Lokales

"Guter Service für Menschen mit Behinderungen"

Ob ein Betrieb behindertenfreundlich ist, hängt nicht nur vom ebenerdigen Zugang oder einer geeigneten Toilette ab. Entscheidend sind auch ein guter Service und die nötige persönliche Aufmerksamkeit. Anhand dieser Kriterien wurden beim Wettbewerb "unbehindert miteinander" Siegel vergeben. Zwei Kirchheimer Gastronomie-Betriebe gehören zu den Prämierten.

PETER DIETRICH

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KREIS ESSLINGEN 160 Hotels, Gaststätten und Einzelhandelsbetriebe aus ganz Baden-Württemberg wurden jetzt beim Wettbewerb "unbehindert miteinander" ausgezeichnet, sechs davon im Landkreis Esslingen.

Mit dem Hotel Restaurant "Zum Fuchsen" und dem Wirtshaus am alten Wollmarkt dürfen auch zwei Kirchheimer Betriebe ab sofort mit dem "unbehindert miteinander" Siegel werben. Dasselbe gilt auch für den Gasthof Ochsen in Aichwald, die Gaststätte Waldheim in Esslingen-Zollberg, das Hotel Restaurant Lamm in Ostfildern und das Café Morlock in Plochingen. Sie alle wurden für ihren "guten Service für Menschen mit Behinderungen" ausgezeichnet. Der Wettbewerb wurde gemeinsam vom Diakonischen Werk Württemberg, dem Hotel- und Gaststättenverband Baden-Württemberg DEHOGA, dem Einzelhandelsverband Baden-Württemberg und der Lebenshilfe Baden-Württemberg ausgerichtet. Die Bewerber um das bundesweit einmalige Siegel legten in einem Schreiben dar, was sie für behinderte Gäste tun. Später wurde jeder Betrieb anonym von einer Gruppe behinderter Menschen überprüft. Fast alle Wettbewerbsteilnehmer nahmen ihre Bewerbung sehr ernst, nur drei Bewerbungen wurden abgelehnt.

"Schade, dass man zuerst so eine Aktion machen muss", meint Heiko Harbort, Wirt beim Kirchheimer Wirtshaus am alten Wollmarkt. Denn es gehe doch um ein ganz normales Miteinander: "Eigentlich bräuchte ich keine Plakette und Urkunde, es sollte selbstverständlich sein."

Schon während seiner Lehrzeit kümmerte sich Harbort als Kinderbetreuer auch um behinderte Kinder, erlebte diese ebenfalls als Zivildienstleistender beim Deutschen Roten Kreuz. Heute hat er immer wieder Gäste von der Lebenshilfe oder dem Aktionskreis Behinderte. Er weiß wohl um seine hinderlichen Treppen am Eingang doch auch, dass mit der Frage "Wo kann ich anpacken?" und beherztem Zugreifen vieles Ruck-Zuck erledigt ist. Die Speisekarte vorlesen, jemanden zur Toilette begleiten oder einen blinden Gast zum Ausgang führen, das seien Selbstverständlichkeiten. Auch seine Angestellten gingen gut damit um, lobt Harbort, der mögliche Hemmschwellen gut kennt. Wichtig ist ihm, behinderte Gäste nicht zu separieren und in irgendeiner Ecke zu platzieren. "Sie gehören mitten hinein ins Leben", meint er.

Außerdem habe er sich gewundert, dass nur zwei Kirchheimer Betriebe beim Wettbewerb dabei waren. Aber es sei gut, dass durch ihn andere Leute ebenfalls "angestupft" würden. Obwohl er sie nicht unbedingt gebraucht hätte, freut sich der Wirt über die Auszeichnung: "Sie ist ein Fest wert" dabei denkt er natürlich an eines mit seinen behinderten Stammgästen.

Auch Geschäftsführerin Inge Kübler vom Kirchheimer Hotel Restaurant "Zum Fuchsen" ist sehr sensibel für die Bedürfnisse behinderter Gäste. Für sie ist es selbstverständlich, auch behinderte Gäste entscheiden zu lassen, wo sie sich wohlfühlen und wo sie sitzen möchten. "Ältere Gäste wollen eher in eine nette Ecke", beobachtet sie, bei jüngeren Behinderten sei dies anders. Im Gebäude sei alles ebenerdig oder per Aufzug zugänglich. Gerne schneide die Küche einem Gast das Fleisch vor, denn "es ist doch netter für die Partner, wenn sie zusammen warm essen können". Ein weiblicher Stammgast bekomme mehrmals wöchentlich die Speisekarte vorgelesen und erläutert, dabei wachse dann der Appetit. "Es ist uns sehr wichtig, uns viel Zeit zu nehmen, das nötige Gefühl einzubringen, wir besprechen das deshalb auch mit unseren Mitarbeitern."

Inge Kübler freut sich, wenn es behinderten Gästen so gut gefallen hat, dass sie ihr Restaurant anschließend weiterempfehlen. Auch das Hotel sei auf behinderte Gäste eingestellt, biete zum Beispiel Zimmer mit befahrbaren Duschen an. Vom Prüfungsbesuch einer Gruppe anlässlich des Wettbewerbs hat Kübler denn auch nichts mitbekommen, er fiel gar nicht auf dazu sind Gäste mit verschiedenen Behinderungen im Fuchsen viel zu normal.

Im ebenerdig zugänglichen Hotel Restaurant Lamm in Ostfildern-Scharnhausen ist die Bestuhlung sehr großzügig. Sie bietet Platz für Rollstuhl und Kinderwagen gleichermaßen. "Eine Familie mit einem kleinen Kind hat die gleichen Bedürfnisse wie ein Rollstuhlfahrer", betonen die Geschäftsführer Heike Gehrung-Kauderer und Hans-Ulrich Kauderer. Zwei der Hotelzimmer sind behindertenfreundlich ausgestattet doch so, dass sich auch Nichtbehinderte darin wohlfühlen.

Akribisch trug die Rezeptionsleiterin Claudia Henzen die Daten für den umfangreichen Wettbewerbsfragebogen zusammen, die bis zur exakten Sitzhöhe der WC-Schüsseln reichten. "Es gibt hier keine Unterschiede, es sind alles Gäste". Deshalb hätten sie ein offenes Ohr für Sonderwünsche, sagen die Kauderers. Dies gelte auch dann, wenn jemand Allergien habe oder glutenfreies Essen benötige.

Sehr gerne haben sich auch die Pächter Isabella und Alexander Koutny von der Gaststätte Waldheim auf dem Esslinger Zollberg beim Wettbewerb "unbehindert miteinander" beworben. Alle zwei Wochen kommt eine Gruppe an Multiple-Sklerose erkrankter Menschen zu ihnen. Bereits vor einigen Jahren baute die TSG Waldheim Esslingen 1898 ihre Gaststätte behindertengerecht um, größtenteils in Eigenarbeit. Seitdem ermöglichen zwei Auffahrrampen auch Rollstuhlfahrern den Zugang zu Terrasse und Gaststätte, eine behindertengerechte Toilette wurde ebenfalls geschaffen. "Auf guten Service kommt es an", bekräftigen jedoch die Pächter, und präsentieren als Beispiel ihre Extraausgabe der Speisekarte in Großbuchstaben. "Wer mit den Händen Probleme habe, dem schneiden wir das Essen in der Küche gerne vor und servieren es gabelgerecht auf dem Teller", ergänzen sie.

Für Wirtin Martina Greiner vom Gasthof und Metzgerei Ochsen in Aichwald-Aichelberg sind behinderte Gäste ganz normal. Immer wieder genießen Besucher aus der nahen Diakonie Stetten bei ihr den schönen Ausblick über das Remstal. Dass die behindertengerechte Toilette fehlt, bedauert sie, möchte dies durch aufmerksamen Service ausgleichen. Manchmal sei sie unsicher: "Darf ich den Strohhalm ins Glas tun, oder lege ich ihn besser daneben, weil der Gast dies selber tun kann?" Deshalb sei sie froh, wenn behinderte Gäste ihre Wünsche offen äußern.

Bei ihren Stammgästen hingegen wisse sie bereits, wer seine Speisen klein geschnitten benötige. Manches, worauf behinderte Gäste angewiesen seien, erfreue durchaus auch andere. Wer lasse sich zum Beispiel nicht gerne einen Wein persönlich empfehlen, statt mühsam die Karte zu studieren?

Beim Café Morlock auf dem Plochinger Stumpenhof ist der Behindertenparkplatz direkt vor dem Eingang. Die Außenanlagen sind barrierefrei, Rollstuhlfahrer können sich auch innen im Café gut bewegen. Immer wieder und gerne empfängt Inhaberin Sabine Morlock Gäste mit verschiedenen Handicaps. Einziges Handicap ihres Cafés: Die Toiletten im Untergeschoss sind leider nur über ziemlich steile Treppen zu erreichen. Doch die Bewertungen der Testgruppe, die das Café anonym besuchte, waren durchweg positiv. Obwohl sich die Gäste ihre Kuchen sonst an der Theke selbst aussuchen, seien sie bedient worden, lobte die Gruppe.

Auch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des Bedienpersonals wurden im Bericht positiv bewertet. So empfahl die Gruppe, auch dieses Café für seinen "guten Service für Menschen mit Behinderungen" auszuzeichnen.