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"Gutmenschen"gibt es nicht Zum Leserbrief ...

"Gutmenschen"gibt es nicht

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Zum Leserbrief von Herrn Thilo Rose am 30. 12. 05 im Teckboten "Wo bleibt der Aufschrei der Gutmenschen?"

Froh bin ich, dass Herr Rose in seinem Leserbrief nicht nur von "Gutmenschen" spricht: Ich kenne niemand, der sich so nennt oder so angesprochen werden will.

Als ein Vertreter des AK Asyl, der als "Flüchtlingshilfeorganisation" angesprochen ist, erlaube ich mir jedoch folgende Anmerkungen: Es gibt in Deutschland keine "unkontrollierte Zuwanderung", wie Herr Rose behauptet: Um die Zuwanderung zu kontrollieren, gibt es unter anderem ein Zuwanderungsgesetz. Die Zahl der Asylbewerber etwa ist seit Jahren stark rückläufig. Das ist das Ergebnis kontrollierter Zuwanderung.

Die Aufnahme und Begleitung von Flüchtlingen kostet zunächst Geld. Auch da gebe ich Herrn Rose recht. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass das Gemeinwesen, in dem ich lebe, für diese Aufgabe eines Rechtsstaates Geld aufbringt.

Flüchtlingsorganisationen fordern nicht allgemein ein "dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland" für Flüchtlinge. Es handelt sich um eine begrenzte Zahl von Menschen, für die sie sich einsetzen. Und das liegt nicht allein an den begrenzten menschlichen Kräften.

Die Sorge des Herrn Rose um Sozialsysteme und Staatsfinanzen wird auch von mir geteilt. Auch mich beschwert, dass unter Kürzungen und Streichungen die am meisten leiden, die es ohnehin schwer haben.

Der Schuldzuweisung des Herrn Rose an zuwandernden Menschen, sie seien mitverantwortlich für die Krise der öffentlichen Haushalte, widerspreche ich jedoch aus oben genannten Gründen. Ich widerspreche auch, weil diese Schuldzuweisung zu allzu einfachen wie auch verhängnisvollen Schlüssen verleitet.

Reimar Krauß

Notzingen, Kirchheimer Straße

Fragwürdige Medienoffensive

Die Absicht, zum ersten Jahreswechsel der neuen Regierungskoalition alle Mitbürger in Deutschland mit einem Appell "Gemeinsam sind wir stärker" aufzurütteln und in die staatsbürgerliche Pflicht zu nehmen mag ja honorig sein. Seither erfolgten solche Aufrufe auch allseits akzeptiert in der Neujahrsansprache des jeweiligen Bundeskanzlers.

Hier eine Zäsur und einen neuen Akzent setzen zu wollen, wäre ja für den Bundesbürger durchaus noch nachvollziehbar. Warum dies aber in einer megalomanisch wirkenden ganzseitigen Anzeige mit einem bis zur Unkenntlichkeit aufgehübschten Porträt der Bundeskanzlerin erfolgen muss, bleibt das Geheimnis der Verantwortlichen für die Pressearbeit der Bundesregierung. Es ist möglicherweise auch illusorisch, zu glauben, dass eine großformatige Anzeige ihren Zweck besser erfüllt und mehr Leser erreicht als ein geschickt im redaktionellen Teil der Zeitung platzierter Bericht zum selben Thema.

Dazu kommt, dass die vier inhaltlichen Schwerpunkte des Offenen Briefes "Für mehr Arbeit", "Für nötige Reformen", "Für mehr Wachstum", "Für eine bessere Zukunft" eigentlich von der Sache her nichts Neues bieten, da sie allseits bekannte, seit Jahren verfolgte und doch nie erreichte politische Ziele in Deutschland waren und sind.

Es steht zu vermuten, dass in der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin diesmal audiovisuell eine inhaltlich nur unwesentlich veränderte Botschaft an den Adressaten gebracht wird. Eine solche mediale Redundanz zum Kostenpunkt von nahezu 3 Millionen Euro kann sich ein Staat, der mit 1,5 Billionen in der Kreide steht, der annähernd 5 Millionen Arbeitslose aufweist und zum wiederholten Mal die Erfüllung der EU-Kriterien nicht schaffen wird, eigentlich nicht leisten. Der Betrag wäre gerade um die Weihnachtszeit herum beispielsweise in einem sozialen Projekt für die Ärmsten der Armen weitaus besser aufgehoben gewesen.

Dr. Ernst Kemmner

Kirchheim, Bergstraße

Die Redaktion nimmt eine sachliche Leserzuschrift, die sich auf eine Veröffentlichung in unserer Zeitung bezieht, gerne entgegen. Sie übernimmt dafür aber nur die presserechtliche Verantwortung und behält sich in jedem Fall Kürzungen vor. Leider können handschriftliche Manuskripte nicht berücksichtigt werden. Anonyme Briefe werden nicht veröffentlicht.