhielten Schausteller auf dem Märzenmarkt Gottes Segen

Kirchheim. Menschen sind auf den Beinen. Mit Besen fegen sie die Laufwege blank. Bunte Schaubuden bauen sich nebeneinander auf und in den Pfützen des niedergegangenen Regens spiegeln sich die Gondeln des Riesenrads.

daniela haussmann

Ganz allmählich kehrt auf dem Kirchheimer Ziegelwasen Leben ein. Von der regen Betriebsamkeit, die das alljährliche Treiben auf dem Märzenmarkt bestimmt, ist am Samstag gegen halb eins mittags noch nichts zu spüren. Noch sind die Läden der Süßwarenverkäufer geschlossen. Nur an der Losbude wiegen sich braune, weiße, gelbe und rote Plüschtiere im Wind. Die ersten Kinder sind bereits da und turnen auf dem Geländer beim Autoscooter herum. Einige von ihnen haben sich in die Boxautos gesetzt. Sie können es kaum erwarten, in die Pedale zu drücken, um ihre Runden unterm Dach der Schaustellerbude zu drehen.

Doch die Halbwüchsigen müssen sich gedulden. Jetzt wird ein Gottesdienst abgehalten. Tische und Bänke werden herbei getragen. Pfarrer Wolf Peter Bonnet hat Brot und Traubensaft mitgebracht. Für den evangelischen Gemeindepfarrer aus Lindorf ist es sein zweiter Schaustellergottesdienst. Aus einem kleinen dunklen Koffer zieht der Theologe sein schwarzes Pfarrgewand. Der Pastor erinnert sich, als sein katholischer Kollege, Winfried Hierlemann, ihn auf den Gottesdienst der etwas anderen Art ansprach. „Ach du liebe Zeit“, dachte der Theologe damals. Doch heute kann er sich seine Pfarrtätigkeit nicht mehr ohne den Gottesdienst im Schaustellerzelt vorstellen. Der Lindorfer Kirchenmann hat Einblicke in das Leben der fahrenden Leute erhalten und damit auch in ihre Sorgen und Nöte. „Es ist ganz wichtig, dort Gottesdienst zu feiern, wo das Leben pulsiert, warum also nicht auch auf dem Rummel?“ fragt Bonnet rhetorisch. „Das ist eine alte kirchliche Tradition, in der wir uns hier bewegen.“

Ebenso wie für Wolf Peter Bonnet sind auch für Winfried Hierlemann, von Maria Königin, die Predigten unter freiem Himmel etwas ganz besonderes. Insbesondere beim diesjährigen Märzenmarkt, denn vor genau zehn Jahren wurde durch den katholischen Glaubensmann und die Schaustellerinnen Anna Schubert und Marion Franck, der Gottesdienst unterm Dach des Autoscooter ins Leben gerufen. „Für uns beginnt auf dem Ziegelwasen immer die Saison. Von hier aus geht es weiter aufs Stuttgarter Frühlingsfest“, erzählen die beiden Frauen, während rund 40 Gläubige auf den Bierbänken Platz nehmen. „Im Zeichen dieses ersten Gottesdienstes starten wir in die Saison, die bis Dezember geht.“ Unter seinem Zeichen stehen für sie die bevorstehenden Monate bei den Reisen von einem Ort zum anderen. Auch auf dem Frühlingsfest und all den anderen Volksfesten und Jahrmärkten empfangen die fahrenden Leute den Segen Gottes.

Pfarrer, die sich der Schaustellerseelsorge widmen, reisen übers Jahr zu den Festplätzen, auf denen Kinder in Festzelten getauft oder Ehen geschlossen werden, erzählt Marion Franck mit einem sympathischen Lächeln. „Um in die Kirche zu gehen, dafür fehlt die Zeit“, sagt die Frau mit der roten Daunenjacke und dem blonden Haar. „Deshalb gibt es die Schaustellerseelsorge. Auch wir haben unsere Wehwehchen und Probleme, über die man sich austauschen muss.“ Generell spielt aus ihrer Sicht die Religion mit den Werten, die sie vermittelt, im Leben der Fahrenden eine wichtige Rolle. Mesner Günter Irtel breitet das Tuch auf jenem Holztisch aus, der als Altar dient. Danach zündet er die beiden weißen Kerzen an, die er an seinen Enden aufstellt. Doch der Wind bläst sie immer wieder aus. Auch aus den umliegenden Häusern kommen die Menschen zum Autoscooter, um am Gottesdienst teilzunehmen. Das macht für Wolf Peter Bonnet die Predigten auf dem Märzenmarkt spannend: „Es kommen viele unterschiedliche Menschen. Sie gilt es mit dem Wort zu erreichen und damit auch Brücken zwischen ihnen zu bauen.“

Der erste Segen im Schaustellerjahr ist für Marion Franck ein Höhepunkt. Etwas, das sie mit auf die Reise nimmt. Deshalb bindet sie während des gemeinsamen Gebets die Sorgen und Wünsche aller Kollegen, die ein Jahrmarktvergnügen betreiben, in den Gottesdienst ein. Die Frage nach den Menschen die kommen oder wegbleiben, die Bedenken um das Wetter, die Suche nach dem Sonnenschein oder das Unfallrisiko bei den Fahrten von Fest zu Fest sind Gedanken, die hinter dem munteren Treiben auf dem Rummel stehen und den Alltag der Fahrgeschäfte-Betreiber, der Schießbuden-Besitzer, der Loseverkäufer oder der Gastronomen prägen. Für sie ist das Motto „Ein himmlisches Vergnügen“, unter dem der zehnte Gottesdienst auf dem Märzenmarkt steht, etwas Zwiespältiges.

Winfried Hierlemann möchte mit der Wahl dieses Leitspruchs bewusst machen, dass der Spaß, die Heiterkeit und Freude auf den Rummelplätzen von der harten Arbeit der Gewerbetreibenden lebt. „Ein himmlisches Vergnügen ist das Schaustellerdasein beileibe nicht“, sagt Imbissbetreiber Peter Ahrend. „Wer arbeitet schon täglich sechzehn Stunden und das an sieben Tage in der Woche. Mit dem Auf- und Abbau, bei Wind und Wetter und mit den nicht vorhersehbaren Umsätzen?“ Da müsse man hineingeboren sein, stellt der 41-Jährige aus Bissingen fest. Ansonsten könne man mit den Begleitumständen, die sprichwörtlich in Gottes Hand liegen, nur schwerlich umgehen. Oft genug denkt Marion Franck: „Lieber Gott hilf! Was sollen wir tun?“ Ein christliches Miteinander ist den Schaustellenden daher wichtig. „Der Zusammenhalt ist wegen des wechselhaften Lebens viel intensiver. Jeder ist auf jeden angewiesen und man hilft sich deshalb gegenseitig“, weiß Anna Schubert.

Inzwischen drängen Groß und Klein auf den Rummelplatz am ZIegelwasen. In interessanten Nuancen trägt der Wind den Geruch des Frittierfettes über den Märzenmarkt, an dessen Ende sich gegen halb zwei die ersten Karusselle drehen und Kinder mit Bällen versuchen, aufgestapelte Büchsen zu treffen.

Die beiden Theologen verabschieden sich und freuen sich schon jetzt auf den nächsten Gottesdienst unterm Dach des Autoscooter, wo die Halbwüchsigen nun ihre Runden drehen.

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