Lokales

Gut für Tourismus, Landwirtschaft und Wirtschaft

Man kann den Schutz der Natur auf zwei Arten versuchen: Behördlich von oben, wie bei der Diskussion um Vogelschutzgebiete am Albrand. Oder, indem man die betroffenen Gemeinden gut informiert und engagiert um deren Beteiligung "von unten" wirbt, wie beim geplanten Biosphärengebiet. Ein überzeugender Hauptakteur ist Wolf Hammann, Leiter der Abteilung Umwelt im Regierungspräsidium Tübingen. Er war zu Gast im Neidlinger Gemeinderat.

PETER DIETRICH

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NEIDLINGEN "Es ist ein Projekt, das Jahrzehnte halten soll", ließ Hamann keinen Zweifel an seiner langfristigen Perspektive. Zu derzeit bundesweit 14 Biosphärengebieten soll ein neues hinzukommen, das Biosphärengebiet Schwäbische Alb, das sich in Nord-Süd-Richtung von Weilheim bis Zwiefalten erstreckt. Der Startschuss für das Projekt fiel, als auf dem Truppenübungsplatz der Bundeswehr bei Münsingen der letzte Schuss längst gefallen war: 6700 Hektar an einmaliger, nicht parzellierter Landschaft sollten nach Schließung des Platzes erhalten bleiben. Über 70 000 Hektar soll das Biosphärengebiet Schwäbische Alb umfassen, alle beteiligten Gemeinden sind freiwillig dabei.

Damit das Biosphärengebiet durch die UNESCO offiziell anerkannt wird, sind bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen. So müssen mindestens drei Prozent zur Kernzone gehören. "In ihr hat der Mensch praktisch nichts zu suchen", erläuterte Hammann, "wenn, dann nur als Besucher, nicht zur Nutzung." Auch ein Teil des Neidlinger Waldes war ursprünglich als Kernzone vorgesehen, dies lehnte die Gemeinde jedoch bislang ab, da sie um ihre Holznutzung fürchtet. Die Pflegezone hingegen, zu der nach jetziger Planung rund 40 Prozent der Fläche gehören, erlaubt eine landwirtschaftliche Nutzung, nur bei der Intensivlandwirtschaft gibt es Grenzen. Die restlichen Flächen im Biosphärengebiet gehören zur Entwicklungszone, zu ihr können auch Verkehrs- und Siedlungsflächen gehören.

Hammann hofft, dass durch das neue Biosphärengebiet ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den Gemeinden entsteht, quer über die Landkreisgrenzen hinweg. Er erwartet eine Förderung von Landwirtschaft und Tourismus. Die knapper werdenden staatlichen Fördermittel für den ländlichen Raum, für Naturschutz und Direktvermarktung, würden sich künftig an den Biosphärengebieten orientieren. Daher sei ein Beitritt für die Neidlinger eine Chance zum Anzapfen von Fördermitteln. Der Clou: Weil bis ins Jahr 2010 das Land und später anteilig der Landkreis Esslingen für die Verwaltungskosten des Biosphärengebiets aufkämen, entstünden der Gemeinde im Gegenzug keinerlei Kosten. Da es beim Biosphärengebiet besonders um die Förderung regenerativer Energien gehe, profitiere auch das örtliche Handwerk davon.

Wie ein in Richtung Weilheim geöffnetes U würde sich die Pflegezone nach derzeitiger Planung rund um Neidlingen legen. Schon jetzt ist die Gemeinde von Natur- und Landschaftsschutzgebieten umgeben.

Ob sich der derzeitige Schutzstatus dieser Gebiete durch das Biosphärengebiet verschärfen würde, wollte der Gemeinderat von Hammann wissen. Nein, meinte dieser, denn der Schutz der Pflegezone entspreche dem bisherigen Landschaftsschutz-, nicht dem strengeren Naturschutzgebiet. Neue, bisher nicht unter Landschaftsschutzgebiet enthaltene Gebiete, seien in der Neidlinger Pflegezone bisher nicht enthalten. Er ermunterte die Gemeinde jedoch, mit einer größeren Pflegezone beizutreten, und für einen Teil des Waldes als Kernzone stellte er lange Übergangsfristen in Aussicht.

"Wenn wir die Pflegezone ausweiten möchten, müssen wir die Bevölkerung einbeziehen", betonte Bürgermeister Rolf Kammerlander. Ganz im Sinne des Biosphärengebiets, lebt dieses doch klar von der Beteiligung von unten.