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"Grünschnäbel und Graubärte" unter einem Dach

Das vormals klassische Jugendhaus "Linde" in Kirchheim mausert sich zum anerkannten Mehrgenerationenhaus. "Grünschnäbel und Graubärte" unter einem Dach, das fand in Berlin die Zustimmung von Familien- ministerin Ursula von der Leyen.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Sowohl der Geschäftsführer des Kreisjugendrings Esslingen KJR, Kurt Spätling, als auch "Linde"-Jugendhausleiter Matthias Altwasser hatten schon nicht mehr so recht daran geglaubt, vom Bundesfamilienministerium bedacht zu werden. Nach der ersten Ausschreibung das Bundesministerium wollte in jedem Landkreis der Republik ein Mehrgenerationenhaus unterstützen erhielt Esslingen-Pliensau den Zuschlag. Die "Linde" ging zunächst leer aus. Doch bei der zweiten Ausschreibung kamen die Kirchheimer im Nachrückverfahren mit ihrer Konzeption zum Zuge und ließen die Korken knallen.

Fünf Jahre lang fließen Jahr für Jahr 40 000 Euro ins KJR-Säckel für das Kirchheimer Mehrgenerationenhaus "Linde". "Das wird sehr genau kontrolliert und wir sind als KJR in der Pflicht zu zeigen, was man in Zukunft in der Linde anders machen kann", sagte KJR-Geschäftsführer Kurt Spätling bei der gestrigen Pressekonferenz. Für ihn ist das Mehrgenerationenhaus "eine der Fortschreibungen moderner Jugendarbeit" und so neu nicht. "Wir haben mit der Zehntscheuer in Deizisau, in der ebenfalls mehrere Generationen gemeinsam ihre Freizeit verbringen, sehr gute Erfahrungen gemacht."

Um das Kirchheimer Mehrgenerationenhaus "Linde" mit Leben zu füllen, entwickelte das Jugendhausteam gemeinsam mit den KJR-Verantwortlichen eine Konzeption, bestehend aus 25 Modulen, die ineinander greifen. "Unser Ansatz ist es, Wege und Plattformen zu schaffen, mit anderen Generationen ins Gespräch zu kommen," sagte Matthias Altwasser und wollte die "Linde" als "großen Marktplatz" verstanden wissen, auf dem sich jeder informieren und eine Nische finden könne.

So versteht er das Haus für Jung und Alt als ein "Gemeinschaftshaus, ein Bildungshaus, ein Kulturhaus, ein Kinderhaus, ein Haus für Jugendliche und für die Senioren".

Bereits seit drei Jahren arbeitet Altwasser mit seinem zwölfköpfigen Team und rund 60 ehrenamtlichen Jugendlichen an der Umwandlung des zweitgrößten Jugendhauses im Landkreis zum Haus der Generationen. Einige Module aus der Konzeption gibt es schon. "Der Brief der Ministerin setzte unserer Arbeit sozusagen das Sahnehäubchen auf", freute sich der Leiter des neuen Mehrgenerationenhauses.

25 Module ein KonzeptDoch wie sieht die Konzeption aus? Da gibt es für jedermann zugänglich einen Infoladen als "virtuellen Marktplatz", der von den Aktiven im Haus gepflegt wird. Ein weiteres Projekt, das diesem Block angehört, ist der Kompaktinfoladen, der als Anlaufstelle für alle Bürgerinnen und Bürger gedacht ist, die Räume für Familienfeste suchen oder auch Ferienjobs, Haushaltshilfen und Kinderbetreuungsmöglichkeiten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Ein weiteres Modul im Mehrgenerationenhaus ist der Familienblock. Dazu gehört, dass sich Väter, Söhne und Großväter in der "Linde" zum Kickerturnier treffen. In diesen Block reihte Matthias Altwasser aber auch eine Veranstaltung ein, die bereits jetzt schon ein absoluter Renner ist: "Oma liest" Kindern Geschichten vor.

Das Gründerinnen-Netzwerk, das Jugendperspektivprojekt Rückenwind, "Mädchen Firm gemacht" und die Ausbildungsbörse zählen zum Berufsblock.

Für die Senioren will die "Linde" von Montag bis Freitag von 9 bis 13 Uhr einen Treffpunkt in der Teckstadt zum geselligen Zusammensein bieten. Daran können auch gerne "Gastarbeiter" der ersten Generation teilnehmen. Bistro und Mittagstisch sorgen dabei für die Verpflegung. Dieser Seniorenblock geht nahtlos in einen weiteren, den Mehrgenerationenblock, über. Nach dem Motto "Essen nicht vergessen" gehört zu diesem die Mittagstafel nicht nur für Singles, sondern auch für Menschen, die durch den Tod ihres Partners weder eine Ansprechperson noch eine Gelegenheit dazu haben, ihr Essen in einer Gemeinschaft einzunehmen. Die "Werte-Allee", und "Lebenslinien" sind weitere Projekte in diesem Modul. Auch die Mehrgenerative Theater-AG zählt dazu. Jung und Alt böte sich hier die Gelegenheit, Themen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld spielerisch um- und sich dabei mit dem Blickwinkel der verschiedenen beteiligten Generationen auseinanderzusetzen.

"Es gibt in der Region Stuttgart kein mit dem Mehrgenerationenhaus Linde vergleichbares Projekt", versicherte die Landtagsabgeordnete Brigitte Lösch, die vor 20 Jahren selbst als pädagogische Mitarbeiterin im Jugendhaus Kirchheim arbeitete. "Damals haben wir das Jugendhaus für Kinder geöffnet. Die Öffnung für ältere Menschen jetzt birgt große Chancen, deren Wissen für Junge nutzbar zu machen."

Sowohl Kurt Spätling als auch Matthias Altwasser wissen, dass es "noch große Skepsis" gegen ein Mehrgenerationenhaus "Linde" in Kirchheim gibt und sicher noch einige Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Vor drei Jahren ernteten die beiden mit ihrer Konzeption zunächst nur Hohn und Spott im Ratsrund der Teckstadt. Allerdings sei dann doch noch aus dem anfänglichen Kopfschütteln ein zustimmendes Kopfnicken geworden.

"Jetzt wurde das Mehrgenerationenhaus Linde von Berlin geadelt, was unsere Projekte erheblich beschleunigen wird", war der KJR-Geschäftsführer guter Hoffnung.