Lokales

Gurtmuffel und Handy-Quassler

Außerplanmäßige Kontrollaktion des Polizeireviers Kirchheim: Laxe Handhabung der Gurtpflicht

Erstmals gab es auf den Straßen Baden-Württembergs wieder mehr Verkehrstote. Von 163 tödlich Verunglückten waren 30 ohne Gurt unterwegs. In einer speziellen Aktion nahmen die Beamten vom Revier Kirchheim gestern deshalb besonders die Anschnall-Muffel ins Visier.

Kirchheim. Ein Gurt kann Leben retten. Das lernt jeder Fahrschüler, wenn er seinen „Lappen“ macht. Doch im Alltag ist es mit der Gurtmoral nicht weit her. „Ich wollte ja nur schnell einkaufen“, entschuldigt sich eine ältere Dame, die dem Kontrollposten in Wernau ins Netz gegangen ist. Ohne Gurt war sie mit ihrem Opel unterwegs. Markus Handte, Dienstgruppenleiter beim Revier Kirchheim, kann ob dieser nur zu oft vorgebrachten Entschuldigung nur den Kopf schütteln. „Wer sich nicht anschnallt, setzt sein Leben aufs Spiel“, sagt er klipp und klar. Und das gilt nicht nur bei der Fahrt über die Autobahn, sondern auch für die Tour zum Bäcker um die Ecke.

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30 Euro kostet die Dame ihre Nachlässigkeit. Beim Knöllchen allein belassen es die Beamten an diesem Tag allerdings nicht. Jeder der fünf Beamten, die hier heute die Autofahrer ermahnen, an die eigene Sicherheit zu denken, kennt eine Geschichte, die es in sich hat. Zum Beispiel Bernd Eitle: Seit 35 Jahren ist er Polizist. Sein Schlüsselerlebnis war ein Unfall aus Tagen, als Gurte noch neu in den Autos waren: „Da hat einer mit dem Kopf in der Windschutzscheibe gesteckt“, erinnert sich der erfahrene Beamte noch heute an den Crash. Seither fährt auch er niemals ohne.

Wieder knackt das Funkgerät: dieses Mal ist den beiden Kollegen, die ein paar Meter weiter vorne in einem Zivil-Fahrzeug den Verkehr genau beobachten, ein Fahrer mit Handy am Ohr aufgefallen. Er wird ebenfalls rausgewinkt und gibt den Verstoß auch gleich zu. „Der Chef hat angerufen“, entschuldigt sich der Handwerker, der nun nicht nur um 40 Euro ärmer ist, sondern auch noch einen Punkt mehr in Flensburg auf dem Konto hat. „Der Verordnungsgeber ist hier klipp und klar: Wer das Handy aufnimmt, begeht einen Verstoß“, sagt Handte. Also auch, wer nur mal eben den Anruf wegdrückt. Grund: Die Ablenkung – auch nur für den kurzen Blick aufs Gerät, ist zu groß. Der Handwerker ist einsichtig und verspricht Besserung.

Der nächste Verkehrssünder ist weniger einsichtig. Ihn haben die Polizisten im Zivilfahrzeug ohne Gurt gesehen. Als er am Überwachungswagen rausgewinkt wird, hat er den Gurt um – und bestreitet vehement, ohne Gurt unterwegs gewesen zu sein. Doch die Kollegin ist sich sicher, hat nicht nur den Fahrzeugtyp und das Nummernschild, sondern auch die Kleidung des Fahrers genau notiert. Legt der nun Widerspruch gegen die Verwarnung ein, wird sie zusammen mit ihrem Kollegen vor dem Amtsgericht gegen den Mann aussagen.

Wenig Chancen hat da auch die Fahrerin eines roten Fiat, die beim telefonieren erwischt wird. „Linke Hand, linkes Ohr“, schallt es aus dem Funkgerät – und die Frau gibt klein bei. Auch hier gibt es einen Punkt und einen Bußgeldbescheid über 40 Euro. Im Rahmen der Kontrolle steht für das Team um Polizeihauptkommissar Handte aber das verkehrserzieherische Gespräch im Vordergrund, das an die Einsicht der Autofahrer appelliert. Und so bekommt die Frau noch die Geschichte von der 18-Jährigen mit auf den Weg, die nur kurz per Handy ihrer Chefin sagen wollte, dass sie etwas später kommt. „Das Gespräch riss ab, weil die Fahrerin beim Telefonieren in einer leichten Rechtskurve in den Gegenverkehr geriet. Sie ist wenig später unter einem Lkw verstorben“, sagt Handte.

Bei einem Transporter, der ebenfalls wegen seines nicht angeschnallten Fahrers auffällt, bemängelt Eitle noch mangelnde Ladungssicherung. „Klar überprüfen wir im Rahmen solcher Schwerpunktaktionen auch andere Dinge“, sagt Hand­te. Führerschein und Fahrzeugdaten werden im Überwachungswagen abgeglichen. Immer öfter geraten dabei Fahrzeuge ins Visier der Beamten, die keinen Versicherungsschutz mehr haben. Auch dies ist für den Hauptkommissar ein wichtiger Punkt. Denn wenn im Falle eines Falles keine Versicherung für den Schaden einsteht, ist der Schaden – nicht nur für den Unfallgegner – groß.

Nach anderthalb Stunden bläst der Dienstgruppenleiter die Kontroll­aktion ab. Zum Schluss sind nur noch wenige Fahrer auffällig geworden. „Vermutlich kam ein Hinweis in einem der privaten Radiosender“, vermutet Handte. Insgesamt neun Gurtpflichtverstöße und vier Handy-Vergehen sind die Bilanz der Kontrolle, die im Anschluss im regulären Streifendienst noch im gesamten Gebiet des Kirchheimer Polizeireviers fortgeführt wurde.