Lokales

Halb Gelehrte und halb Freigeist

Andrea Hahn und Ulrike Goetz zeichneten ein spannendes Porträt der Schriftstellerin Therese Huber

Kirchheim. Therese Huber ging nicht nur als erste Berufsjournalistin Deutschlands in die Geschichte ein, sondern war auch eine erfolgreiche Schriftstellerin, die viele Erziehungs- und Bildungsromane verfasst hatte.

Anzeige

Patrick TRÖSTER

Die Literaturwissenschaftlerin und Historikerin Andrea Hahn und die Rezitatorin Ulrike Goetz spannten in einem featureartig gehaltenen Vortrag im Max-Eyth-Haus das faszinierende Leben dieser interessanten Persönlichkeit auf.

Es war kaum zu glauben: Der Vortragssaal war tatsächlich bis auf den letzten Platz besetzt. Obwohl die Romane Therese Hubers heute kaum mehr gelesen werden, ist den Schwaben dieser berühmte Name doch noch ein Begriff. 1764 ist Therese Huber als älteste Tochter des Göttinger Altphilologen Gottlob Heyne auf die Welt gekommen.

Mit vielen Zitaten untermauert verstanden es die beiden Referentinnen, manch Erstaunliches aus dem Alltagsleben eines Gelehrtenhaushaltes zu vermitteln und zu zeigen, wie höhere Töchter auf ein Leben als gebildete Mutter, Hausfrau und Haushaltsvorstand vorbereitet wurden. 1785 heiratet Therese Huber mit Georg Forster einen weitgereisten Mann, Abenteurer und Revolutionär, der unter anderem an Cooks Weltumsegelung teilnahm und schließlich Professor im polnischen Wilna wurde.

In der Ehe kriselte es ständig, und in Mainz, wo Georg Forster die Stelle eines Oberbibliothekars antritt, lernt Therese Huber Ludwig Ferdinand Huber kennen – einen Freund Friedrich Schillers. Überhaupt trifft Therese Huber viele Großen ihrer Zeit wie Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried Herder oder Christoph Martin Wieland.

„Der Zufall entdeckte unseren Herzen, wie nahe sie waren“, urteilt Therese Huber über diese Liebe, die sie Ende 1792 dazu bewegt, ihren Mann zu verlassen und mit ihren Kindern in das schweizerische Neuchâtel zu ziehen. Ihr Freund Ludwig Ferdi­nand Huber folgt bald nach,

Therese Huber betreibt die Scheidung, doch diese erübrigt sich, als Georg Forster 1794 gebrochenen Herzens stirbt. Erst 30-jährig entdeckt Therese Huber ihre schriftstellerische Neigung, und beginnt, Romane unter dem Namen ihres neuen Ehemannes bei Cotta, dem Verleger von Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Wilhelm Hauff, zu veröffentlichen.

Fast nebenbei erfährt das interessierte Publikum, dass Therese Huber zehn Kinder zur Welt gebracht hat, von denen allerdings nur vier das Erwachsenenalter erreichten. Andrea Hahn und Ulrike Goetz breiteten aufschlussreich Therese Hubers Leben aus, ließen dabei allerlei Zeitgenossen zu Wort kommen und gaben einen interessanten Einblick in das Alltagsleben dieser Schriftstellerin, die in einer Zeit lebte, als die Auswirkungen der französischen Revolution die Biografien der Menschen prägte.

Eine entscheidende Wende nimmt Therese Hubers Leben, als ihr Mann nach 16 Ehejahren stirbt, und sie alleine mit ihren Romanen ihre vier Kinder und sich selbst durchbringen muss. Nach verschiedenen anderen Stationen kehrt Therese Huber wieder nach Stuttgart zurück, unter anderem um dort von 1816 bis 1823 Cottas berühmtes „Morgenblatt für gebildete Stände“ zu redigieren.

Aus dieser Zeit stammt auch ihr Ruhm in Schwabenland. In Stuttgart wird sie „zur Institution“ und selbst der württembergische König bittet sie zum Gespräch. Im hohen Alter zieht Therese Huber zu ihrer Tochter Luise, die Johann Gottfried Herders Sohn Emil geheiratet hat, nach Bayrisch-Schwaben, Neu-Ulm, Günzburg und schließlich nach Augs­burg, wo sie niemand kennt – wo­rüber sie sich bitter beklagt. 65-jährig stirbt Therese Huber, die jahrelang von Rheuma und Asthma geplagt wurde und fast erblindet war.

Auf der einen Seite schlicht gestaltete Andrea Hahn die moderierenden Zwischentexte, erläuterte Hintergründe, deckte Beziehungen auf, und informierte über Personen im direkten Umkreis von Therese Huber; auf der anderen Seite erhellend, treffend und den Zeitgeist zur Schau stellend, trug Ulrike Goetz Zitate vor aus Briefen und Notizen Therese Hubers, und gab Äußerungen von Zeitgenossen wieder, die ihr nicht immer wohlgesonnen waren.

Die Persönlichkeit dieser „Ausnahmemutter in der Beethoven-Zeit“ wurde durchaus unterschiedlich beurteilt. Friedrich Schiller beschimpfte sie als „schlechte Natur“ während Ludwig Börne sie fast liebevoll „die Morgenblattlaus“ und einen „satirischen Drachen“ hieß.

Viele ihrer Romane, besonders die frühen, tragen autobiografische Züge. Wie diese in die Werke eingebettet werden und auch Kostproben ihrer Prosakunst zu hören, wäre sicherlich noch eine weitere Bereicherung gewesen.

Andrea Hahn und Ulrike Goetz gewährten spannend, geistreich und einfühlsam Einblick in Therese Hubers Bographie, doch die Frage, ob sie auch heute noch eine Romancière von gewissem Rang oder nur noch eine schillernde Ausnahmefrau am Beginn der Emanzipation ihrer Epoche ist, blieb unbeantwortet.