Lokales

"Grenzenlose" Abwasserbeseitigung

Ein zukunftsweisendes Projekt ist in die Tat umgesetzt worden. Die öffentlich-rechtliche Vereinbarung zum Mischwasseranschluss der Gemeinde Grabenstetten an die Sammelkläranlage Oberlenningen ist von den drei beteiligten Bürgermeistern gestern unterzeichnet worden.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Fast schon symbolisch ging es gestern auf der Alb und im Tal zu: Am kürzesten Tag des Jahres herrschte ungewohnte, grenzüberschreitende Einigkeit, einhergehend mit Kompromissbereitschaft und Tatkraft. Grabenstetten, das 1660 Einwohner zählende Albdorf, das nicht nur im Landkreis Reutlingen liegt sondern auch noch zum Regierungspräsidium Tübingen gehört, lässt sein Abwasser ab sofort in Lenningen, Landkreis Esslingen, Regierungspräsdidium Stuttgart, klären.

Verwaltungsstrukturen sind geradlinig und klar definiert. Um so erstaunlicher ist es, dass es nun drei Gemeinden, samt übergeordneter Behörden geschafft haben, zum Wohle aller über den eigenen Kirchturm hinwegzuschauen. "Dies ist eine weitblickende Entscheidung, insbesondere von Grabenstetten", zollte Lenningens Bürgermeister Schlecht allen Beteiligten Respekt, einschließlich der Gemeinderäte.

Die 1963 erbaute Grabenstetter Kläranlage ist in die Jahre gekommen, die Erweiterung Mitte der 80er entsprach ebenfalls nicht mehr dem Stand der Zeit und so musste eine mutige Entscheidung getroffen werden. Hauptauslöser für die Umstrukturierung ist jedoch das schwere Hochwasser im August 2002. Die Anlage konnte damals der Wasser- und Abwassermassen nicht Herr werden, die Fallleitung riss nicht zum erstenmal mitten im Hang und das ungeklärte Wasser stürzte den Berg in Richtung Schlattstall hinunter ins Wasserschutzgebiet. Der Protest Lenningens war somit vorprogrammiert.

Lange Zeit stieß Lenningen in Grabenstetten mit seiner Beschwerde auf taube Ohren. Mit dem neuen Bürgermeister Harald Steidl kam jedoch Schwung in die Sache. Der Gemeinderat in Grabenstetten suchte von sieben Alternativen nach der wirtschaftlichsten Lösung. Die Kriterien waren schnell klar: kurze Wege und möglichst wenig Höhenunterschiede. Den Verwaltungsgrenzen zum Trotz lag deshalb die Lösung nicht Richtung Römerstein, sondern Richtung Lenningen.

Auf einer Länge von 3,7 Kilometern wird nun das Abwasser von der Grabenstetter Kläranlage bis zum Übergangsschacht in Hochwang gepumpt, ehe es dann in einer Fallleitung ins Schmaltal hinabsaust und in der Kläranlage Oberlenningen zu klarem Wasser umgewandelt wird. Bis zum höchsten Punkt müssen die Pumpen mit vier Bar Druck das Grabenstetter Dreckwasser bis zu 38 Meter hoch befördern. "Dank dieser Lösung konnten wir auf Hochleistungspumpen verzichten, die weit mehr Energie verbraucht hätten", erklärte Harald Steidl.

Seit September hat sich die Fräße durch den Albboden gearbeitet. "An manchen Tagen kam man 200 Meter voran, an manchen ging gar nichts, weil das Gestein auf gut schwäbisch gesagt bockelhart war", beschrieb der Schultes aus Grabenstetten die Situation. Maximal 14 Liter pro Sekunde können nun durch die16 Zentimeter starke Leitung fließen. Im Probelauf, der seit rund 14 Tagen problemlos funktioniert, sind es sieben Liter pro Sekunde.

Vertrauen in die Verhandlungspartner war die entscheidende Säule für Harald Steidl. "Damit haben wir das Projekt in sicheres Wasser geleitet", freut er sich. Er musste die einen oder anderen Bedenken bei seinen Gemeinderäte ausräumen, da die Selbstständigkeit in diesem Sektor aufgegeben werden musste. Ähnlich erging es auch seinen Amtskollegen in Lenningen und Erkenbrechtsweiler. "Es ist nicht alles gleich auf Zustimmung gestoßen. Die Frage bei uns in Erkenbrechtsweiler lautete, ob wir noch Entwicklungsmöglichkeiten in Bezug auf Baugebiete haben", sagte Roman Weiß. Seine Gemeinde ist an die Kläranlage in Oberlenningen angeschlossen und die Frage der Kapazität interessierte auch die Lenninger Gemeinderäte brennend. Als alles zur Zufriedenheit aller berechnet wurde, kam schließlich von allen drei Seiten das Okay für den neuen Anschluss.

"Das war eine Steilvorlage. Wenn wir vor Ort schon zusammenarbeiten, wollten wohl auch die übergeordneten Behörden ihr Bestes tun. Es ist nicht üblich, so über Verwaltungsgrenzen hinweg zu arbeiten, meist ist es eine Mauer", verdeutlichte Michael Schlecht die Dimension dieses Projekts. Diesen Ball nahm Gerhard Wolf, leitender Baudirektor beim Regierungspräsidium Tübungen, auf. "Dies war die sinnvollste Lösung. Man muss in den Köpfen über Grenzen hinwegspringen können, denn schließlich macht das Lebensgut Wasser an den Markungsgrenzen auch nicht Halt", erklärte er.

Der erste Bauabschnitt der Umstrukturierung der Abwasserbeseitigung kostet Grabenstetten die stolze Summe von rund 1,2 Millionen Euro. Entlastung erfährt die Albgemeinde dank eines Zuschusses von über 700 000 Euro. An den Betriebkosten werden die drei Kommunen anteilsmäßig beteiligt: auf Grabenstetten entfallen 22 Prozent, auf Erkenbrechtsweiler 30 Prozent und auf Lenningen der Rest von 48 Prozent.

Im nächsten Schritt wird nun das Regenüberlaufbecken (RÜB) in Grabenstetten mit modernster Technik ausgebaut. Das offene Becken wird einen Retentionsbodenfilter haben, der aus mehreren Schichten besteht, darunter beispielsweise kleine Steine und Erde. Zudem soll das RÜB auch mit Schilf bewachsen sein. Nach menschlichem Ermessen dürfte Schlattstall nach der Realisierung dieser Maßnahme in Zukunft von unliebsamen Überraschungen von oben verschont bleiben.