Lokales

Hasen aus Rommelshausen sorgten für Spitznamen

Visionen für die Zukunft, resultierend aus der Rückkehr zu Tradition und altem Wissen so schafft Chief Olatunji Akomolafe Hilfe zur Selbsthilfe in seiner unabhängigen Organisation VPP, die sich der Ausbildung von Jugendlichen und Erwachsenen in Nigeria widmet. Am morgigen Mittwoch hält er um 19.30 Uhr in der Realschule Lenningen einen Vortrag zum Thema "Fortschritte im Kampf gegen Hunger und Armut".

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Zum Unterrichten hat Olatunji Akomolafe kaum mehr Zeit. Mittwochs und samstags gibt er zwar noch Kurse, den Rest der Woche ist er mit zahlreichen anderen Aufgaben beschäftigt. Im Radio stellt er sein VPP (Village Pioneer Projekt) vor, spricht über Landwirtschaft, Biogasanlagen oder Solarenergie und erzählt von der erfolgreichen Hasenzucht. "Dabei handelt es sich um eine deutsch-nigerianische Züchtung. Die Urväter dieser Hasen stammen aus Rommelshausen im Remstal", verrät der Projektleiter, dessen Frau mit den drei gemeinsamen Kindern in Waiblingen lebt. Aus den kleinen Hasen aus Nigeria, die etwa ein Kilogramm auf die Waage bringen, ist dank dieser Züchtung eine Rasse mit drei bis vier Kilogramm geworden. "Diese Kreuzung ist eine Rarität in Nigeria, die VPP-Leute werden in ihrer Heimat deshalb auch als ,rabbit people' bezeichnet, also Hasen-Leute", erzählt der Chief.

Der Tag beginnt für ihn um 5.45 Uhr. "Wir müssen früh anfangen zu arbeiten, denn am Mittag ist es zu heiß", erzählt er. Dann heißt es erstmal Hühner, Schweine und Hasen füttern. Gegen Frühnachmittag empfängt er oft Besucher, die sich über VPP informieren wollen, das seit 20 Jahren besteht, das Schulprojekt seit zehn Jahren. Im Einzugsgebiet von 120 Kilometern bildet VPP hauptsächlich junge Menschen an drei Standorten aus. Zur landwirtschaftlichen Abteilung gehört neben der Tierhaltung auch die Kräuterzucht und Wiederaufforstung. Auch in verschiedenen Handwerksberufen werden die Menschen ausgebildet: beispielsweise Schreiner, Weber, Schmied, Batiker oder in der Kunst der medizinischen Kräuterherstellung, der großen Leidenschaft von Olatunji Akomolafe. "Wir sind ein Schaumodell", berichtet er stolz. Das VPP arbeitet ausschließlich biologisch, dazu zählt auch, dass die Afrikaner wieder lernen, ihre Häuser auf traditionelle Art mit Lehm zu bauen, was zudem den Vorteil hat, dass es billig ist. Die Solartechnik wird zum Kochen verwendet und mit der Biogasanlage wird Abfall zu Energie umgewandelt.

Die Standorte von VPP liegen im Bundesstaat Ondo, im Süden von Nigeria. 1986 wurde das Projekt auf einem Stück Land in Ajue, etwa 70 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Akure, eingerichtet. Nachdem die Farm dort ihren Ausbildungsbetrieb aufgenommen hatte, wurde ein zweites Standbein mit der Farm in Iju, 25 Kilometer nördlich von Akure, aufgebaut. In Akure selbst gibt es seit Anfang der 90er-Jahre ein Kulturzentrum

Nach dem Studium der Agrarwissenschaften in Kassel-Witzenhausen stellte sich für Olatunji Akomolafe die Frage nach dem beruflichen Werdegang. Er wollte zurück in seine Heimat, um dort etwas gegen die drückende Armut und die grasierende Landflucht zu unternehmen. "Den Ölboom gab es nicht mehr, viele Menschen endeten in den Großstädten in Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Prostitution oder wurden kriminell", beschreibt der Projektleiter die damalige Situation. Die Globalisierung hat auch vor Nigeria nicht Halt gemacht. Das fette Essen der Schnellimbiss-Ketten verdrängt die traditionelle Kost, weshalb viele Nigerianer an Zivilisationserkrankungen leiden. "Etwa 40 der Elite ist wegen der einseitigen Ernährung an Diabetes erkrankt", berichtet Olatunji Akomolafe.

Entgegen diesem Trend wollte er vor allem den jungen Menschen eine Perspektive auf dem Land bieten, damit sie erst gar nicht die Reise Richtung Stadt antreten. "Das alte Wissen war fast schon verloren", verdeutlicht er die Problematik. Der Erfolg seines Projekts zeigte sich nach zehn Jahren. 60 Prozent aller bei VPP ausgebildeten jungen Menschen sah für sich eine Perspektive und wanderte nicht ab.

Den Wert der kulturellen Wurzeln will Olatunji Akomolafe schon den Kindern in der Schule zeigen. "Yoruba" heißt die Muttersprache in Westnigeria, die aber immer mehr wegen Englisch vernachlässigt wird. "Durch den Verlust der Sprache verliert man nicht nur Wissen und Erfahrung, sondern auch Kreativität", ist der Projektleiter überzeugt. Trommeln, Tanz und Musik sind deshalb Pflichtfach an seiner Schule geworden. "Wenn die Trommel ertönt, sind alle Afrikaner glücklich das ist psychologische Medizin. Doch immer weniger Menschen spielen die Trommel und somit geht auch die Freude verloren", musste der Chief feststellen.

"Die Schule in Lenningen hat viel für uns getan", weiß Olatunji Akomolafe das Engagement von Schülern und Lehrern zu schätzen. Seit Jahren werden dort Spenden für VPP gesammelt. Wer mehr über dieses Projekt erfahren möchte, ist am morgigen Mittwoch um 19.30 Uhr in der Aula der Realschule Lenningen willkommen. Der Chief hält den Vortrag, "Fortschritt im Kampf gegen Hunger und Armut". Unter dem Stichwort "Schüler helfen Schülern" lädt die Klasse 8 b der Karl-Erhard-Scheufelen-Realschule im Rahmen des Projektfachs WVR (Wirtschaft-Verwalten-Recht) ein.