Lokales

„Griff unser Held zum Größenwahn“

Gymnasiasten lesen im Max-Eyth-Haus Texte von einstmals verfemten und verfolgten Schriftstellern

Zum Jahrestag am 10. Mai hat der Kirchheimer Literaturbeirat wieder eine Lesung zum Gedenken an die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen im Jahr 1933 veranstaltet. Wet­terbedingt ging es erstmals ins Max-Eyth-Haus statt wie sonst unter die Rathausarkaden. Am Lesepult standen dieses Mal Schülerinnen und Schüler des Schlossgymnasiums.

Andreas Volz

Kirchheim. Zunächst gab Jonathan Prinz einen Überblick über die historischen Zusammenhänge: In einer groß angelegten Aktion mit dem Namen „Wider den undeutschen Geist“ hatten die Machthaber veranlasst, dass im Mai 1933 in vielen deutschen Städten Scheiterhaufen für Bücher errichtet wurden. Den größten Bekanntheitsgrad dürfte die Bücherverbrennung in Berlin erlangt haben. Bilder, die zwischen der Einleitung und der eigentlichen Lesung unkommentiert an die Wand geworfen wurden, zeigten außer historischen Aufnahmen, Buchtiteln und Aufrufen auch ein Foto vom unterirdischen Mahnmal, das heute am Berliner Bebelplatz mit seinen leeren Bücherregalen an das grausige Geschehen erinnert. Wie grausig Bücherverbrennungen letztlich sind, verdeutlichte Jonathan Prinz durch Heinrich Heines prophetische Worte von 1821, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Bücherverbrennungen und der Verbrennung von Menschen herstellen.

Das Motto der Lesung war der Beginn des zweiten „Feuerspruchs“: Mit der Begründung, „gegen Dekadenz und moralischen Zerfall“ vorgehen zu wollen, waren vor 77 Jahren unter anderem Bücher von Heinrich Mann und Erich Kästner verbrannt worden. Dass Heinrich Mann nicht ins NS-Konzept passte, machte ein kurzer Auszug aus seinem Roman „Der Untertan“ deutlich. Diederich Heßling hält als neuer Firmenpatriarch eine Ansprache und sagt unter anderem: „Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere ich.“ Diese Sätzen zitieren nicht nur die verhängnisvolle Rhetorik Kaiser Wilhelms II., sondern weisen auch voraus auf Hitlers Totalitarismus.

„Dekadenz und moralischen Zerfall“, wie sie in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg – in Zeiten der Inflation und der Massenarbeitslosigkeit – mitunter vorherrschten, beschreibt Erich Kästner in seinem 1931 erschienenen Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“. In dem Ausschnitt, der im Max-Eyth-Haus vorgelesen wurde, geht es um das unmoralische Angebot eines Ehemanns an den Titelhelden, als Dienstleister für das vertraglich geregelte Fremdgehen der Ehefrau einzuspringen. Was die Nationalsozialisten hier nicht voneinander trennten, das war die Darstellung extremer Situationen einerseits und die Einstellung dazu andererseits. Denn natürlich ging es Kästner keinesfalls darum, eine lockere Sexualmoral zu verherrlichen oder gar zu propagieren. Außerdem lehnt Jakob Fabian das großzügige Angebot im Roman dankend ab.

Weitere Romantexte, die bei der Gedenklesung vorgetragen wurden, stammten aus Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ oder aus Ernest Hemingways „In einem anderen Land“. In beiden Fällen wird der Erste Weltkrieg literarisch verarbeitet – aber eben ausgesprochen kritisch. Negative Töne über den Krieg, dem sie selbst ja von Anfang an zustrebten, konnten die braunen Machthaber aber nicht gebrauchen. Noch weniger hätte ihnen wohl Hemingways Originaltitel behagt: „A Farewell to Arms“. Wer demzufolge bereit ist, „den Waffen Lebewohl“ zu sagen, gibt schließlich ein Vorbild für Deserteure ab.

Flucht in die Krankheit als Flucht vor dem Krieg beschreibt auch Oskar Maria Graf in seinem Roman „Wir sind Gefangene“. In einer Szene aus Irmgard Keuns „Gilgi – eine von uns“ wurde die unreflektierte Kriegerverehrung auf die Schippe genommen, und in Rahel Sanzaras Roman „Das verlorene Kind“ ging es dann um ein sehr ernstes Thema, mit dem sich die Literatur aus nationalsozialistischer Sicht ebenfalls nicht hätte auseinandersetzen dürfen: um den Sexualmord an einem vierjährigen Mädchen.

Auch Sachbücher waren 1933 verbrannt worden. Folgerichtig lasen die Gymnasiasten deshalb einen Text von Sigmund Freud über die Verdrängung sowie einen Ausschnitt aus Siegfried Kracauers Buch „Die Angestellten“. Anhand der Hierarchien in größeren Unternehmen beschrieb Kracauer 1930 letztlich auch, wie Befehl und Gehorsam dazu beitragen konnten, dass der Apparat des NS-Staats funktionierte. – Ein Text ganz eigener Art war Else Lasker-Schülers „Die Bäume unter sich“, in dem Pflanzen vermenschlicht sind. Eine ältere und größere Linde scheint der neben ihr stehenden „Tochter“ ständig zuzurufen: „Halt‘ dich gerade“. Interessanterweise dürfte dieses Leitbild zur Erziehung sowohl von den Nationalsozialisten als auch von ihren Gegnern befürwortet worden sein – in unterschiedlicher Auslegung.

Zur Auflockerung während der Lesung dienten Gedichte von Tucholsky, Brecht, Ringelnatz, Kästner und Kafka. In dem Gedicht „Fußball (nebst Abart und Ausartung)“ nimmt Joachim Ringelnatz parabolisch den nationalsozialistischen Hang zur Weltherrschaft vorweg: „Als alles dies getan / Griff unser Held zum Größenwahn.“ Auch das Ende Hitler-Deutschlands sagt der Text gewissermaßen voraus: Am Schluss hat der „Held“ „sich selbst verpufft“, sodass dem Erzähler nur folgendes Fazit bleibt: „Ich warne euch, ihr Brüder Jahns, / Vor dem Gebrauch des Fußballwahns!“

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