Lokales

Grauen erregende Gestalten lebten in der Stadtbücherei auf

Mögen Bibliothekare landläufig als introvertierte Bücherwürmer gelten, so belehrte der Heidenheimer Bibliothekar Klaus-Peter Preußger das geneigte, zahlreich erschienene Publikum am

RENATE SCHATTEL

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Freitagabend im Vortragssaal der Stadtbücherei eines Besseren, ja er lehrte geradezu das Fürchten.

"Unheimliches vor Mitternacht" hieß die zweite Veranstaltung im Sommerprogramm der Stadtbücherei und Vorleser Preußger hatte eine bemerkenswert elektrisierende Auswahl an Gruselgeschichten mitgebracht. Da der gelernte Bibliothekar aber nicht nur literaturkundig, sondern auch der Schauspielkunst in allen Facetten mächtig ist, so lebten die Grauen erregenden, schauderhaften Gestalten in den Erzählungen förmlich auf, standen plötzlich da und ließen das Publikum erschaudern. Stimmungsvoll und musikalisch perfekt umrahmt wurde die unheimliche Sitzung vom Saxofon-Quartett sasso suono mit Christoph Neuman am Sopran-Saxofon, Michael Attinger, Alt, Axel Ernst, Tenor und Melanie Kapp, Bariton.

Der "Pink Panther" führte dann lässig und ungeheuer cool zur ersten Geschichte. Etwas überreizt waren die Nerven des Dieners. Was ihn besonders an dem alten Mann missfiel war das eine Auge, das wasserblaue Auge mit einem Häutchen darüber, das wie ein Geierauge starrte. Das Auge missfiel ihm so sehr, dass er ihn umbringen musste. Edgar Allen Poe beschrieb in "Das verräterische Herz" minutiös sämtliche Gedanken und Empfindungen, die den Mörder bei seiner Tat bewegten. Und Klaus-Peter Preußger schlüpfte in seine Rolle, sprach mit morbider Stimme, schwenkte zu der selbstgefälligen Art des Übeltäters über, wurde süffisant und ein wenig verrückt. Da pochte in der Folge nicht nur das Herz des armen Opfers mit dem Geierauge immer lauter, Herzklopfen war auch im Saal der Stadtbücherei unmissverständlich zu vernehmen.

Erst als sasso suono den Titel "Sumertime" wohltönend erklingen ließ, beruhigten sich die Gemüter wieder etwas, um sofort in erneute Spannung versetzt zu werden. "Der Liebestunnel" von Robert Bloch geriet Marco zum Verhängnis. Der Liebestunnel war ein harmloses Vergnügen auf dem Rummel. Mit kleinen Booten konnten ihn Liebespaare auf einem flachen Wasserband durchfahren und allerlei beleuchtete Figuren betrachten. Kentern konnte niemand eigentlich. Marco war der Pächter des Liebestunnels und hatte den letzten Abend der letzten Saison noch nicht vergessen. Es geschah, wo sonst, im Tunnel. Aber was hatte nun Dolores, seine neue Freundin damit zu tun? Vorleser Preußger brachte die verschleierten, drohenden Gedanken mit den ständig wechselnden Stimmungen unaufdringlich zum Ausdruck. In den Dialogen von Marco und Dolores charakterisierte er stimmlich die beiden eindrücklich. Dass nach dem Unglück im Tunnel Dolores nichts mehr sprach und überhaupt neben Marco im Boot jemand anderes, eiskaltes, nasses saß, ließ die geneigte Zuhörerschaft nachgerade leichenblass in die Pause gehen, wo es einen "Liebestunneldrink" zur Nervenberuhigung gab.

Mit der Filmmusik aus "Coktail für eine Leiche" stimmte sasso suono passend auf die nächste fantastische Schauergeschichte ein. "Miriam" von Truman Capote beschreibt das unauffällige, unausgefüllte Leben der 61-jährigen Mrs. Miller, der eines Tages Miriam begegnet. Miriam ist ein zehnjähriges, exzentrisches Mädchen von durchscheinender Schönheit, das sich bei Mrs. Miller einquartiert. Aber: existiert Miriam wirklich oder ist sie ein Geisterbild in Mrs. Millers eigener dunkler Seele? Auch hier überzeugte Klaus-Peter Preußger durch die individuell gestalteten Dialoge, aber auch dadurch, dass er die dichte Atmosphäre sprecherisch spannend wiederzugeben wusste.

Nach einem schwermütigen Tango, von sasso suono schön düster wiedergegeben, las der Heidenheimer Bibliothekar zum Grauen erregenden Abschluss "Der Tod eines Massenmörders" von Ernst Wilhelm Heine. Dass sich "Masse" nicht auf Menschen bezieht, sondern auf gefräßige Insekten, wurde dem Mann zum Verhängnis. Wohlig erregt, mit bebenden Beinen, ging die schaudernd-dankbare Zuhörerschaft auf ihren nach diesem Abend nicht ganz geheuren Heimweg.