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Handwerkerin statt „Modepüppchen“

Rollentausch im Beruf (8): Tanja Schwenk schätzt am Zimmererhandwerk die Verbundenheit mit der Natur

Handwerkerin statt „Modepüppchen“

Weilheim. „Ich brauche die Unabhängigkeit“, sagt Tanja Schwenk über sich. Dazu gehört der Urlaub mit dem zum Wohnmobil umfunktionierten VW-Bus genauso wie der Beruf der Zimmerin, den die 23-Jährige erlernt. „Wenn nichts mehr

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geht, kann ich mir mit meinen eigenen Händen ein Haus bauen. Ein Dach über dem Kopf ist doch das Wichtigste“, bekräftigt die junge Frau aus Münsingen. „Außerdem ist das Raumklima in einem Holzhaus etwas ganz anderes als in einem Betonbunker.“ Selbstbewusst wuchtet sie die Handkreissäge auf den Balken. Das Sägeblatt taucht kreischend in das Holz ein, Sägemehl stiebt zur Seite und verbreitet in der Werkstatt den Duft von frischem Fichtenholz. Der Umgang mit den nicht ganz ungefährlichen Maschinen schreckt Tanja Schwenk nicht. „Ich habe zwar Respekt davor, aber Angst darf man nicht haben, sonst verkrampft man und dann passiert eher etwas.“

Zimmerin zu werden, kommt nach wie vor nur wenigen Frauen in den Sinn. Ein Abbild sind die aktuellen Zahlen in der überbetrieblichen Ausbildung in Biberach: Von 250 angehenden Zimmerern ist gerade mal gut eine Handvoll weiblich. Dass die fehlende Muskelkraft ein Knackpunkt ist, gibt Tanja Schwenk unumwunden zu. „Kraft und eine Grundkondition muss man mitbringen“, meint sie, denn manche Abbundmaschinen, Handkreissägen oder Balken seien in der Tat schwer. „Aber wenn es gar nicht geht, bitte ich meine Kollegen um Hilfe. Man muss einfach dazu stehen, dass man da mit den Jungs nicht mithalten kann.“ Ansonsten braucht sie den Vergleich nicht zu scheuen. Ihre theoretische Prüfung im November wurde mit einem Preis bedacht, und auch vor dem praktischen Teil im Januar ist ihr nicht bange.

Vorwitzig lugt der Blondschopf unter der schwarzen Schildmütze hervor: „Eigentlich müsste ich ein richtiges Modepüppchen sein, aber typische Weibchen sind nicht mein Fall.“ Hätte die sympathische junge Frau nach dem Abi den vorgezeichneten Weg eingeschlagen, würde sie heute nicht Tag für Tag in eine derbe schwarze Cordhose schlüpfen, sondern wäre in der Modebranche gelandet. Die Familie führt in Münsingen ein Bekleidungsgeschäft für Damen, Herren und Kinder, das bereits seit 166 Jahren ein Begriff ist. Doch statt viel Zeit auf ihr Äußeres zu verwenden, ging Tanja Schwenk schon als Mädchen lieber zu ihren Pferden oder frönte dem Hobby Segelfliegen. „Ich bin auf dem Flugplatz und im Reitstall aufgewachsen. Da habe ich gelernt, Verantwortung für mich und andere zu übernehmen“, sagt die sportliche Frau, die in ihrer Freizeit auch gerne in die Pedale ihres Mountainbikes tritt, klettert und im Winter Ski oder Snowboard fährt. –„Mit der Höhe bin ich vertraut und mit dem Wetter zu leben, gefällt mir.“ Auch das kommt ihr bei der Arbeit entgegen. „Schon krass“ sei es zwar manchmal, im Sommer bei Gluthitze einen Dachstuhl aufzurichten. „Aber das ist eigentlich eine Gewöhnungssache“, wiegelt Tanja Schwenk ab. Und im Winter müsse man sich eben warm anziehen, so die unkomplizierte Haltung.

„Dass ich etwas Handwerkliches machen will, war für mich schon immer klar“, betont die 23-Jährige. Der Naturstoff Holz hat es ihr besonders angetan. Anfangs versuchte sie ihr Glück im Schreinerhandwerk. „Doch da muss man zu genau arbeiten“, meint Tanja Schwenk verschmitzt. Nach dem ersten Lehrjahr und einem Praktikum bei einem Zimmermann hängte sie den Job an den Nagel und fand bei Holzbau Fink in Weilheim einen neuen Lehrbetrieb. „Ich bin hier super aufgenommen worden“, sagt die 23-Jährige. – Wie sie von anderen Frauen weiß, nach wie vor keine Selbstverständlichkeit.

Tanja Schwenk mag die Spontaneität in ihrem Beruf: „Ich lerne ständig neue Leute kennen und weiß morgens noch nicht, was auf mich zukommt.“ Wände in Holzständerbauweise vorzubereiten, gehört ebenso dazu wie die Sanierung von altem Gebälk und der Bau von Gauben. Auch macht es ihr Spaß, mit wuchtigen Hammerschlägen bis zu 31 Zentimeter lange Sparrennägel in Holzbalken zu treiben. Tanja Schwenks Gesicht beginnt zu leuchten, wenn sie vom Zusägen eines Dachstuhles und dem Aufrichten erzählt. Zweimal war sie bislang bei Richtfesten dabei, die nach alter Sitte gefeiert wurden.

Und nach der praktischen Prüfung im Januar geht es – der Tradition entsprechend – auf die Walz? Tanja Schwenk winkt ab: „Wenn ich unterwegs bin, will ich frei und flexibel sein und mich nicht an irgendwelche Regeln von Schächten halten.“ Da ist es wieder, das Streben nach Unabhängigkeit. „Es gibt eigentlich nichts, was ich nicht selber mache“, unter­streicht die Münsingerin. Dazu gehört auch der Reifenwechsel an ihrem grünen VW-Bus. Der könnte ihr auch gute Dienste erweisen, wenn sie in ihrer Gesellenzeit das Fernweh packt. . .