Lokales

"Hand in Hand Hilfe aus einer Hand"

"Menschen, denen das Wasser bis zum Hals steht" (so Dekan Paul Hildebrand), sollen dort offene Arme finden, Hilfe dort für sie bereitstehen, die zielgerichtet und punktgenau ist. Denn sechs Einrichtungen der katholischen Familienhilfe im Dekanat Esslingen-Nürtingen haben in der Nürtinger Werastraße 20 eine neue gemeinsame Heimat: der "Fokus Familie" wurde offiziell eingeweiht.

JÜRGEN GERRMANN

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NÜRTINGEN Unter einem Dach wirken nunmehr die Psychologische Beratungsstelle für Familien-, Erziehungs-, Ehe- und Lebensfragen, die Katholische Familienpflege, die Schwangerschafts- und Alleinerziehendenberatung, das Katholische Jugendreferat und der Bund Deutscher Katholischer Jugend sowie das Katholische Schuldekanat nicht nur nah nebeneinander, sondern auch und vor allem miteinander.

Der Dekan hatte es so ausgedrückt: "Wir wollen Hand in Hand Hilfe aus einer Hand bieten". Den Problemen angemessen. Aufeinander abgestimmt. Zeitnah. Organisationsarm. Und kompetent." Und alle, die nach ihm Grußworte sprachen, ließen keinen Zweifel daran, dass man das den "32 motivierten Mitarbeitern" (Hildebrand) auch ohne jede Bedenken zutraut. Das sah auch Alexander Wessel, der Leiter der Psychologischen Beratungsstelle, so: "Wir haben bisher zusammengearbeitet, aber nun ergeben sich neue Möglichkeiten der Kooperation."

Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart sprach Ordinariatsrätin Dr. Irme Stetter-Karp. Sie wies darauf hin, dass zwischen dem oft so pathetisch in Sonntagsreden beschworenen Wert der Familie und dem tatsächlichen werktäglichen Vorrang für die Familie oft nicht nur Welten, sondern auch viel Verdrängtes liege. Zum Beispiel Kinderarmut: "Jedes achte Kind in Baden-Württemberg ist arm. Und das ist ein Skandal in einer Gesellschaft, die gleichzeitig steigenden Reichtum und steigende Armut produziert." Viele Familien seien (nicht nur deswegen) in einer prekären Situation. Die bedarfsgerechte Unterstützung für ihre Probleme könnten sie nun unter einem Dach finden.

Dass die Gesellschaft einen anderen Weg als den immer wieder beschworenen gegangen sei, stellte Landrat Heinz Eininger an den Anfang seines Grußworts: "Die Rechte und die Selbstverwirklichung standen sehr stark im Vordergrund, auf den Wert der Familie wurde nur in zweiter Linie gesetzt." Das müsse sich ändern. Und daher sei diese Konzentration der Dienste im Sinne einer ganzheitlichen Hilfe für Familien wahrlich zukunftsweisend, und daher könne man zu dieser niederschwelligen Anlaufstelle für Menschen verschiedener Altersstufen und Lebenssituationen nur gratulieren. Dort werde Orientierung gegeben, die für den Zusammenhalt der Gesellschaft sehr wichtig sei.

Dass die Geborgenheit in einer Familie ein wichtiger Faktor für die Bewältigung des Lebens sei, unterstrich Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich. Allerdings habe das Bild der heilen Familie in letzter Zeit immer mehr Risse und Kratzer bekommen: Ehen scheiterten, die Zahl der Alleinerziehenden nehme zu, und "mit der Sorge um den Arbeitsplatz ist für viele der Wunsch nach einem Kind nicht mehr zu vereinbaren." Die Stadt Nürtingen versuche, möglichst viele Entscheidungen am Wohl der Kinder zu orientieren. Es sei wichtig, einen Rahmen dafür zu schaffen, dass Kinder auch das bekämen, was sie brauchten: Nicht dass sie schon von Anfang an ausgeschlossen sind. Heirichs Credo: Statt auszulesen sollte man mindestens genauso stark fördern. "Sonst können wir uns nur noch mit Reparaturen befassen." Das neue Zentrum sei auf jeden Fall ein positives Zeichen für die Zukunft der Familien.