Lokales

"Hätte sich niemals gewehrt"

BERND WINCKLER

NÜRTINGEN/STUTTGART Ohne sichtliche Regung nahm der wegen Raubmordes angeklagte 27-jährige Deutsch-Italiener die Aussagen der vorerst letzten Zeugen in diesem Prozess auf. Er selbst hatte zu Beginn des Verfahrens vor der Stuttgarter Schwurgerichtskammer beteuert, dass ihn das Opfer, Ewald P., angegriffen habe und er sich in einer Art Notwehrlage befand, als er zustach. Bei immerhin insgesamt 63 Messerstichen nimmt ihm aber das Gericht diese Version mit Sicherheit nicht ab. Vielmehr wird angenommen, dass P. sterben musste, um den Täter nicht identifizieren zu können.

Unter Tränen berichtete die Witwe, die mit der Familie seit 1988 in Nürtingen lebt, dass ihr Mann neben seiner eigentlichen Arbeit in einem Industriebetrieb nachts noch Taxifahrten machte. Die meisten seiner Fahrgäste habe er gekannt. Er müsse auch den Angeklagten gekannt haben, sagt die 50-Jährige. Am 23. Oktober habe sie ihren Mann beim Verlassen des Hauses zum letzten Mal gesehen. "Er ging zum Bus und hatte etwa 200 Euro in bar dabei, als Wechselgeld für das Taxi." Nach Dienstschluss habe er immer sofort die Taxifahrten aufgenommen.

Ob sie sich vorstellen könne, wie ihr Mann bei einem Raubüberfall überhaupt reagiert? fragt der Richter. Die Antwort kam prompt: "Er würde das Geld hergeben und sich in keiner Weise wehren . . .". Sie habe immer nachts gewartet, bis er wieder nach Hause kommt. An jenem 24. Oktober aber kam statt dem Ehemann die Polizei.

Auch die Schwester des Ermordeten und seine Tochter sowie sein Bruder kannten nach ihren Aussagen Ewald P. nur als einen "sehr freundlichen und fleißigen Menschen". Er sei immer sehr tolerant gewesen, sagt seine heute 30-jährige Tochter "und zu meinen Kindern der allerbeste Opa!" Er sei immer sofort da gewesen, wenn man ihn benötigte.

Dies bestätigte auch ein Fahrgast. Er habe sich in der Tatnacht von ihm per telefonischer Vorbestellung gegen 22.15 Uhr von einer Veranstaltung nach Hause fahren lassen. Ewald P. sei bei solchen Vorbestellungen immer äußerst pünktlich gewesen, freundlich und entgegenkommend. Der Zeuge kann es immer noch nicht fassen, was geschehen ist.

Am Donnerstag wollen die Richter die letzten Zeugen, darunter auch die Freundin des Beschuldigten, vernehmen. Danach wird der psychiatrische Sachverständige sein Gutachten vortragen, in dem es darum geht, ob der Angeklagte zur Tatzeit unter Drogen stand und daher eventuell nur bedingt schuldfähig sein könnte. Am 10. Juli würden dann nach dem derzeitigen Plan der Schwurgerichtskammer die Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger gehalten, sodass ein mögliches Urteil am 16. Juli verkündet werden könnte.

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