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Härtetest im Starkregen

Große Geschäftigkeit herrscht auf der idyllischen Waldlichtung im Dreiländereck Belgien/Niederlande/Deutschland. Gespannt warten "Trosser" aus zahlreichen Nationen auf die besten

IRIS HÄFNER

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Distanzreiter der Welt der erste Vet-Check bei der Weltmeisterschaft in Aachen steht an. Als die ersten Reiter hinter den Bäumen auftauchen, steigt die Spannung: Wer kommt als Erster nach 28 Kilometern ins Ziel? Es ist der Belgier Jacques Amould, dem der schnelle Start jedoch nichts nützt, denn das eigentliche Ziel, das Reitstadion in Aachen, erreicht er wegen Lahmheit seines Pferdes nicht.

Zu den Favoriten zählen auch Melanie und Sabrina Arnold aus Kirchheim mit ihren beiden Arabern Nadira und Madaq. Sie kommen rund zehn Minuten später an. Die Pferde stehen im Mittelpunkt. Der Sattel wird abgenommen, die Muskeln massiert und zur Kühlung reichlich Wasser über den Hals gegossen. In möglichst kurzer Zeit muss der Puls der Tiere auf einen Wert von maximal 64 gesenkt werden, weshalb einige Reiter mehrere hundert Meter vor dem "Vetgate" zur Entlastung des Vierbeiners vom Pferd springen. Die Pulsfrequenz überprüft ein offizieller Tierarzt, der zudem noch die Pferde vortraben lässt, um eine mögliche Lahmheit erkennen zu können. Dieses Missgeschick traf Melanie Arnold nach der dritten Runde, nach rund 90 Kilometern. Ab diesem Zeitpunkt musste die jüngere der Schwestern alleine die Ehre der Familie retten. Dies gelang ihr ohne Zweifel. Sie landete bei 159 Teilnehmern auf Platz elf und kam als beste Deutsche nach 9 Stunden und 48 Minuten reiner Reitzeit ins Ziel.

Wettbewerbe der Distanzreiter auf Weltniveau sind eine tagesfüllende Angelegenheit. Der Start findet in Aachen hinter dem Hauptstadion im Dunkeln um 6 Uhr statt. Manche Reiter haben deshalb Lampen auf ihre Helme montiert, um sich in der fremden Umgebung besser orientieren zu können. Vor dem Massenstart sind viele Vorbereitungen zu treffen. Für Reiter und Helfer klingelt der Wecker meist zwei Stunden früher. Nicht nur die Pferde müssen versorgt und für den Ritt vorbereitet, sondern auch Vorkehrungen für die Regenerationszeiten getroffen werden.

Für die ersten 28 Kilometer in hügeligem Gelände benötigen die Arnold-Schwestern zwei Stunden und elf Minuten. Die gesamte Strecke beträgt 100 Meilen, also 160 Kilometer. Wie beim Marathon ist es wichtig, die Kräfte sinnvoll einzuteilen. Zu beachten ist das Geläuf, also Bodenbeschaffenheit und Streckenverlauf sowie das Klima.

Die erste Kontrolle durch den Tierarzt verläuft für die Kirchheimerinnen problemlos, Kraft schöpfen ist deshalb für die nächste halbe Stunde für Mensch und Tier angesagt. Dann heißt es wieder: Pferd satteln und die nächste Etappe in Angriff nehmen. Die Pferde wissen, um was es geht, sie sind regelrecht heiß auf den Wettkampf und offensichtlich von ihrer bevorstehenden Aufgabe begeistert. Sabrina Arnold kann ihren Madaq am Start kaum zügeln. Er scharrt mit den Hufen und als es immer noch nicht weitergeht, macht er sich extrem flach, sodass der Bauch fast den Boden berührt.

Je mehr Streckenabschnitte bewältigt sind, desto mehr Ausfälle gibt es. Viele Favoriten erwischt es schon nach Phase zwei und drei. Am Ende sind 94 Teilnehmer nicht mehr im Wettbewerb. Lahmheit und metabolische Probleme sind die Hauptursachen. Bei den noch verbliebenen Teilnehmern wird die Pflege intensiver. So gibt es Eisumschläge für die Pferdebeine sowie Massagen für Ross und Reiter. Erfahrene Distanz-Pferde bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Während sie massiert oder die Beine gestreckt bekommen, fressen sie in aller Ruhe Heu, grasen miteinander und schauen gelassen dem hektischen Treiben zu.

Der Tross eines Teams besteht neben Freunden und Familie auch aus Tierärzten und einem Hufschmied. Nach über hundert Kilometern machen sich bei vielen Hufeisen Verschleißerscheinungen bemerkbar, die die Schmiede fachkundig und rasch beheben müssen.

Ab Phase fünf geht es wieder Richtung Aachen. Die beiden letzten tierärztlichen Kontrollen finden in einem Nebenstadion auf dem Turniergelände statt. Wolken ziehen auf und aus Sprühregen wird lang anhaltender Starkregen. Jeder gerittene Kilometer sitzt den Teilnehmern in den Knochen und die Zeit schreitet stetig weiter. Gegen 17 Uhr starten die ersten in die vorletzte Runde, noch insgesamt 40 Kilometer vor Augen. Im Stadion angekommen, erwartet sie ein völlig durchweichter Rasen und nach erfolgtem Check ein schützendes Zeltdach. Doch nach einer halben Stunde heißt es wieder in den Sattel zu steigen und Wind und Wetter zu trotzen. In strömenden Regen aber überglücklich kommt schließlich der Spanier Miguel Vila Ubach um 18.22 Uhr im Hauptstadion als erster ins Ziel. Fast zeitgleich überqueren Virginie Atger und Elodie Le Labourier aus Frankreich rund vier Minuten später die Ziellinie. Um 18.58 Uhr und fast zehn Stunden reiner Reitzeit hat es auch Sabrina Arnold geschafft. Zwischen Zieleinlauf und dem offiziellen Ergebnis haben die Reiter jedoch noch einige bange Minuten zu überstehen. Nur ein gesundes Tier, das weder lahmt noch Stoffwechselprobleme hat, kommt in die Wertung.

Als Team hat sich Deutschland gut geschlagen, es landete auf dem undankbaren vierten Platz hinter Gewinner Frankreich sowie der Schweiz und Portugal. Vom Drittplatzierten trennen Deutschland lediglich 13 Minuten. Pro Nation kommen von vier Mannschaftsmitgliedern die drei besten in die Wertung. Neben Sabrina Arnold waren es Belinda Hitzler und Susanne Kaufmann. Die reine Reitzeit der Teammitglieder wird addiert, Sieger Frankreich kam auf 28 Stunden und 11 Minuten, Deutschland auf 30 Stunden und 51 Minuten. Dass Favoriten wie Spanien, USA oder die arabischen Nationen keine Teamwertung zustande brachten, zeigt die Qualität der deutschen Distanzreiter.

Als letzter Teilnehmer kam übrigens Aslan Mambetov aus Russland um 22.33 Uhr ins Ziel.