Lokales

Hartz IV schlägt voll auf die Statistik durch

Wenig Mut auf eine spürbare Erholung auf dem Arbeitsmarkt machen die aktuellen Zahlen der Agentur für Arbeit. 2005 kletterte die Zahl der Arbeitslosen im Agenturbezirk um 15,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Neu in der Statistik sind vor allem die erwerbsfähigen Arbeitslosengeld-II-Empfänger.

NICOLE MOHN

Anzeige

GÖPPINGEN "Mit Hartz IV hat für uns eine neue Zeitrechnung begonnen", erklärte die Leiterin der Agentur für Arbeit Göppingen, Heidrun Schulz gestern bei der Vorstellung des Arbeitsmarktreportes für 2005. Die leichte wirtschaftliche Erholung und die steigende Binnenmarktnachfrage könnten aber den Arbeitsmarkt 2006 leicht beleben. Dazu geben zumindest die aktuellen Zahlen für den Januar 2006 Anlass. Zwar erhöhte sich die Arbeitslosenquote um 0,5 Punkte auf 6,1 Prozent, liegt mit insgesamt 24 470 arbeitslos Gemeldeten rund 6,3 Prozent unter der Quote des Vorjahresmonats.

24 244 Menschen waren 2005 im Agenturbezirk im Schnitt ohne Arbeit. Das ist ein deutliches Plus von 15,8 Prozent im Vergleich zu 2004. "Es ist der höchste Stand seit sieben Jahren", berichtet Heidrun Schulz. Den Grund für das deutliche Plus sieht die Leiterin der Agentur für Arbeit darin, dass mit der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe nun Personen arbeitslos gemeldet sind, die sich bislang nicht bei den Arbeitsämtern registrieren ließen. "Wer als Mitglied einer Bedarfsgemeinschaft erwerbsfähig ist, taucht nun in unserer Statistik auf", erläutert Heidrun Schulz.

Die Entwicklung in den beiden Landkreisen Esslingen und Göppingen gestaltete sich zum Teil sehr unterschiedlich. Im Kreis Esslingen erhöhte sich der Anteil der Arbeitslosen um 16,8 Prozent, die Göppinger legten nur um 14,2 Prozent zu. Auch regional gibt es große Unterschiede: Einer der Spitzenreiter ist hier Nürtingen mit einem Plus von 20 Prozent. Das relativiert sich beim Blick auf die Arbeitslosenquote: Die kletterte im Jahresmittel von 4,6 auf nun 5,5 Prozent und liegt damit unter dem Durchschnitt im Arbeitsamtbezirk. In Kirchheim erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen um sechs Prozent, die Arbeitslosenquote stieg von 5,3 auf 5,7 Prozent an.

Besonders bei den Frauen registrierte die Behörde eine deutliche Zunahme: Bei einzelnen Geschäftsstellen kletterte ihr Anteil um bis zu 26 Prozent nach oben. Häufiger als deutsche sind ausländische Mitbürger ohne Beschäftigung. Hingegen stieg im Vergleich der Anteil der über 55-Jährigen nicht überproportional. Jedoch bleibt die Situation für ältere Arbeit Suchende angespannt: "Ab 50 ist es unheimlich schwierig, wieder in den Arbeitsmarkt zu kommen", so die Expertin.

Aber auch für die Jüngeren ist es nicht einfach: Die Berater verzeichneten bei den unter 25-Jährigen einen deutlichen Anstieg von 2 721 auf 3 117 Arbeitslose. Im Bereich der Geschäftsstelle Kirchheim kletterte die Arbeitslosenquote bei den Jugendlichen sogar um 35,2 Prozent. Immerhin konnten von den 352 Schulabgängern, die im September noch ohne Ausbildungsplatz waren, inzwischen bis auf 35 alle versorgt werden. "Und dieser Zahl stehen noch eine ganze Reihe von Angeboten gegenüber", zeigt sich die Chefin der Agentur optimistisch, auch die verbliebenen Jungen und Mädchen unterbringen zu können. Allerdings stehen schon die nächsten in der Warteschlange. So erwartet Heidrun Schulz auch für 2006 eine schwierige Situation auf dem Lehrstellenmarkt. Die Agentur für Arbeit werde sich deshalb erneut mit den Schulen, Kammern und Betrieben um weiterführende Angebote bemühen. Das Modell der Betriebspraktika habe sich dabei besonders bewährt: "Rund 50 Prozent dieser Angebote münden für die Jugendlichen in eine betriebliche Ausbildung", berichtet die Agenturleiterin. Besorgt beobachten die Experten allerdings, dass der Anteil der arbeitslosen Jugendlichen ohne abgeschlossener Berufsausbildung beständig steigt: 2005 waren das mehr als 40 Prozent.

Die Zahl der Kurzarbeiter bewegt sich nahezu auf gleichen Niveau wie im Vorjahr. Insgesamt waren 2005 208 Betriebe und rund 2 200 Arbeitnehmer betroffen. Damit liegt der Göppinger Agenturbezirk bei der Kurzarbeit nach wie vor landesweit an der Spitze. Nur negativ bewertet Heidrun Schulz dies allerdings nicht: "Jeder Kurzarbeiter ist kein arbeitsloser Arbeitnehmer", hält sie es für ein probates Mittel zur Überbrückung.

Nach den starken Einbrüchen der drei vorangegangenen Jahre vermeldete die Agentur für Arbeit für 2005 erstmals deutlich mehr Stellenangebote: Insgesamt boten die Unternehmen im vergangenen Jahr knapp 20 700 freie Arbeitsplätze das sind 32,5 Prozent mehr als 2004. Dabei verzeichnet die Agentur für Arbeit einen zunehmend schnelleren Wechsel bei den Zu- und Abgängen.

Ein Plus gab es bei den Erwerbstätigen. Allerdings liegen die Ursachen dafür weniger in neuen Arbeitsplätzen, sondern bei Arbeitsangeboten wie ein 1-Euro-Jobs und Ich-AGs. Der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Stellen sinkt nach wie vor. Ein Trend, der sich fortsetzen wird, befürchtet Heidrun Schulz. Nach wie ist der Maschinenbau eines der Sorgenkinder. Stellen, die hier wegbrechen, vermag der kleine Aufwärtstrend bei den Dienstleistungen nicht auszugleichen, so die Leiterin der Agentur für Arbeit Göppingen.

Immer häufiger suchen die Menschen in der Selbstständigkeit den Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. 2 500 wagten diesen Schritt. Die Palette ist vielfältig: "Das reicht von der Änderungsschneiderin bis hin zu technischen Berufen", sagt die Agenturchefin. 2005 förderte ihre Behörde Existenzgründer mit rund 23 Millionen Euro in Form von Überbrückungs- oder Fördergeldern.

Angesichts der positiven Stimmung in der Wirtschaft und einer leichten Belebung bei der Binnennachfrage wagte die Leiterin der Agentur für Arbeit einen verhalten optimistischen Ausblick für 2006: Sie hofft auf eine Konstanz bei den Arbeitslosenzahlen, eventuell sogar eine leichte Belebung.

Das Ergebnis für den ersten Monat des Jahres macht der Leiterin der Behörde dabei Mut: Zwar stieg die Zahl der Arbeitslosen im Januar auf 24 470 und damit über die Sechs-Prozent-Hürde, liegt aber rund 6,3 Prozent unter dem Vergleichsmonat des Vorjahres. Die Entwicklung sei zudem vorhersehbar gewesen, sagt Heidrun Schulz. "Wir haben die Winterentwicklung nachgeholt", sagt die Expertin. Dazu kamen Faktoren wie Witterung und Quartalskündigungen, die sich zum Jahresende besonders stark auswirkten. Im Bereich der Geschäftsstelle Kirchheim kletterte die Arbeitslosenquote von 5,3 Prozent im Dezember auf 6,0 Prozent im Januar. Im Landkreis Esslingen erhöhte sich die Quote um 0,5 auf 5,8 Prozent.