Lokales

Hakenkreuz warf lange Schatten

Beurener Freilichtmuseum zeigt Alltag von Mädchen und Frauen während des Dritten Reiches

Das Freilichtmuseum beleuchtet bis November das Leben von Mädchen und Frauen während des Dritten Reiches. Anhand von Alltagsdingen zeigt es, welche Rolle die weibliche Landbevölkerung unter den Nazis spielen sollte und wie diese damit zurecht kam.

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JOACHIM KRUG

Beuren. Fotos, Schaubilder und Alltagsgegenstände zeigen den Besuchern, wie das Leben von Mädchen und Frauen während des Nationalsozialismus aussah. Die Schau ist Teil des Themas „Dorf unter dem Hakenkreuz“, mit dem sich die sieben Freilichtmuseen in Baden-Württemberg dieses Jahr beschäftigen.

Zu sehen sind ein Kleidungsstück des Bunds Deutscher Mädel, ein Fewa-Waschmittelkarton, den Frauen zur Reinigung von SA- und SS-Uniformen verwendeten oder ein Koffer der Hebamme Anna Stemmler. Die Nationalsozialisten hatten die Geburtshelferin in ihr Meldesystem eingebunden, das darauf ausgerichtet war, erbkranken Nachwuchs zu verhindern.

„Die sieben Freilichtmuseen in Baden-Württemberg widmen sich zu Recht dem Thema ‚Dorf unterm Hakenkreuz‘“, sagte Landrat Heinz Eininger bei der Ausstellungseröffnung am Mittwochabend. Die Forschung dürfe die dunkle Zeit zwischen 1933 bis 1945 nicht ruhen lassen. Gleichwohl hätten sich die Verhältnisse gewandelt: Heute seien starke Kreise und Kommunen die Garanten der Demokratie.

Dennoch betrachtete es der Landrat als Aufgabe der sieben geschichtsverbundenen Museen, sich der Phase anzunehmen. Das Thema passe ins Jahr, da das Land heuer das Grundgesetz feiert. Das Werk, das die Väter der Republik vor 60 Jahren eingeführt haben, gilt als Symbol des Neuanfangs und ist Basis der heutigen Demokratie.

Das Leben von Mädchen und Frauen auf dem Land unterschied sich von dem, das Stadtbewohnerinnen führten. „Hauptaufgabe der Mütter war es, viele Männer zu gebären, die später für das Reich kämpfen“, sagte Steffi Cornelius. Aus dem öffentlichen Leben seien die Frauen weitgehend verdrängt gewesen. Im Mittelpunkt der Ausstellung stünden nicht vom Regime ausgegrenzte Personen wie Jüdinnen oder Widerstandskämpferinnen. Es gehe um den Alltag in der Heimat bis zum Kriegsende: „Wann werden wir endlich wieder Frieden haben?“, frage eine Frau ihren Mann in einem Brief, sagte Cornelius. Diese Frage beschäftigte wahrscheinlich viele Menschen in den letzten Kriegsjahren.

Unterm Strich sei es ein sperriges Thema, das gezeigt werde, sagte die Museumsleiterin. Sie war sich dennoch sicher, dass trotz regionalen Charakters die Exponate ein Bild der „großen“ Politik vermittelten.

Das Wort „Heimat“ hat im Dritten Reich eine neue Bedeutung bekommen. „Leider ist ‚Heimat‘ ideologisiert worden“, sagte die Kulturwissenschaftlerin Dr. Gudrun Silberzahn-Jandt. Aus dem Ort, an dem man zu Hause ist, sei der kämpferische Slogan „Blut und Boden“ geworden. Die Idee der arischen Abstammung hätten die Nazis dazu benutzt, sich vom Judentum abzugrenzen. „Für Hitler waren Juden international und hatten keine Heimat“, sagte Silberzahn-Jandt. Dass die so Stigmatisierten seit über tausend Jahren in Deutschland gelebt hätten und das Land damit längst zur Heimat geworden war, habe diese Sicht ausgeblendet. „Auf unseren heutigen Heimatbegriff fällt der Schatten der Geschichte“, sagte Silberzahn-Jandt. Für sie liegen Heimat und Heimweh dicht beisammen, was lokale Studien aus den 90er-Jahren zeigten.

Der Klarinettenspieler Jochen Feucht und Rainer Frank am Kontrabass setzten „Heimat“ bei der Eröffnung musikalisch um.

INFO

Das Freilichtmuseum vertieft im Laufe der Saison das Thema in Vorträgen. Die Titel lauten: „Liebe im Krieg“, „Verlorene Heimat“, „Grafeneck“, „Die Mechanisierung der Landwirtschaft im Dritten Reich“ und „Widerstand im Nationalsozialismus“.